Livingon – Day One 1

LIVINGON #1.1 – DAY ONE PART 1 – JAN 2020

Eine Menschenmenge hatte sich vor dem Rathaus von Livingon versammelt. Bürgermeister William Kind näherte sich dem Ende seiner Rede.

»Zum fünften Mal in Folge ist unsere Heimatstadt Livingon die Stadt mit der niedrigsten Kriminalitätsrate weltweit. Die Statistik wird von Jahr zu Jahr besser. Und wir werden hoffentlich auch in einem Jahr wieder hier stehen und diese Urkunde für die Stadtsicherheit an Polizeichef Carlton Blake überreichen. Denn Livingon steht wie keine andere Stadt für eine sichere Zukunft.«

Wie erwartet jubelten die Menschen. Bürgermeister Kind wusste, wie er die Leute auf seine Seite ziehen konnte. Bescheidenheit war der Schlüssel zum Erfolg. Seine unaufdringliche Wahlkampagne mit dem Slogan »Vote for Kind. Would you be so kind?« hatte voll eingeschlagen. Livingon war bevölkert von zurückhaltenden Menschen und Bürgermeister Kind hatte bescheidene Leute in die höchsten Ämter befördert.

Einer dieser bescheidenen Menschen schüttelte in diesem Moment die Hand des Bürgermeisters und nahm die Urkunde entgegen. Blitzlichter hielten diesen Moment für die Zeitungen fest. Es war ein Kampf um das beste Bild und er wurde mit allen Waffen geschlagen, die der Fotojournalismus hergab. Rempler, Gedrängel, Ellbogenstöße … die Fotografen nahmen ein paar blaue Flecken in Kauf, um den perfekten Schnappschuss mitzunehmen. Aufgrund seiner geringen Körpergröße trug Robert Bloom auch mal eine Platzwunde an der Stirn davon. Für ein gutes Bild mussten Opfer gebracht werden.

Polizeichef Carlton Blake bedankte sich beim Bürgermeister. Für die Fotografen hielt er die Urkunde hoch und lächelte durch seinen Drei-Tage-Bart.

»Dank der gutmütigen Menschen von Livingon, findet in dieser Stadt jeder ein sicheres Zuhause. Und dank der hervorragenden Statistik können wir in eine sichere Zukunft blicken.«

Schüsse in die Luft. Ein Mann mit einer zackigen Narbe unterm Auge zog die Aufmerksamkeit auf sich. »Statistiken sind faszinierend, nicht wahr?« Clarence Statterstot, kurz Stats genannt, stand in der Menschenmenge, die sich auf dem Boden zusammengerollt hatte. »Manche sind für die Ewigkeit. Andere lassen sich leicht beeinflussen. Zum positiven. Und zum negativen.« Er betrat das Podium und wedelte mit der Waffe in seiner Hand zum Polizeichef herüber. Blake wich zurück. Mehrere maskierte Männer mit Schrotflinten stellten sicher, dass Polizei und Staatsgewalt sich jede Bewegung gut überlegten. Stats sprach in das Mikrofon. »Sie können jetzt wieder aufstehen.« Die Menge traute sich zögerlich auf die zittrigen Beine. »Keine Angst. Ich werde Ihnen nichts tun. Es lauern größere Gefahren in der Stadt als ich. Sehen Sie, diese Stadt ist nicht so sicher, wie es den Anschein macht. Statistiken können täuschen. Nur eine kleine Änderung reicht aus, um Statistiken zu beeinflussen. Ein Beispiel: In einer Stadt mit einer niedrigen Kriminalitätsrate, können die Zahlen rapide steigen, wenn jemand einen Massenausbruch aus dem Gefängnis inszeniert.«

Sirenen. Aus allen Richtungen. An unterschiedlichen Orten der Stadt. Unzählige Verbrechen, die gleichzeitig begangen wurden.

Stats grinste und breitete die Arme aus. »Ich wünsche Ihnen einen sicheren Heimweg.«

Der Unterricht in der Polizeiakademie hatte sich als langweiliger herausgestellt, als es Frank Hennigan vermutet hätte. Er hatte sich darauf vorbereitet, Verfolgungsjagden zu üben und Motorhaubenrutschen zu trainieren. Stattdessen saß er an einem kleinen Holztisch und notierte sich langweilige Statistiken, die angeblich wichtig waren, um das Verbrechen in der Stadt so gering wie möglich zu halten. Frank hatte eine eigene Vorstellung davon, wie man das Verbrechen bekämpfen sollte und ein Kugelschreiber spielte dabei keine Rolle.

Neben ihm schrieb Alison Conary eifrig mit. Sie liebte die Theorie und war der festen Überzeugung, dass sich jedes Problem ohne Gewalt lösen ließ. Frank bewunderte diese Naivität und auf gewisse Art mochte er Alison für ihre positive Grundeinstellung. Vielleicht, weil sie das genaue Gegenteil zu seinem Pessimismus darstellte. Nichts konnte Alison die Laune verderben. Frank hingegen war von Natur aus negativ geladen und entlud seine Aggressionen regelmäßig am Sandsack oder auf dem Schießstand. Natürlich nicht dem der Polizeiakademie. Bisher hatten die angehenden Kadetten noch nicht mal eine Waffe zu Gesicht bekommen. Geschweige denn abgefeuert. Bis auf Frank hatte vermutlich niemand der Anwesenden jemals eine Pistole in der Hand gehalten. Es war ihm ein Rätsel, wie diese Truppe mit dieser Ausbildung die Sicherheit der Stadt gewährleisten sollte.

Feueralarm. Vermutlich nur ein Fehlalarm. Immerhin verkürzte er den Unterricht. Frank knüllte seine Notizen in die Hosentasche und verließ das Klassenzimmer.

Polizeichef Blake kommandierte seine Truppen. Er wusste, dass es ausweglos war. Ein Mann wie Statterstot ließ sich nicht verfolgen und verhaften. Trotzdem mussten sie es versuchen. Die Polizeiautos fuhren in alle Richtungen davon. Blake erwartete keine Ergebnisse.

»Jemand hat Commandant Whiskers Büro in Brand gesteckt?« Alison schaute zu den Fenstern hinüber, aus denen der letzte Rauch verkohlter Inneneinrichtung aus Mahagoni aufstieg.

»Während er drin war«, ergänzte Frank.

»Schrecklich.«

»Ja.« Frank legte ihr die Hand auf die Schulter. »Hast du Lust mit zum Schießstand zu gehen? Das bringt auf andere Gedanken.«

»Ich fasse keine Waffe an.«

»Musst du nicht. Du kannst zuschauen und dir Notizen machen. Vielleicht hilft es dir eines Tages, wenn du mit einer Waffe bedroht wirst.«

Wayne Hill war kein talentierter Verbrecher. Den Großteil seines Lebens hatte er im Knast verbracht. Die Freude über seine vorzeitige Entlassung, gemeinsam mit allen anderen Insassen, wurde durch die Erkenntnis getrübt, dass er keine Aussicht auf einen Job und ein ruhiges Leben hatte. Frisch bewaffnet betrat er eine Tankstelle, um sich Kleingeld und Zigaretten zu besorgen.

Ein ungewöhnlicher Lärm beherrschte die Stadt. Livingon war immer etwas lauter als die Gegend außerhalb der Stadt, wo sich die Akademie befand. Heute heulten Sirenen und dröhnten Hupen und quietschten Reifen. Ein schwerer Unfall? Frank und Alison hätten sich die Lage genauer angeschaut, aber …

Ein Schuss. Eine zersplitternde Glasscheibe. Ein Mann ergriff die Flucht.

»Ein flüchtiger Verbrecher!« Frank konnte sein Glück kaum fassen. »Komm, den schnappen wir uns.«

Aus einem Reflex heraus lief Alison hinter Frank her. »Wir sind keine Polizisten.«

»Noch nicht.«

Sie bogen in eine Gasse ab.

»Wir haben keine Befehlsgewalt.«

»Das weiß der Verbrecher nicht.«

Sie kletterten eine Feuerleiter hoch.

»Wir sind nicht für eine Verhaftung ausgebildet.«

»Wenn wir ihn geschnappt haben, improvisieren wir.«

»Bleibt zurück oder ich schieße.« Wayne stand auf dem Dach des Gebäudes gegenüber und zielte auf die Polizeikadetten.

Frank und Alison blieben stehen. Wayne schoss.

Die Kugeln rauschten meterweit an Frank und Alison vorbei. Wayne ging hinter einer Kiste in Deckung und lud nach. Er war nie ein talentierter Schütze gewesen. Er hoffte, dass die Verfolger das nicht bemerkten.

»Das ist so aufregend.« Frank kauerte hinter einem Betonblock neben Alison und knöpfte sein Hemd auf.

»Stimmt etwas mit deinem Hemd nicht?«

»Nein, alles wunderbar. Spannung und Action erfordern ein aufgeknöpftes Hemd. Das sieht cooler aus. So einen Moment habe ich mir immer gewünscht.«

»Du hast dir gewünscht, dass man auf dich schießt?«

»Nicht direkt. Aber ich wollte immer Verbrecher jagen und das Böse bekämpfen. Wie ein Superheld. Und dann würden mich die Leute mit meinem Superheldennamen anreden.«

»Und wie lautet der?«

Frank dachte nach.

»ACTION MAN!«, verkündete er strahlend.

»Was Besseres fällt dir nicht ein?«

»Was ist verkehrt daran? Kurz und einprägsam. Und die Bösewichte wissen direkt, was sie erwartet.« Frank stand auf.

»Was hast du vor?«

»Ich fasse den Verbrecher und zeige dir, wie Action Man die Dinge regelt.«

»Er ist bewaffnet.«

»Hast du ihn nicht schießen sehen? Der würde keine Zielscheibe aus einem Meter Entfernung treffen.« Frank grinste. »Mach dir keine Sorgen. Halte dich bereit, ihm seine Rechte vorzulesen. Im Gegensatz zu mir hast du sie bestimmt auswendig gelernt.«

Frank lief los.

Wayne kam aus der Deckung.

Alison spähte vorsichtig um die Ecke.

Frank erreichte die Lücke zwischen den Gebäuden. Er sprang ab.

Wayne schoss.

Die Kugeln rauschten in alle Richtungen um Frank herum davon und verfehlten ihn ausnahmslos.

Alison hielt den Atem an.

Dann explodierte das Gebäude unter ihr.

12 Gedanken zu “Livingon – Day One 1

      1. Erstmal ja. Ich habe ohnehin irgendwas gesucht, mit dem ich den Blog hier mal regelmäßig updaten kann. Das bietet sich da an. Diesen Monat gibts jeden Samstag eine neue Ausgabe im Blog und ab dann immer monatlich. Wenn es gut ankommt, halte ich mir natürlich offen, zu expandieren und eventuell auch anderweitig was dazu veröffentlichen.

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      2. Eben. Und hier muss ich mir keinen Stress machen vonwegen Veröffentlichungsdruck. Bleibt erstmal ein Spaßprojekt und dann mal sehen, wo es hingeht. Enstanden ist das sowieso nur, weil ich Ende letzten Jahres leichtsinnigerweise auf Twitter gepostet habe, dass ich ja eigentlich mal ein Superheldenuniversum basteln könnte. Das hat sich dann irgendwie verselbstständigt. Wie das eben manchmal so ist.

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      3. Oh, das kenne ich auch sehr gut. So geht es mir mit der Geschichte um Goban und Caseal. War damals mal ein Chat – Spaß und entwickelte sich dann zu einer kleinen Story. Heute noch immer eine unfertige Bildergeschichte. Aber online 😁

        Kein Veröffentlichungsdruck ist ungemein gut 😁😁

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      4. Allerdings. Wobei ich jetzt schon so ein bisschen den „Hype“ (wenn man das bei ungefähr 5 Leuten so nennen kann) mitnehmen wollte. Deshalb auch die Veröffentlichung hier. Wenn ich das in Buchform herausbringen würde, hätte das ewig gedauert und dann hätte es vermutlich schon niemanden mehr interessiert. Ein bisschen Timing gehört schon auch dazu.

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Laber mich voll, ich mag das.

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