Der Teufel im Detail und Gott in der Maschine

Ich bin ja nicht sehr anspruchsvoll, wenn es um die Auswahl von Literatur geht. Um genau zu sein reicht es mir schon fast, wenn der Autor Rechtschreibung einigermaßen beherrscht, sodass ich mich nicht durch einen Urwald von Fehlern kämpfen muss. Da wird das Lesen dann einfach zu anstrengend. Aber ansonsten gibt es kaum etwas, dem ich nicht zumindest eine Chance einräume. Okay, wenn der Protagonist – wie in dem Buch, das ich neulich angefangen habe – auf Seite 3 einem Typen mit einem Hammer die Hoden zermatscht, während er sich selbst als Opfer darstellt, bin ich raus aus der Nummer. Nicht, dass ich empfindlich wäre, aber das ist mir einfach zu doof und offensichtlich darauf getrimmt, mit sinnloser Gewalt eine gewisse Leserschaft abzuholen. Aber ansonsten gibt es kaum etwas, das mich wirklich abschreckt.

Abgesehen von zwei Dingen, die ich nicht wirklich mag.

DETAILS

Das heißt jetzt nicht, dass Details unwichtig sind. Aber weniger ist eben mehr. Ich finde nichts langweiliger als unendlich ausschweifende Beschreibungen. Sowas hier zum Beispiel:

Sie gingen an einer Blumenwiese vorbei. Die Wiese war grün mit bunten Blüten. Sie bot alle Farben des Regenbogens. Rote Rosen blühten am Wegesrand. Blaue Violen ließen ihre Köpfe hängen. Gelbe Sonnenblumen streckte ihre Blüten Richtung Sonne. Weiße Margeriten streckten ihre Blüten von sich. Violette Immergrüns blühten interessanterweise nicht grün, sondern violett, was die Frage aufwarf, warum sie Immergrün hießen. Ein Bienenschwarrm summte über die Wiese. Die Bienen tauchten ab in die Blüten und machten sich an die Arbeit. Schmetterlinge drehten Kreise über der bunten Wiese. Ihre flatternden Flügel waren so bunt wie die Blumenblüten unter ihnen. Weiße Apollofalter mit schwarzen Punkten auf den Flügeln jagten sich gegenseitig. Blaue Morphofalter ruhten sich auf grünen Blättern aus. Bräunliche Perlmutterfalter spielten im Wind. Gelbe Zitronenfalter suchten nach Zitronen zum Falten, aber fanden keine.

Und so weiter. Nun wissen wir also einiges über diese wunderschöne Blumenwiese. Und wir wissen, dass der Autor offensichtlich Botaniker und Lepidopterologe ist. Aber was hat es denn jetzt mit dieser Wiese auf sich?

Sie gingen an der Wiese vorbei und betraten einen Wald. In dem Wald zwitscherten Vögel. Die Bäume standen dicht beieinander …

Hallo? Das wars? Was ist denn jetzt mit der Wiese? Lauert darin zufällig ein gefährlicher Wolf, der die Helden angreift? Nein? Nichts? Und dafür musste ich mir jetzt diesen ganzen langweiligen Quatsch über diese Kackwiese durchlesen? Leute, meine Lebens- und Lesezeit ist begrenzt. Was interessiert mich da diese Wiese, die für die Handlung, die Figuren, die Welt und absolut alles andere nicht die geringste Rolle spielt? Da lese ich nicht weiter.

Und wo wir gerade bei Figuren sind. Auch immer unglaublich spannend ist sowas hier:

Hans-Peter trug eine Jeans, einen roten Pullover und eine Sonnenbrille. An den Händen trug er Handschuhe gegen die Kälte. Seine Schuhe sahen noch neu aus. Er hatte sie erst kürzlich im Schuhladen gekauft. Seine Frisur war kurz geschnitten. Er wog 80 Kilo und war 1,86 Meter groß.

Wow. Toller Typ. Aber: Mir egal. Es interessiert mich nicht die Bohne, wie groß der Vogel ist und auch nicht, was er für eine Hose trägt. Wenn er mit seinen neuen Schuhen nicht jemandem in den Arsch tritt, ist es mir schlicht egal.

Das soll jetzt nicht heißen, dass mich Details prinzipiell nerven. Aber die Kunst liegt nun mal darin, dem Leser die Informationen zu geben, die er benötigt und die wichtig sind. Wenn Hans-Peter im Winter eine Sonnenbrille trägt, ist das ganz wunderbar. Aber dann sollte man auch erklären, warum er das tut. Hält er sich für ganz besonders cool? Hat er empfindliche Augen? Ist er gar blind? Nein? Na gut, dann hat die Sonnenbrille für ihn einen besonderen Wert, oder? Sie wurde ihm von seiner sterbenden Mutter geschenkt. Nein? Dann braucht er auch keine verdammte Sonnenbrille. Und wenn er keine Sonnenbrille trägt, kommt mir nicht mit dem Ersatz Er hatte stahlblaue Augen. Ich will es nicht wissen. Und stahlblau schon mal gar nicht.

Der Punkt ist: Wenn ich lese, formt sich in meinem Kopf direkt ein eigenes Bild von Figuren und der Welt. Natürlich braucht es ein paar Beschreibungen, um dieses Bild zu formen, aber zu viele Details zerstören dieses Bild letztlich. In meinem Kopf trägt Hans-Peter ein grünes Shirt und ist nur 1,78 groß. Und wenn in der Geschichte nicht irgendwas passiert, wodurch dieses Bild in eine andere Richtung gelenkt werden muss (zum Beispiel, dass er mit dem langen Ärmel seines roten Pullovers erwürgt wird, was mit dem Ärmel eines Shirts nicht geht), dann kann es weg. Denn es verwischt nur das Bild in meinem Kopf und am Ende habe ich dann einen Brei aus Figuren, mit tausend Klamotten, von denen ich mir keine merken kann. Zwei oder drei herausstechende Merkmale pro Person sind völlig ausreichend. Der Rest ergibt sich von selbst.

So viel dazu. Wenn dann jetzt die Welt und die Figuren nicht mehr seitenweise beschrieben werden, hat man gut Platz geschaffen, um auch mein zweites Hassobjekt des Erzählens zu vernichten.

DER RETTENDE ZUFALL

Man kennt das ja. Die Helden haben sich durch die Geschichte geschlagen, allen Gefahren widersetzt und jetzt stehen sie kurz vor der Lösung des großen Problems. Der große Showdown steht bevor. Das Ende, auf das man so lange hingefiebert hat. Uh, was ist das spannend.

Hans-Peter stand ihm gegenüber. Seinem Widersacher. Dem Mann, der für das alles verantwortlich war. Der ihn belogen, betrogen, verraten und ihm die Freundin ausgespannt hatte. Hans-Peter hielt die Waffe in seiner behandschuhten Hand und richtete sie auf Rolf. Rolf schaute Hans-Peter ernst an: „Du wirst nicht schießen. Das hast du nicht in dir. Du bist kein Mörder.“ Hans-Peter wusste, das er es tun sollte. Dass er den Mann umbringen sollte, der ihm all das Leid und den Schmerz der letzten Zeit zugefügt hatte. Sein Finger zuckte am Abzug. Er konnte es nicht. Er konnte den Abzug nicht betätigen. Rolf hatte recht. Er war kein Mörder. Er konnte ihn nicht erschießen. Hans-Peter ließ die Waffe sinken. Rolf ergriff die Gelegenheit und stürzte sich auf Hans-Peter. Sie rangelten um die Waffe und rollten über den Boden. Dann löste sich ein Schuss …

Hui, was für ein glücklicher Zufall. Hans-Peter kann selbst nicht den Abzug betätigen, aber in einem wilden Gerangel kann sich ja schnell mal ein Schuss lösen. Und es sollte klar sein, wer getroffen wurde. Mal davon abgesehen, dass diese Szene komplett ausgelutscht ist, bringt sie dem Protagonisten auch nicht so wirklich das Ende, dass er haben sollte. Er sollte über sich hinauswachsen. Das bedeutet natürlich nicht, dass er zum Mörder werden muss, aber dann muss man die Szene eben anders angehen. Aber gut, Rolf muss von dem Schuss ja nicht tödlich verletzt worden sein. Also kann die Szene ja noch weiter gehen und Hans-Peter kriegt noch eine Chance, sich endgültig gegen seinen Peiniger zu behaupten:

Rolf schrie auf. Er rollte von Hans-Peter herunter und hielt sich den blutenden Arm. Die Kugel war direkt durch seine Schulter gegangen und hatte sie auf der Rückseite wieder verlassen. Rolf stand mühsam auf und stand taumelnd vor Hans-Peter. Hans-Peter schaute die Waffe in seiner Hand an. Er warf sie weg. Sie landete direkt vor Rolfs Füßen. „Du hast auf mich geschossen“, stöhnte Rolf. „Das wirst du bereuen. Du hättest den Job richtig erledigen sollen.“ Er hob die Waffe auf und richtete sie auf Hans-Peter. Es gab keine Fluchtmöglichkeit. Hans-Peter machte sich auf das Ende gefasst. Rolf machte sich bereit, den Abzug zu drücken. Dann wurde er von einer Flugzeugturbine erschlagen.

Na, das war ja noch mal knapp, was? Zum Glück gibt es die Luftfahrt mit all ihren Fehlern, die dann auch mal für einen Flugzeugabsturz sorgen, bei dem sich eine Turbine verselbstständigen kann, die den Antagonisten zermatscht, kurz bevor er den Protagonisten umbringt.

Nun muss Hans-Peter ja nicht mal zu einem gewalttätigen Typen werden, der seinen Gegner tötet, oder ihm die Fresse poliert. Wenn man das nicht will, gibt es auch andere Möglichkeiten. Er könnte ihm eine Falle stellen, oder Beweise gegen ihn sammeln, die ihn in den Knast bringen, oder was auch immer. Aber unter gar keinen Umständen sollte dabei eine Flugzeugturbine eine Rolle spielen.

Ebenfalls gerne genommen, ist die Kavalerie, die genau zum richtigen Zeitpunkt eintrifft. Im Sinne von „Bei Sonnenaufgang sind wir da.“ Und kurz vor Sonnenaufgang scheint die Schlacht für die Helden natürlich verloren, aber dann kommt die Rettung genau zum richtigen Zeitpunkt angeritten und wendet das Blatt. Auch das ist einfach ausgelutscht und nicht mehr wirklich spannend. Man weiß ja ohnehin, dass es so kommen wird.

Das soll jetzt auch nicht bedeuten, dass man so einen Deus Ex Machina Moment nicht hin und wieder mal nutzen kann. Ich tue das auch durchaus mal. Aber es sollte sich dann eher um kleinere Dinge handeln und nicht unbedingt um das große Finale. Aber vor allem sollte man es damit nicht übertreiben. Wenn die Helden nichts selbst auf die Reihe kriegen, ist das schlecht für die Geschichte und der Leser fühlt sich irgendwann einfach verarscht. Dann kann man auch gleich „Das große Buch der Zufälle“ schreiben.

Normalerweise folgt an dieser Stelle ein abschließendes Fazit wie „macht das nicht“ oder „lasst das besser sein“ wie es bei Schreibtipps üblich ist. Aber da ich bekanntlich keine Schreibtipps gebe, spare ich mir das und komme zum Clou der ganzen Sache. Denn interessanterweise sind diese Dinge, die mich beim Lesen anderer Geschichten so stören, auch oft Teil meiner eigenen Geschichten. Ganz unbewusst bediene ich mich beim Schreiben genau dieser Mittel, um die Story voranzutreiben. Und wenn es mir dann später auffällt, stört es mich nicht mal so sehr, wie es das eigentlich sollte. Also sind Details und Zufälle am Ende vielleicht doch gar nicht so verkehrt, sofern man sie in Maßen einsetzt. Oder bin ich einfach nur von den ganzen anderen Geschichten versaut, die diese nutzen, sodass es mir selbst nicht mehr auffällt?

Wie seht ihr das? Mögt ihr ausschweifende Beschreibungen? Und Zufälle, die den Helden immer wieder den Arsch retten? Oder versucht ihr auch, das auf einem möglichst geringen Level zu halten? Und seit ihr eher Hans-Peter oder mehr so der Rolf-Typ?

Advertisements

4 Gedanken zu “Der Teufel im Detail und Gott in der Maschine

  1. Mal wieder ein sehr schöner Beitrag von dir^^
    Ich muss ja sagen, ich steh echt auf Beschreibungen, gerne auch von blumenwiesen… Mir sind dabei nur zwei Dinge wichtig… Erstens muss es wirklich gut beschrieben sein, also Wendungen, die ich so noch nie gelesen hatte und die zeigen, dass der Autor ganz besonders auf die Welt blickt. Zweitens ist es auch schön, wenn es einen Sinn hat. Nicht unbedingt dass dort nun ein Wolf raus springen und wen verspeisen muss, aber ich finde, bestimmte Beschreibungen von Orten usw geben eine wundervolle indirekte Beschreibung des Charakters… Man lernt ihn eben kennen und kann seine eigene Sicht auf sie Dinge erleben… Und was die zufälle angeht… Wenn ich ehrlich bin habe ich selten ein Buch gelesen, das sich ihrer bedient, doch wsl wäre ich sehr allergisch… Ich hasse billige Mittel um etwas voran oder rüber zu bringen…
    Nun ja, und wenn es nun um einen selber geht… Ich glaube, man hat oft auch einfsch nicht den Abstand zu seinen eigenen Geschichten, sodass es darin endet, dass man an Stellen, wo es nicht zwingend notwendig wäre, zu hart mit sich ins Gericht geht während man anderes stehen lässt, was Überarbeitung bedarf. Wenn man partout keine Alternative im Kopf hat ist es auch schwer etwas zu über werfen…
    Naja, man. Muss sich eben üben ^^
    Liebe Grüße von der Luna

    Gefällt 1 Person

    1. Das mit der Sicht auf die Welt ist natürlich richtig, aber ich langweilt es einfach extrem, wenn etwas beschrieben wird, das einach völlig egal ist. Schlimm sind zum Beispiel auch gerade in der High Fantasy ellenlange Beschreibungen von den Kleidern, die die Frauen tragen. Ich will da keine Modenschau, sondern eben Action und fantastische Wesen usw.

      Das mit dem Zufall kommt sogar häufiger vor, als man denkt. Allerdings nicht in dem Ausmaß, in dem ich es hier beschreibe. Aber überleg mal, wie oft jemand zufällig eine Person trifft, oder zufällig beim Anschleichen auf einen Stock tritt und dadurch ein Geräusch verursacht, oder sich zufällig nach dem heruntergefallenen Stift bückt, gerade als der Scharfschütze den Abzug drückt, oder zufällig von jemandem gerettet wird usw.
      Das sind natürlich erstmal nur Kleinigkeiten, in der Masse wird es aber gefährlich, weil so der Protagonist von einem Zufall zum Nächsten durch die Geschichte stolpert und ich als Leser das Gefühl habe, dass er selbst eigentlich nichts auf die Reihe kriegt. Ganz verhindern lässt es sich nicht, aber gerade in wichtigen Szenen, sollte man da lieber drauf verzichten, finde ich.

      Gefällt 1 Person

      1. Ich musste nun doch ein wenig schmunzeln… Ich habe gestern ein Buch begonnen ( „Der Fall Collini“ von Schirach)… und stehe nun tatsächlich vor dem von dir beschriebenen Problem des Zufalls… Ein junger Anwalt übernimmt die Verteidigung eines Mörders. Es stellt sich heraus, dass sein Mandant von all den 7 Milliarden Menschen auf der Welt ausgerechnet den Großvater seines tragisch verstorbenen besten Freundes ermordet hat… Alles derart tragisch… und so an den Haaren herbei gezogen. Gut, also wir wissen alle, auch im wahren Leben spielen Zufälle oft eine große Rolle, aber wenn man die gesamten Konflikte des Romans auf so einen unwahrscheinlichen Zufall zurückführt, dann ist das doch ein wenig blöd wie ich finde. Schirach hin oder her, da vergeht einem doch die Lust^^
        Nun denn, liebe Grüße 😉

        Gefällt 1 Person

Laber mich voll, ich mag das.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s