„Mach was!“ – Mit der Farbe Gelb

Natürlich gibt es auch dieses Jahr wieder die Mitmachaktion für Kreative, von Herba und Pö. Und da ich mich für kreativ halte und meine Mutter auch sagt, dass ich kreativ bin, was bedeutet, dass das stimmen muss, mache ich natürlich wieder mit.

Das Thema dieses Mal lautet:

Die Farbe Gelb

Dazu gibt es – wie eigentlich immer – eine Geschichte aus der fiktiven Stadt Lebingen. Übrigens ist das eine fiktive Stadt in einer fiktiven Welt. Also haltet euch bitte nicht mit historischer Akkuratesse (heißt das so?) auf. In Lebingen ist alles zu jederzeit möglich.

Gelbes Fieber

Akindo stand auf der Reling der Yoitabi, ließ die frische Meeresluft durch sein schwarzes Haar wirbeln und atmete tief ein. Wie in den letzten Tagen üblich, roch es nach Fisch. Er konnte es kaum erwarten, endlich in Europa anzukommen und neue Gerüche kennenzulernen. Und vor allem den Fischgeruch aus der Nase zu kriegen. In Japan gab es täglich Fisch. Auf dem Schiff gab es täglich Fisch. Er wollte etwas Neues. Und wenn er es selbst erlegen musste. Hauptsache kein Fisch. Er war gespannt, was die Stadt Lebingen ihm zu bieten hatte. Sie galt als eine der fortschrittlichsten Städte der Welt. Im Endeffekt bedeutete das, dass in ihr verhältnismäßig wenig Leute täglich auf der Straße abgestochen wurden.

Die Sonne schien auf den Hafen herab, der nur noch wenige Minuten entfernt lag. Akindo würde gleich seine ersten Schritte auf europäischem Boden machen. Damit hätte er bereits den dritten Kontinent bereist. Das konnten nur die wenigsten Menschen von sich behaupten. Außer Bootskapitänen und deren Besatzung kamen die Leute nicht viel herum. Sie hatten wichtigere Dinge zu tun. Felder pflügen. Burgen bauen. Einfallende Horden abwehren.

Akindo hatte schon früh beschlossen, dass das nicht das Leben war, das er haben wollte. Er wollte nicht wie sein Vater ein Fischer werden, der den Rest seines Lebens damit verbrachte, in toten Meeresfrüchten rumzupulen. Er wollte die Welt und ihre Möglichkeiten entdecken. Zugegeben, die Welt bot weniger Möglichkeiten, als er vermutet hatte. Der kleine Umweg über Afrika hatte gezeigt, dass es den Menschen überall gleich beschissen ging. Immerhin hatte er den sandigen Kontinent betreten und somit mehr gekriegt, als er bei seiner Abfahrt erwartet hatte. Den Abstecher hatten sie nur gemacht, weil Professor Wong unbedingt eine Kiste Mücken mitnehmen wollte. Akindo hatte nicht gefragt, wozu er eine Kiste mit Mücken braucht. Er hatte Professor Wong erst auf dem Schiff kennengelernt und festgestellt, dass er zwar ein interessanter, aber auch äußerst eigenwilliger Charakter war.

Nur kurze Zeit später stellte Akindo fest, wie eigenwillig und stumm Professor Wong tatsächlich war. Aus Kostengründen teilte er sich ein Zimmer in einer heruntergekommenen Herberge mit dem alten Mann, der die meiste Zeit damit verbrachte, seine gelben Finger zu nikotinieren, indem er eine Zigarette nach der anderen rauchte. Während den Zügen an den Kippen beschwerte er sich über den Verlust seiner Kiste voller Mücken. Akindo traute sich immer noch nicht zu fragen, was er mit den Mücken vorgehabt hatte. Er vermutete, dass er vorhatte, aus Nikotin ein Mückenabwehrmittel zu entwickeln. Oder herauszufinden, wie lange es dauerte, bis Mücken in einem komplett von Zigarettenqualm vernebelten Raum voller gelber Tapeten das Zeitliche segneten. Akindo war sich sicher, das seine Zeit bald kommen würde, wenn er nicht an die frische Luft käme und ging zum Marktplatz. Von frischer Luft zu sprechen, war zwar etwas optimistisch, aber nach einigen Minuten hatte man sich daran gewöhnt und gewöhnte sich an den Modergeruch, der in den Straßen lag wie die Obdachlosen, die vermutlich schon bald den Geruch verstärken würden. In dem Viertel, in dem er mit dem Professor untergekommen war, hielt man offensichtlich nichts von Reinlichkeit und Hygiene. Gastfreundschaft war noch weniger zu erwarten. Auch wenn Akindo die Bewohner freundlich grüßte, wurde er nur schief angeschaut. Er ging etwas schneller, da er befürchtete, er könnte sonst im Unrat ertränkt werden, einfach nur, weil er sich zu nett für diese Gegend verhielt.

Auf dem Markt herrschte das erwartete Aufkommen von Menschen aller Klassen, jeden Alters und allen Geschlechtern. Schausteller unterhielten die Massen. Leute in Kostümen führten eine Art Theaterstück auf. So weit Akindo das verstehen konnte, ging es darum, wie man einen Menschen auf möglichst brutale Weise von seinen Innereien befreien konnte, die hier durch ein rotes Seil und einen Eimer zermatschter Kirschen dargestellt wurden. Die Zuschauer liebten es offensichtlich und jubelten jeder Kirsche einzeln zu.

Akindo widmete sich lieber den Marktständen, an denen sich Händler und Kunden über den sinnvollsten Preis für halbvergammeltes Obst stritten. Einige der Früchte hatte Akindo zuvor nie gesehen. Er kramte in seiner Tasche nach etwas Kleingeld und entschied, ein paar außergewöhnliche Exemplare zu kaufen, die so aussahen, als würde man nicht direkt Magenkrämpfe nach dem Verzehr kriegen, weil ihr Verfallsdatum schon seit Wochen überschritten war. Er ging zu einem der Stände, verscheuchte die Fliegen von einer Kiste, damit er darunter das Obst erkennen konnte. Die Fliegen drehten eine Runde und setzten sich auf eine andere Kiste. Vor Akindo surrte ein Schwarm Mücken durch die Luft. Vermutlich waren es die Mücken des Professors. Akindo beachtete sie nicht weiter und kaufte eine handvoll gelber Früchte aus der Kiste. Er hielt sich nicht mit langen Verhandlungen auf. Er wusste ohnehin nicht, was der Wert des Obstes wirklich war und der Wert des Europageldes war ihm auch nicht klar. Der Professor hatte versucht, ihm zu erklären, wie er die Währungen umrechnet, aber er war nicht gut darin und hatte sich seit seinem Aufenthalt in der Stadt darauf beschränkt zu schätzen, wie viel Wert er in der Hand hielt. Bisher hatte das immer funktioniert. Vermutlich bezahlte er immer viel zu viel und die Markthändler rieben sich schon die Hände, wenn sie ihn kommen sahen.

Er verabschiedete sich freundlich von dem Händler und handelte sich einen der üblichen Blicke ein, die diese Freundlichkeit ständig in der Stadt hervorrief. Der Händler schaute Akindo eigenartig an. Dann öffnete er seinen Mund und spuckte eine dunkle Flüssigkeit aus. Er warf Akindo einen hilflosen Blick mit seinen gelblichen Augen zu. Blut lief aus seiner Nase. Er begann zu zittern und brach zusammen. Um Akindo herum begannen mehr und mehr Leute es dem Händler gleich zu tun. Immer mehr Menschen fielen zitternd und schwarzes Blut spuckend zu Boden. Akindo schaute sich nervös um. Am Boden sterbende Menschenmassen waren vermutlich auch in Europa kein gutes Zeichen. Japans Hauptstadt hatte erst vor wenigen Jahren eine große Pockenepidemie überstanden. Europa hatte ebenfalls bereits eine lange Geschichte von Ausbrüchen unterschiedlicher Krankheiten, die die hiesigen Ärzte vor Rätsel stellten. Akindo hielt es für das beste, zurück zum Professor zu gehen.

Lebingen stand unter Quarantäne. Eine Epidemie von gelbem Fieber hatte die Hälfte der Bevölkerung in wenigen Tagen ausgerottet. Niemals hatte eine Seuche so schnell zugeschlagen. Akindo und Professor Wong saßen auf ihrem Zimmer. Akindo schob den Vorhang vor einem Fenster zur Seite und schaute hinunter auf die Straße. Schwarz gekleidete Gestalten, die ihre Gesichter hinter Schnabelmasken verbargen, streunten durch die leeren Straßen. Einer zog einen Karren hinter sich her, auf dem leblose Körper aufgestapelt wurden. Hin und wieder hielten sie an und warfen einen weiteren Körper auf den Karren. Akindo ließ den Vorhang zurücksinken und schaute Professor Wong an, der in der Ecke auf einem Stuhl saß und eine Zigarette rauchte. Er hatte behauptet, dass die Mücken für die Epidemie verantwortlich sein könnten. Auf die Frage, warum er eine Kiste Mücken mitgebracht hatte, bekam Akindo keine richtige Antwort. Zu Forschungszwecken, hatte Professor Wong gesagt. Was auch immer das bedeuten mochte. Seit dem Ausbruch schien er kein Interesse mehr an der Forschung zu haben. Immerhin hatte er offenbar genug Tabak für Jahre im Gepäck, damit ihm nicht langweilig werden würde. Ein lautes Pochen ließ Akindo aufschrecken. Bevor er sich fragen konnte, woher das Geräusch kam, flog die Zimmertür aus ihren Angeln und Gestalten in schwarzen Kutten und Pestmasken betraten den Raum. Ohne ein Wort zu sagen, gingen sie auf Professor Wong und Akindo zu.

Akindo versuchte die Fesseln an seinen Händen zu lösen. Die Pestmasken verstanden es, einen guten Knoten zu knüpfen. Das Seil lockerte sich kein Stück. Er schaute neben sich. Professor Wong stand seelenruhig da, ebenfalls an einen Stab gefesselt. Beide standen auf aufgestapeltem Holz. Die Pestmasken waren sich einig, dass nur die beiden Asiaten für den Fluch verantwortlich sein konnten, der über der Stadt lag. Die Männer mit der gelben Haut hatten die gelbe Seuche gebracht, die die Haut und die Augen eines jeden gelb werden ließ. Das Urteil für dieses Verbrechen war schnell gefällt worden. Ohne Prozess und ohne Akindo und Professor Wong eine Gelegenheit zu geben, sich zu verteidigen, waren die Scheiterhaufen aufgebahrt worden. Schnabelmasken mit brennenden Fackeln standen vor ihnen und warteten darauf, dass sie das Holz entzünden durften. Akindo vermutete, dass sie darauf warteten, dass die Pestmaske, die aus dem dicken Buch in seinen Händen vorlas, fertig war. Wenn er das komplette Buch vorlesen wollte, hätte er noch Tage Zeit, um sich zu befreien. Auf dieses Glück wollte er sich allerdings nicht verlassen. Er rubbelte das Seil an dem Pfahl auf und ab. Professor Wong machte weiterhin keine Anstalten, irgendetwas unternehmen zu wollen. Akindo fasste den Beschluss, ihn sich selbst zu überlassen. Im Idealfall hatte er hinterher ein Zimmer für sich alleine.

Der Vorleser sagte »Amen« und schlug das Buch zu. Er nickte den Pestmasken mit den Fackeln zu. Die näherten sich dem aufgestapeltem Holz. Akindo rubbelte schneller an seinen Seilen herum als je zuvor. Aber sie waren zu fest und zu dick. Es gab keine Möglichkeit sich zu befreien. Die Fackeln kamen näher. Akindo schaute Professor Wong an, der weiterhin seelenruhig an seinen Pfahl gefesselt da stand. Vermutlich war er sogar eingeschlafen. Außer rauchen und schlafen hatte er ohnehin nichts gemacht, seit sie in Lebingen angekommen waren. Vermutlich hatte er sich den Professoren-Titel selbst gegeben. Akindo konnte sich jedenfalls nicht vorstellen, wie dieser ketterauchende Langschläfer jemals irgendetwas auf die Reihe gekriegt haben könnte. Er hätte sich gewünscht, wenigstens an der Seite von jemandem zu sterben, der kein totaler Langweiler war und zumindest einen Versuch unternehmen würde, sich selbst und eventuell auch Akindo zu befreien.

Die Fackeln kokelten das Holz an. Der stechende Geruch stieg Akindo in die Nase. Immerhin besser als Fisch. Akindo schloss die Augen und atmete tief ein, so lange er noch nicht in eine schwarze Wolke des Todes eingehüllt war. Er hörte ein Geräusch und öffnete die Augen wieder. Das Geräusch war ein Tritt gegen eine Fackel gewesen, die eine der Pestmasken in Brand gesetzt hatte. Die Pestmaske kreischte laut und taumelte über den leeren Marktplatz. Akindo schaute sich überrascht um. Professor Wong stand inmitten der Pestmasken und trat und schlug um sich wie ein Shaolinmönch auf Klosterfreigang. Pestmasken flogen umher. Schwarze Umhänge rissen. Nach wenigen Sekunden stand nur noch der Professor. Er ging um Akindos Pfahl herum und trennte mit einem Handkantenschlag die Fesseln. Mit einem kurzen Blick gab er dem Jungen zu verstehen, dass es Zeit war, Lebingen zu verlassen.

Ein Mückenschwarm surrte über die Pestmasken hinweg und verfolgte die asiatischen Besucher auf dem Weg zur nächsten Stadt.

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3 Gedanken zu “„Mach was!“ – Mit der Farbe Gelb

Laber mich voll, ich mag das.

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