Livingon – Fast Forward

LIVINGON #6 – FAST FORWARD – JUN 2020

 

Es gibt Momente, da kommt es einem vor, als würde die Zeit schneller vergehen. In Livingon verging ein recht ereignisloser Tag. Die Sonne schien, sie ging unter, die Nacht brach ein, die Sonne ging wieder auf. Manchmal gibt es mehr nicht zu berichten. Die Helden und Schurken von Livingon erholten sich von den Anstrengungen der letzten Zeit und regenerierten ihre Wunden und Blessuren. Doch der neue Tag sollte noch schneller vergehen.

 

Jonah Whiteson, Chefredakteur der Tageszeitung Livingon Better Times, blätterte durch Fotos, die allesamt die Hinterköpfe von Hafenarbeitern zeigten. Er warf die Bilder auf seinen Schreibtisch.

»Was soll ich damit anfangen, Junge?«

»Junge?« Robert Bloom bäumte sich zu voller Größe auf und konnte so gerade über die Kante des Schreibtisches blicken. »Ich bin 34.«

»Du hast gewisse Defizite, das musst du doch einsehen. Du eignest dich nicht wirklich zum Fotografen. Du hast behauptet, am Hafen ein Monster gesehen zu haben, das mit Polizisten kämpfte. Auf diesen Bildern ist kein Monster zu sehen. Nicht mal ein Polizist.« Whiteson seufzte. »Dir mangelt es nicht am Engagement. Ich könnte dich in der Druckerei unterbringen. Dort gibt es bestimmt etwas für dich zu tun.«

»Ich wollte immer nur Fotograf sein.«

Whiteson wusste, dass er gegen eine Wand redete. Es war nicht seine erste Begegnung mit Robert Bloom. Obwohl klar war, dass sich Bloom niemals im Haifischbecken der Pressefotografie durchsetzen würde, respektierte er ihn für seine Leidenschaft. »Also gut. Ich gebe dir noch eine Chance. Die Erfinderausstellung findet in einigen Tagen statt. Dort ist nicht viel los. Bis auf ein paar Wissenschaftler und Roboternerds interessiert sich niemand dafür. Einen kleinen Artikel werden wir trotzdem veröffentlichen. Bring mir Bilder von außergewöhnlichen Erfindungen.«

»Danke, Mr. Whiteson. Ich werde Sie nicht enttäuschen.« Bloom lief fröhlich aus dem Büro.

»Natürlich wirst du das«, dachte Whiteson, wissend, dass er Bloom niemals loswerden würde. Da konnte er ihn zumindest auf sinnlose Veranstaltungen schicken, um ihn zu beschäftigen.

***

Felicia Fenix starrte an die Decke ihrer Gefängniszelle. Ihre Verwunderung über den erneuten Besuch von Polizeichef Clifton Blake konnte sie gut verbergen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Blake noch leben würde. Er kam ihr verhältnismäßig unvorsichtig vor. Zu seinem Glück, war die Absendeadresse des Briefs nur erfunden gewesen. (Siehe Livingon #2)

Clifton Blake lehnte an den Gitterstäben der Zelle. »Ich hatte gehofft, Sie würden mir noch einmal weiterhelfen.«

»Du«, sagte Felicia.

»Wie bitte?«

»Ich bin DU und helfe DIR. Ich hasse diesen formalen Mist. Sprichst du mich noch einmal mit SIE an, siehst du mich nie wieder.«

»Du scheinst immer noch davon überzeugt zu sein, einfach hier herausspazieren zu können.«

»Kann ich. Jederzeit. Aber bisher habt ihr nicht viele Insassen zurückgebracht, also genieße ich die Ruhe noch ein wenig.« Sie schlug die Beine übereinander. »Ich muss gestehen, dass ich nicht damit gerechnet hatte, dich wieder zu sehen. Ich hätte gewettet, dass die Adresse zu deinem Tod führt.«

»Sie führte zu einem leeren Lagerhaus am Hafen. Keine Spur von Statterstot oder anderen Verbrechern.«

»Und was soll ich jetzt mit dieser Information anfangen?« Felicia stand auf und ging zum Waschbecken. »Aus irgendeinem Grund scheinst du zu glauben, dass ich dir helfen kann.« Sie wusch sich das Gesicht. »Oder dass ich dir helfen will.«

»Ich habe überlegt, warum jemand hier in diesen Mauern bleibt, wenn er die Möglichkeit hätte, sie zu verlassen. Niemand bleibt freiwillig hier. Auch du nicht, Felicia. Du bist hier, weil du im Gegensatz zu allen anderen Insassen glaubst, hier sein zu müssen. Reue sperrt dich ein, egal wo du dich aufhältst. Also bleibst du direkt hier.«

Felicia trat an das Gitter. »Du weißt gar nichts.« Sie zog das Gitter zu und legte sich in ihr Bett.

»Ich weiß, dass du wegen einiger Raubzüge hier drin bist. Aber ich vermute, dass du noch etwas anderes getan hast, wegen dem du hier nicht raus kannst. Vielleicht finde ich irgendwann sogar heraus, was es ist.« Im Weggehen rief er: »Ich komme morgen wieder zu Besuch. Würde mich stark wundern, wenn ich dich dann nicht hier antreffe.«

***

Doctor Samantha Xero führte Juana Garcia und Cordelia Cove durch die Gänge des Laborkomplexes. Cordelia atmete immer noch durch eine Maske, die sie mit Sauerstoff versorgte. Sie benötigte Zeit, um sich an die Umstellung zu gewöhnen, die die erhöhte Wasserproduktion ihres Körpers mit sich brachte. (Siehe Livingon #5) Stanley Broshanan trug den Sauerstofftank hinter ihr her und sah unglücklich aus. Juana und Cordelia hatten noch nicht herausgefunden, was genau sein Job hier unten im Labor war, aber er tat alles, was Doctor Xero sagte, also schien es von simplen Hausmeisterarbeiten wie Glühbirnenwechseln bis hin zu Handlangeraufgaben wie Entführung alles zu beinhalten. Juana und Cordelia waren nicht in dem Sinne entführt worden. Stanley hatte sie ins Labor gebracht, um Cordelia zu helfen. Jetzt ließ man sie nur nicht wieder raus.

Doctor Xero schwärmte von ihren Experimenten und hoffte, dass sie Juana und Cordelia von ihrer Aufrichtigkeit und dem Nutzen ihrer Forschung überzeugen konnte. Scheinbar stellte dies auch bei anderen Gästen ein Problem dar. Xero lief zu einem leeren Tisch. Fesseln hingen lose an den Tischkanten herab.

»Er ist geflohen«, sagte Xero. »Wie? Ich habe strickte Lähmung befohlen.«

Stanley stellte den Sauerstofftank ab. »Um wen genau handelt es sich?«

»Du weißt, wer gemeint ist, Stan.« Xero schaute ihn streng an.

»Forward?«

»Wer sonst?«

»Verdammt.« Stanley lief los.

»Ich schicke dir Unterstützung«, rief Xero. »Alleine fängst du ihn nie.«

Juana und Cordelia schauten sich an und stimmten still darin überein, dass sie sich nicht länger hier aufhalten wollten.

Eine verschwommene Gestalt huschte über die Straße.

Sie rauschte um eine Ecke.

Und verschwand zwischen den Gebäuden.

***

Penny Pearl sah die Gestalt verschwinden. Sie schüttelte den Kopf und verdrängte den Moment als einen Tagtraum in den hinteren Bereich ihrer Erinnerung. Während sie die Straße entlang ging, übte sie ihren graziösen Gang, der auf den Laufstegen von Livingon gefordert wurde. Das reichte allerdings schon lange nicht mehr. Modenschauen waren aus der Mode. Das Publikum verlangte Aufregung und Spannung. Kleider und Schuhe konnten sie sich schließlich auch im Schaufenster der Boutiquen anschauen. Penny betrat das Geschäft des Messerwerfers und trat ihre nächste Trainingsstunde an.

***

Clarence Statterstot zog Linien auf eine Tafel. »Meinen Berechnungen zufolge war Schritt eins ein Erfolg. Die Kriminalstatistik ist bereits im Umschwung.« Er fügte den Linien einige Zahlen hinzu.

Seine Zuhörer wirkten unruhig. Sie waren es nicht gewohnt, sich lange Vorträge anzuhören. Sie waren Menschen der Tat. Skrupellose Verbrecher und kleine Ganoven. Muskulöse Gangsterbeschützer und bewaffnete Auftragsmörder. Sie wollten nicht herumsitzen und Tafeln anschauen. Sie wollten heraus in die Stadt, ihre Freiheit genießen und Unruhe stiften. Stats, wie Statterstot genannt wurde, bezahlte sie dafür, hier herumzusitzen, also blieben sie geduldig und warteten darauf, dass er auf die Bezahlung zu sprechen kam. Bisher hatte niemand auch nur einen Cent gesehen, dabei waren ihnen Millionen von Dollar versprochen worden.

Webster konnte seine Ungeduld nicht mehr zurückhalten. »Das ist ja alles ganz wunderbar, Stats.« Er stellte sich vor die versammelten Verbrecher. »Aber wir wollen unser Geld. Wo sind die versprochenen Millionen?« Er schaute demonstrativ hinter die Tafel. »Ich kann sie nicht sehen.« Er schaute demonstrativ hinter Stats. »Sieht sie irgendjemand hier?« Er schaute Stats demonstrativ in die Augen. »Wo sind unsere Millionen?«

Eine Klinge in Statterstots Ärmel durchschnitt Websters Kehle. Stats wischte mit einem Tuch das Blut von der Klinge und ließ sie in seinem Ärmel verschwinden.

»Statistiken belegen, dass Geduld den Erfolg im beruflichen und sozialen Leben positiv beeinflussen kann. Webster hier wird diese Vorteile nicht mehr erfahren.« Er drehte sich zu den Verbrechern um. »Aber eure Geduld wird sich auszahlen.« Er wischte die Linien und Zahlen von der Tafel. »Kommen wir zu unserem zweiten Punkt auf der Tagesordnung.« Er schrieb auf die Tafel:

Penny Pearl verließ das Geschäft des Messerwerfers. Sie hatte das Gefühl, dass sie gute Fortschritte gemacht hatte.

Da war wieder diese Gestalt.

Sie huschte über die Straße.

Penny verfolgte sie mit den Augen.

Von links nach rechts.

Von rechts nach links.

Penny schätzte den Moment ab.

Sie sprang der huschenden Gestalt in den Weg.

Laber mich voll, ich mag das.

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