Neue Kurzgeschichten über Engel und Aliens

Dem Chaos des Jahres 2020 trotzend, nutze ich die wenige Zeit, die mir zur Verfügung steht natürlich möglichst zum Schreiben von neuem Kram. Das geht weit schlechter voran, als gedacht. Als der ganze Wirrwarr begann, ging ich eigentlich davon aus, dass ich sehr viel Zeit zuhause verbringen würde. Stattdessen musste ich so viel arbeiten wie nie zuvor und dementsprechend blieb alles andere auf der Strecke.

Die Verlage und Selfpublisher kämpfen mit ähnlichen Problemen. Die Mühlen mahlen langsamer als sonst. Eigentlich sollten bereits im letzten Jahr oder Anfang dieses Jahres Anthologien mit meiner Beteiligung erscheinen. Nun, jetzt kommen sie halt alle mehr oder weniger zeitgleich.

Zum einen gibt es das E-Book zu den Bad Ass Angels jetzt zu erwerben.

Hier fürs Kindle.

Hier für den Tolino Reader.

Bis Ende November gibt es das E-Book zum Aktionspreis, also schlagt schnell zu.

Eine Printversion wird in Zukunft auch noch erscheinen, aber die momentanen Umstände verzögern das leider ein wenig.

In meiner Geschichte „Zeit der Engel“ habe ich versucht, eine Zeitreisegeschichte in einer Fantasywelt zu erzählen und dabei das komplette Worldbuilding reinzuquetschen. Wie sehr ich dabei gescheitert bin, könnt ihr jetzt nachlesen.

Hier ein kleiner Auszug:

Weit im Norden, auf einem hohen Berg, lag Engelshain. In diesem Paradies voller weißer Bäume, die aus weißen Wolken wuchsen, fristeten die Engel von Vandolanur ihr Dasein und genossen die Schönheit des sie umgebenden Naturwunders.»Engelshain ist ein langweiliger Holzhaufen im Bodennebel.« Misanthril hatte erhebliche Probleme, sich auf das Ambiente des weißen Walds einzulassen.

Darüber hinaus tanzen auch die Aliens wieder. Dieses mal wird Walzer getanzt. Nachdem ich bereits im Vorgänger eine Geschichte unterbringen konnte, bin ich auch hier wieder dabei.

Hier gibt es Printversion und E-Book.

„Die Erfindung des Klonkens“ ist eine direkte Fortsetzung von „Alles Schrott“. Wieder ist es quasi meine Version von E.T. und Co. also Kinder, die sich mit einem Alien anfreunden. Während zuvor das Militär der große Gegenspieler war, landet dieses mal eine neue Bedrohung aus dem All auf der Erde.

Hier ein kleiner Auszug:

»Es ist noch schlimmer, als ich dachte«, sagte Klonk.»Oh nein, wir werden alle sterben, nicht wahr?« Jan sprang hinter eine Schneewehe.»Noch schlimmer. Wir werden alle für den Rest unseres Lebens tanzen.«

Na, wenn das mal nicht Heiß auf die Lektüren macht, was? Nebenbei wird es hoffentlich dieses Jahr auch noch den Abschluss meiner Dewon Harper Reihe geben, wenn alles gut läuft. Also trotz dem Wahnsinn des Jahres, geht es doch irgendwie voran. Also fangt an zu lesen.

Weggelesen oder weggelegt – Vonnegut, Cepin, Martinez

Ich und das Lesen sind zur Zeit nicht unbedingt Freunde. Ich fange ein Buch an und nach wenigen Seiten habe ich schon keine Lust mehr. Wie meine 2 Leser hier festgestellt haben werden, läuft es mit dem Bloggen ähnlich. Ich halte mich persönlich zwar für einen Quell unendlicher Kreativität, aber beim Bloggen fehlen mir momentan einfach die Ideen. Meine Superheldenreihe kam nicht wirklich an und muss angepasst werden. Meine Reihe übers Schreiben liegt schon viel zu lange auf Eis und müsste mal fortgesetzt werden. Aber irgendwie fehlt mir die Motivation und Inspiration und was es sonst noch zu für Tionen gibt. Erwartet also nicht zu viel in Zukunft hier. Ich werde den Blog wohl nur noch sporadisch füllen, wenn ich gerade mal Lust habe. So wie jetzt. Denn auch wenn ich sehr wenig gelesen habe in den letzten Tagen/Wochen/Monaten, gab es zumindest ein paar Ausnahmen, bei denen ich über mehr als 5 Seiten hinauskam.

WEGGELESEN

KURT VONNEGUT JR. – SCHLACHTHOF 5 (ODER DER KINDERKREUZZUG)

Es hat lange gedauert, bis ich Vonnegut für mich entdeckt habe. Was seltsam ist, schließlich war er großes Vorbild von Douglas Adams, dessen Anhalter-Reihe mich quasi zum Lesen gebracht hat. Man merkt den Einfluss auch hier und da, wenn Vonnegut Nebenschauplätze aufmacht oder ein wenig vom Thema abschweift, was Adams später sozusagen perfektioniert hat. Aber Vonnegut war immer einer dieser Namen, die ich auf dem Zettel hatte, der aber auch immer irgendwie vergessen wurde, wenn ich nach neuem Lesestoff ausgeschaut habe. Nun war es also soweit und was soll ich sagen: Es ist ein absolut großartiges Buch, das gekonnt Wahnsinn, Dramatik, Humor und Ernsthaftigkeit miteinander verwebt. Der Hauptcharakter ist zwar sehr unnahbar, aber genau das hilft der Geschichte, das Drumherum in den Fokus zu rücken.
Was mich ein wenig gestört hat, ist die Übersetzung. Die ist nicht sonderlich schlecht, aber an manchen Stellen dann doch ein wenig zu viel. „Autostraßen“ und „Sitzgurte“ sind jetzt nicht gerade die gängigsten Begriffe. Und wenn dann ein amerikanischer Bundesstaat zu Pennsilvanien wird, wirkt es schon etwas seltsam. Für Wisconsin ist nebenbei keine Übersetzung vorhanden. Ich hätte da ja Whiskeymitgin genommen. Aber das wäre wohl zu doof gewesen für diese Abhandlung über die Sinnlosigkeit des Krieges und die Menschen, die diesem Irrsinn zum Opfer fielen. So geht das.

WEGGELEGT

SARAH CEPIN – DIE ZEITWANDERER

Zu Beginn gibt es ein paar historische Erklärungen, was mich ein wenig wundert, denn auch wenn hier real existierende Figuren und historische Ereignisse als Grundlage genutzt werden, handelt es sich doch um einen Fantasyroman. Aber vielleicht bestehen die Fans historischer Fantasy auf Genauigkeit und die Autorin wird für jeden Fehler zerrissen. Ich kenne mich mit dem Genre nicht aus, aber wäre schon irgendwie seltsam, wenn man zwar – keine Ahnung – Drachen und Hexen und Magier einbauen kann, dann die Leser sich aber beschweren, wenn Hans-Peter von und zu Gnöttgen nicht wie in der Realität die Prinzessin heiratet, sondern die Drachenlady, bereitet mir das irgendwie Kopfzerbrechen. Aber gut, wie gesagt: nicht mein Genre.
Hier gibt es keine Drachen und Magier – zumindest nicht auf den ersten knapp 100 Seiten. Stattdessen gibt es hier eine Gemeinde von unsterblichen Menschen, die den ganzen Tag nichts machen, als rumzupalavern und Pferde zu züchten. Oder besser gesagt, behaupten, Pferde zu züchten, denn bis zum Abbruch kam nicht ein Pferd vor. Das alles ist dermaßen ereignisarm, dass ich befürchte, dass die Pferde vor Langeweile gestorben sind und deshalb nicht auftauchen. Dabei schweift die Autorin gar nicht groß ab oder verliert sich in ellenlangen Beschreibungen, aber die Story ist einfach flach ohne Ende und geht nicht voran. Der Anfang ist interessant und spannend. Danach ist es einfach nur einschläfernd langatmig. Schade, denn die Idee ist an sich gar nicht so schlecht.

DURCHGEQUÄLT

A. LEE MARTINEZ – CONSTANCE VERITY: GALAKTISCH GENIALE SUPERHELDIN

Die ersten Seiten zeigen direkt auf, warum es ein großes Problem ist, mehrere Charaktere in einem Dialog einzuführen. Man kennt keinen davon und hat nicht die geringste Ahnung wer da gerade spricht. Tom und Jan und Constance, die sich aber teils Connie nennt … Es hat genau 1 Seite gebraucht, um mich als Leser komplett zu verwirren.
Die Grundidee ist ganz nett. Eine Superheldin hat keine Lust mehr auf ihr eintöniges Abenteuerleben mit den immer gleichen Alienkloppereien und Schatzsuchen und will ein normales Leben führen. Dazu muss sie ein letztes Abenteuer bestehen und die Person finden, die sie zur Superheldin gemacht hat. Soweit so nett. So eine Protagonistin bringt aber ein Problem mit: sie ist overpowert. Sie kann alles und weiß alles und nichts kann sie aus der Ruhe bringen. Wie löst man das Problem? Indem man ihr einen Sidekick an die Seite stellt, der nicht unbesiegbar ist und durchaus in Gefahr geraten kann. Sollte man denken. Nur ist ihre beste Freundin hier zwar keine Superheldin aber sie hat trotzdem vor keiner Gefahr wirklich Angst und bringt absolut keine nützliche Komponente mit. Spannung gleich null. Und da sind wir beim Kern des Problems. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass Autoren in den lockeren Bereichen der Fiction vor lauter Lustigseinwollen vergessen, dass man gleichzeitig auch eine gute Geschichte erzählen sollte. Sonst hat man am Ende nur ein paar (lahme) Gags und sonst nichts. Also keinen Grund für den Leser, seine Zeit in das Buch zu investieren. Mit jeder Seite wurde die Nummer hier quälender, was vor allem auch an dem vielem Erzählen liegt. Ständig quatschen die Superheldin und ihre Freundin von den vergangenen Abenteuern, die ganz toll und aufregend gewesen sein sollen. Mag ja sein, nutzt mir aber nix, denn ich habe davon nix mitgekriegt und die ganzen Nacherzählungen sind eben genau das: Erzählungen. Von „Show don’t tell“ sieht man hier nur wenig. Der Rest nervt dann mit pseudolustigen Charakteren, die sich auf einer recht lahmen Metaebene gegen alle Klischees bürsten. Letztlich ist das hier einfach zu viel von allem. Zu viel Metaquark, zu viel Palaver, zu viel Pseudoabenteuer. Nur zu wenig Zeigen. Immerhin hats irgendwo ein oder zwei lustige Stellen, die aber auch im restlichen Wirrwarr untergehen. Das Genre der humoristischen Fantasy hats nicht leicht.

Livingon – Fast Forward

LIVINGON #6 – FAST FORWARD – JUN 2020

 

Es gibt Momente, da kommt es einem vor, als würde die Zeit schneller vergehen. In Livingon verging ein recht ereignisloser Tag. Die Sonne schien, sie ging unter, die Nacht brach ein, die Sonne ging wieder auf. Manchmal gibt es mehr nicht zu berichten. Die Helden und Schurken von Livingon erholten sich von den Anstrengungen der letzten Zeit und regenerierten ihre Wunden und Blessuren. Doch der neue Tag sollte noch schneller vergehen.

 

Jonah Whiteson, Chefredakteur der Tageszeitung Livingon Better Times, blätterte durch Fotos, die allesamt die Hinterköpfe von Hafenarbeitern zeigten. Er warf die Bilder auf seinen Schreibtisch.

»Was soll ich damit anfangen, Junge?«

»Junge?« Robert Bloom bäumte sich zu voller Größe auf und konnte so gerade über die Kante des Schreibtisches blicken. »Ich bin 34.«

»Du hast gewisse Defizite, das musst du doch einsehen. Du eignest dich nicht wirklich zum Fotografen. Du hast behauptet, am Hafen ein Monster gesehen zu haben, das mit Polizisten kämpfte. Auf diesen Bildern ist kein Monster zu sehen. Nicht mal ein Polizist.« Whiteson seufzte. »Dir mangelt es nicht am Engagement. Ich könnte dich in der Druckerei unterbringen. Dort gibt es bestimmt etwas für dich zu tun.«

»Ich wollte immer nur Fotograf sein.«

Whiteson wusste, dass er gegen eine Wand redete. Es war nicht seine erste Begegnung mit Robert Bloom. Obwohl klar war, dass sich Bloom niemals im Haifischbecken der Pressefotografie durchsetzen würde, respektierte er ihn für seine Leidenschaft. »Also gut. Ich gebe dir noch eine Chance. Die Erfinderausstellung findet in einigen Tagen statt. Dort ist nicht viel los. Bis auf ein paar Wissenschaftler und Roboternerds interessiert sich niemand dafür. Einen kleinen Artikel werden wir trotzdem veröffentlichen. Bring mir Bilder von außergewöhnlichen Erfindungen.«

»Danke, Mr. Whiteson. Ich werde Sie nicht enttäuschen.« Bloom lief fröhlich aus dem Büro.

»Natürlich wirst du das«, dachte Whiteson, wissend, dass er Bloom niemals loswerden würde. Da konnte er ihn zumindest auf sinnlose Veranstaltungen schicken, um ihn zu beschäftigen.

***

Felicia Fenix starrte an die Decke ihrer Gefängniszelle. Ihre Verwunderung über den erneuten Besuch von Polizeichef Clifton Blake konnte sie gut verbergen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Blake noch leben würde. Er kam ihr verhältnismäßig unvorsichtig vor. Zu seinem Glück, war die Absendeadresse des Briefs nur erfunden gewesen. (Siehe Livingon #2)

Clifton Blake lehnte an den Gitterstäben der Zelle. »Ich hatte gehofft, Sie würden mir noch einmal weiterhelfen.«

»Du«, sagte Felicia.

»Wie bitte?«

»Ich bin DU und helfe DIR. Ich hasse diesen formalen Mist. Sprichst du mich noch einmal mit SIE an, siehst du mich nie wieder.«

»Du scheinst immer noch davon überzeugt zu sein, einfach hier herausspazieren zu können.«

»Kann ich. Jederzeit. Aber bisher habt ihr nicht viele Insassen zurückgebracht, also genieße ich die Ruhe noch ein wenig.« Sie schlug die Beine übereinander. »Ich muss gestehen, dass ich nicht damit gerechnet hatte, dich wieder zu sehen. Ich hätte gewettet, dass die Adresse zu deinem Tod führt.«

»Sie führte zu einem leeren Lagerhaus am Hafen. Keine Spur von Statterstot oder anderen Verbrechern.«

»Und was soll ich jetzt mit dieser Information anfangen?« Felicia stand auf und ging zum Waschbecken. »Aus irgendeinem Grund scheinst du zu glauben, dass ich dir helfen kann.« Sie wusch sich das Gesicht. »Oder dass ich dir helfen will.«

»Ich habe überlegt, warum jemand hier in diesen Mauern bleibt, wenn er die Möglichkeit hätte, sie zu verlassen. Niemand bleibt freiwillig hier. Auch du nicht, Felicia. Du bist hier, weil du im Gegensatz zu allen anderen Insassen glaubst, hier sein zu müssen. Reue sperrt dich ein, egal wo du dich aufhältst. Also bleibst du direkt hier.«

Felicia trat an das Gitter. »Du weißt gar nichts.« Sie zog das Gitter zu und legte sich in ihr Bett.

»Ich weiß, dass du wegen einiger Raubzüge hier drin bist. Aber ich vermute, dass du noch etwas anderes getan hast, wegen dem du hier nicht raus kannst. Vielleicht finde ich irgendwann sogar heraus, was es ist.« Im Weggehen rief er: »Ich komme morgen wieder zu Besuch. Würde mich stark wundern, wenn ich dich dann nicht hier antreffe.«

***

Doctor Samantha Xero führte Juana Garcia und Cordelia Cove durch die Gänge des Laborkomplexes. Cordelia atmete immer noch durch eine Maske, die sie mit Sauerstoff versorgte. Sie benötigte Zeit, um sich an die Umstellung zu gewöhnen, die die erhöhte Wasserproduktion ihres Körpers mit sich brachte. (Siehe Livingon #5) Stanley Broshanan trug den Sauerstofftank hinter ihr her und sah unglücklich aus. Juana und Cordelia hatten noch nicht herausgefunden, was genau sein Job hier unten im Labor war, aber er tat alles, was Doctor Xero sagte, also schien es von simplen Hausmeisterarbeiten wie Glühbirnenwechseln bis hin zu Handlangeraufgaben wie Entführung alles zu beinhalten. Juana und Cordelia waren nicht in dem Sinne entführt worden. Stanley hatte sie ins Labor gebracht, um Cordelia zu helfen. Jetzt ließ man sie nur nicht wieder raus.

Doctor Xero schwärmte von ihren Experimenten und hoffte, dass sie Juana und Cordelia von ihrer Aufrichtigkeit und dem Nutzen ihrer Forschung überzeugen konnte. Scheinbar stellte dies auch bei anderen Gästen ein Problem dar. Xero lief zu einem leeren Tisch. Fesseln hingen lose an den Tischkanten herab.

»Er ist geflohen«, sagte Xero. »Wie? Ich habe strickte Lähmung befohlen.«

Stanley stellte den Sauerstofftank ab. »Um wen genau handelt es sich?«

»Du weißt, wer gemeint ist, Stan.« Xero schaute ihn streng an.

»Forward?«

»Wer sonst?«

»Verdammt.« Stanley lief los.

»Ich schicke dir Unterstützung«, rief Xero. »Alleine fängst du ihn nie.«

Juana und Cordelia schauten sich an und stimmten still darin überein, dass sie sich nicht länger hier aufhalten wollten.

Eine verschwommene Gestalt huschte über die Straße.

Sie rauschte um eine Ecke.

Und verschwand zwischen den Gebäuden.

***

Penny Pearl sah die Gestalt verschwinden. Sie schüttelte den Kopf und verdrängte den Moment als einen Tagtraum in den hinteren Bereich ihrer Erinnerung. Während sie die Straße entlang ging, übte sie ihren graziösen Gang, der auf den Laufstegen von Livingon gefordert wurde. Das reichte allerdings schon lange nicht mehr. Modenschauen waren aus der Mode. Das Publikum verlangte Aufregung und Spannung. Kleider und Schuhe konnten sie sich schließlich auch im Schaufenster der Boutiquen anschauen. Penny betrat das Geschäft des Messerwerfers und trat ihre nächste Trainingsstunde an.

***

Clarence Statterstot zog Linien auf eine Tafel. »Meinen Berechnungen zufolge war Schritt eins ein Erfolg. Die Kriminalstatistik ist bereits im Umschwung.« Er fügte den Linien einige Zahlen hinzu.

Seine Zuhörer wirkten unruhig. Sie waren es nicht gewohnt, sich lange Vorträge anzuhören. Sie waren Menschen der Tat. Skrupellose Verbrecher und kleine Ganoven. Muskulöse Gangsterbeschützer und bewaffnete Auftragsmörder. Sie wollten nicht herumsitzen und Tafeln anschauen. Sie wollten heraus in die Stadt, ihre Freiheit genießen und Unruhe stiften. Stats, wie Statterstot genannt wurde, bezahlte sie dafür, hier herumzusitzen, also blieben sie geduldig und warteten darauf, dass er auf die Bezahlung zu sprechen kam. Bisher hatte niemand auch nur einen Cent gesehen, dabei waren ihnen Millionen von Dollar versprochen worden.

Webster konnte seine Ungeduld nicht mehr zurückhalten. »Das ist ja alles ganz wunderbar, Stats.« Er stellte sich vor die versammelten Verbrecher. »Aber wir wollen unser Geld. Wo sind die versprochenen Millionen?« Er schaute demonstrativ hinter die Tafel. »Ich kann sie nicht sehen.« Er schaute demonstrativ hinter Stats. »Sieht sie irgendjemand hier?« Er schaute Stats demonstrativ in die Augen. »Wo sind unsere Millionen?«

Eine Klinge in Statterstots Ärmel durchschnitt Websters Kehle. Stats wischte mit einem Tuch das Blut von der Klinge und ließ sie in seinem Ärmel verschwinden.

»Statistiken belegen, dass Geduld den Erfolg im beruflichen und sozialen Leben positiv beeinflussen kann. Webster hier wird diese Vorteile nicht mehr erfahren.« Er drehte sich zu den Verbrechern um. »Aber eure Geduld wird sich auszahlen.« Er wischte die Linien und Zahlen von der Tafel. »Kommen wir zu unserem zweiten Punkt auf der Tagesordnung.« Er schrieb auf die Tafel:

Penny Pearl verließ das Geschäft des Messerwerfers. Sie hatte das Gefühl, dass sie gute Fortschritte gemacht hatte.

Da war wieder diese Gestalt.

Sie huschte über die Straße.

Penny verfolgte sie mit den Augen.

Von links nach rechts.

Von rechts nach links.

Penny schätzte den Moment ab.

Sie sprang der huschenden Gestalt in den Weg.

Livingon – Armed and Dangerous

LIVINGON #5 – ARMED AND DANGEROUS – APR 2020

 

Alison Conary starrte in die Mündung der Waffe des One Armed Gun Man. Wayne Hill kniff die Augen zusammen wie ein Westernheld kurz vorm Shootout. »Auf diesen Trümmern hat sich alles verändert«, sagte er. »Ich hatte gerade meine Freiheit zurück. Es ist nicht leicht, in die Freiheit zurückzufinden. Ich wollte mir nur ein wenig Startkapital besorgen. Etwas, um auf die Beine zu kommen. Aber ihr musstet es mir verderben. Wegen euch habe ich meinen Arm verloren.«

»Uns trifft keine Schuld. Mein Partner ist bei der Explosion gestorben.«

»Schnauze!«

Der One Armed Gun Man schoss eine Kugel an Alisons Ohr vorbei.

»Die Nebenwirkungen allerdings sind äußerst positiv. Bevor ich dir eine Kugel direkt zwischen die Augen schieße, wollte ich dir mitteilen, dass ich dich zwar mehr hasse, als alles andere auf der Welt, aber trotzdem auf gewisse Weise dankbar bin.«

Er schoss. Die erste Kugel prallte von einem Stopschild ab. Die zweite Kugel traf die erste Kugel. Beide landeten vor Alison im Staub.

»Es gibt weltweit keinen besseren Schützen als mich. Und weil ich das dir verdanke, lasse ich dir die Wahl: Willst du durch einen direkten Schuss sterben oder soll es ein Trickschuss sein?«

Alison ging im Kopf ihre begrenzten Möglichkeiten durch. Eine Kugel im Kopf, blieb eine Kugel im Kopf, unabhängig davon, wie trickreich der Schuss ausfiel. Alison überblickte die Umgebung. Baufahrzeuge standen bereit, um den Schutt wegzuräumen, der vom Gebäude übrig geblieben war. Zwischen den Baggern und Lastwagen konnte sie sich verstecken. Sie brauchte eine Ablenkung.

»Die Bedenkzeit ist vorüber. Was darf es sein?«

»Ein Trickschuss.« Alison schluckte. »Auf mein linkes Ohr.«

»So spezifisch. Gefällt mir.« Wayne richtete den Revolver auf die Schaufel eines Baggers.

Er schoss.

Alison trat einen Schritt vor.

Die Kugel prallte von der Schaufel ab und rauschte an Alison vorbei. Wie sie gehofft hatte, durchschlug die Kugel die Tür eines Kipplasters und traf einen Hebel. Die Ladefläche des Lasters hob sich.

Schutt und Dreck begruben Wayne Hill bis zur Brust. Nur sein Kopf und der Arm mit dem Revolver in der Hand schauten aus dem Hügel heraus. Er drückte ab.

»Sechs Schuss«, sagte Alison. »Hast du nicht mitgezählt?«

»Wenn ich dich erwische!« Wayne wand sich in dem Berg.

»Es wird eine Weile dauern, bis du dich befreit hast.« Alison drehte sich um und ging. »Mit einem Arm gräbt es sich langsam.«

Wayne warf den Revolver nach ihr. Er verfehlte um einige Meter. Seine Zielgenauigkeit beschränkte sich auf Kugeln.

Die letzten Flammen im Polizeihauptrevier erloschen. Feuerwehrmeister Nathaniel Heading schaute sich die qualmenden Überreste an. Hier würde so schnell kein Gesetz mehr gehütet.

»Sir, wir vermissen Rekrutin Cove.«

Nathaniel schaute den Feuerwehrmann an. »Ihr habt sie doch wohl nicht alleine gegen die Flammen kämpfen lassen? Es war ihr erster Tag. Ihr hattet klare Anweisungen, sie in jedem Fall zu unterstützen und für ihre Sicherheit zu sorgen.«

Der Feuerwehrmann antwortete nicht.

»Sucht sie. Und findet sie. Lebendig.«

Cordelia Cove trug eine Atemmaske und lag in einem Krankenbett. Ihre Hände und Füße waren an das Bett gefesselt.

»Ganz ruhig«, sagte eine Stimme. »Die Fesseln und Atemmaske sind nur zu deinem Schutz.«

Aus den Augenwinkeln erkannte sie einen Mann in Polizeiuniform, eine Frau in Feuerwehrjacke und jemanden in weißem Laborkittel.

»Das ist interessant.« Der Kittel schaute sich Monitore mit Daten an. Er drehte sich um. Eine Frau schaute Cordelia an. »Mein Name ist Doctor Samantha Xero. Ich forsche im Bereich menschlicher Mutationen. Und du bist ein äußerst interessantes Subjekt.«

Cordelia versuchte zu sprechen, aber mehr als ein Gurgeln brachte sie nicht hervor.

»Versuche, ruhig weiterzuatmen. Deine Organe füllen sich mit Wasser. Vorübegehend wirst du auf das Atemgerät angewiesen sein. Aber ich arbeite an einer Lösung.«

Cornelia blubberte etwas. Doctor Xero legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter.

»Es war die richtige Entscheidung, sie herzubringen. Gute Arbeit, Stanley.« Sie widmete sich Juana. »Und was ist deine Geschichte? Polizistin? Verbrechensbekämpfung? Sich für das Gute einsetzen? Lobenswert. Aber was treibt dich an? Was ist dein Ziel? Kaffee?«

Juana brauchte einen Moment, um sich durch das Gewirr von Fragezeichen zu kämpfen. Sie suchte Hilfe bei Stanley. Er nickte.

»Ja«, sagte Juana und fügte ein »Danke« hinzu, weil sie das Gefühl hatte, dass es von ihr verlangt wurde. »Schon als Kind hatte ich Spaß daran, Rätsel und Gedächtnisaufgaben zu lösen. Kriminalfälle sind im Prinzip nichts anderes. Man merkt sich Informationen, verbindet sie miteinander und löst so ein Rätsel. Ich vergesse nie etwas. Deshalb bin ich wohl so gut darin.«

Doctor Xero reichte ihr eine Tasse Kaffee und trank selbst einen Schluck. »Interessant. Wärest du daran interessiert, deine Fähigkeiten ein wenig zu verstärken?«

Stanley nickte.

»Ja«, sagte Juana und fügte ein »Danke« hinzu, weil sie das Gefühl hatte, dass es von ihr verlangt wurde. Sie trank den Kaffee.

Zu viele Gedanken, um sie im Kopf zu sortieren, beschäftigten Alison auf ihrem Weg zurück zur Polizeiakademie. Was hatte die Explosion mit ihr angestellt? Und mit dem Einarmigen? Und warum? Was war das Besondere an dem Ort? Was hatte es mit dem Dröhnen auf sich?

Ein Schrei riss sie aus ihren Gedanken.

Zwei Verbrecher drängten eine wehrlose Frau in eine Ecke. Alison eilte zur Rettung. Bob und Bob widmeten ihr jede Aufmerksamkeit und wedelten mit Messern in ihre Richtung. Alison hatte auf der Polizeiakademie gelernt, wie man einen Angreifer mit einem Messer entwaffnet. Zwei Gegner waren eine größere Herausforderung. Sie musste einen nach dem anderen zu Boden bringen. Sie inspizierte den Boden. Die Bordsteinkante könnte helfen. Sie trat einen Schritt zurück. Bob und Bob kamen auf sie zu. Bob stolperte über die Kante. Alison packte Bobs Arm und beförderte ihn zu Boden. Den Schwung des stolpernden Bobs nutzte sie, um ihn gegen die Wand zu stoßen. Sie trat die Messer zur Seite und kümmerte sich um die alte Frau.

»Diese Stadt geht vor die Hunde«, sagte die Frau und presste ihre Handtasche an sich. »All die Verbrecher, die frei herumlaufen. Die Polizei ist völlig überfordert. Jemand muss das Gesetz in die Hand nehmen, sonst ist Livingon verloren.«

Alison dachte über die Worte der Frau nach. Wenn jemand das Gesetz in die Hand nahm, dann wohl am besten eine angehende Polizistin.

Wayne Hill grub mit seinem Arm. Er war noch nicht weit gekommen. Sich aus dem Schutt zu befreien, würde einige Stunden dauern. Jemand trat zwischen den Baufahrzeugen hervor. Wayne Hill schaute auf.

»Wer bist du?«

»Ich bin der Mann, der für deine neuen Fähigkeiten verantwortlich ist.«

Livingon – Guns and Carpets

LIVINGON #4 – GUNS & CARPETS – APR 2020

 

Elin Parker schaute aus dem Fenster. »Gerard, sagtest du nicht, dass dies die friedlichste Stadt der Welt sei?«

Gerard Barrow fummelte mit einer Zange an einer Steckdose herum. »So stand es in der Zeitung. Warum fragst du?«

»Das Auto unserer Nachbarn wird gerade gestohlen, jemand versucht eine Person vom Dach gegenüber zu werfen und vorhin wurde ein Teppich, aus dem zwei Füße herausschauten, im Müllcontainer unten im Hof entsorgt. Amateurhaft, wenn ich das anmerken darf.«

»Ich schätze, auch die friedlichste Stadt hat mal einen schlechten Tag.« Gerard zog an einem Kabel in der Steckdose. »Welcher Trottel hat diese Kabel verlegt?« Ein letzter Ruck lockerte das Kabel.

Ein seltsames Geräusch aus der Nachbarwohnung. Als würde etwas fallen.

»Was war das?« Gerard legte ein Ohr an die Wand.

»Du weißt genau, was es war.« Elin schüttelte den Kopf. »Du holst den Teppich, ich hole die Schaufel.«

Animal Mother schlug mit ihrer Tigerpranke zu und schleuderte Polizeichef Clifton Blake gegen marode Fässer. Er blieb in einem Haufen Holz liegen.

Detective Vincent Verity eröffnete das Feuer auf die animalistische Gefahr. Animal Mother drehte sich um. Die Kugeln prallten an ihrem Gürteltierpanzer ab.

»Was zur Hölle ist das für ein Viech?« Verity schaute Daxton Scott und Lillian Gillan an, die mit grüner Haut und Fell am gesamten Körper neben ihm standen. »Und was zur Hölle seid ihr für Viecher?«

»Es ist eine lange Geschichte«, sagte Daxton.

»Es ist eine sehr kurze Geschichte«, sagte Lillian. »Du hast Kaffee mitgebracht und dann ging alles vor die Hunde.«

»Kaffee?« Verity nahm Animal Mother erneut unter Beschuss. »Das bringt nichts«, erkannte er richtig. »Wir brauchen einen anderen Plan.« Er schaute sich um. »Wo seid ihr?«

Daxton und Lillian liefen zum Ladekran. An dem langen Stahlseil hing ein schwerer Container. Genau das richtige, um Animal Mother loszuwerden.

»Ich lenke die Hafenarbeiter ab und du kletterst auf den Kran«, schlug Lillian vor.

»Kein Problem. Ich nutze einfach meine neuen Tarnfähigkeiten.« Er färbte sich knallrot.

»Nimm lieber eine Farbe, die nicht so auffällig ist.«

Daxtons Haut wurde blau. Er ließ den Kopf sinken und seufzte. »Mir fehlt eindeutig die Übung.«

»Beim nächsten Außeneinsatz nehme ich einen Raketenwerfer mit.« Verity wich einem Schlag der Tigerpranke aus. Er rollte neben einen Kistenstapel und feuerte seine Waffe ab. Die Kugeln gingen ihm aus.

Gelbe Schlangenaugen starrten ihn an. »Dassss isssst dein Ende«, zischte Animal Mother und holte zum entscheidenden Hieb aus.

»Später vielleicht«, sagte Verity, presste sein Gesicht auf den Boden und hielt sich die Arme über den Kopf.

Ein vorbei rauschender Container fegte Animal Mother davon und versank mit ihr im Hafenbecken.

Der One Armed Gun Man zielte mit seinem Revolver auf Alison Conarys Kopf. Alison erkannte ihn. Es war der Verbrecher, den sie und Frank verfolgt hatten.

Die Explosion hatte Wayne Hill einen Arm gekostet und er suchte jemanden, den er dafür verantwortlich machen konnte.

»Du denkst darüber nach, wegzulaufen, nicht wahr?« Wayne wedelte mit der Pistole. »Denkst, dass ich dich ohnehin nicht treffen würde.« Er zielte an Alison vorbei und feuerte die Waffe ab.

Die Kugel prallte von einem Stein ab, flog zwischen Alisons Beinen hindurch, streifte ein Abflussrohr, änderte die Richtung und tötete eine Fliege, die auf Waynes Schulter saß. »An deiner Stelle, würde ich genau dort stehen bleiben. Wir müssen uns unterhalten.«

»Von einem Ventilator erschlagen.« Elin pustete in ihren Kaffeebecher. »Unglaublich. Du bist wirklich ein Naturtalent.«

Gerard grub mit der Schaufel ein Loch im Wald. »Du weißt, dass es keine Absicht ist.«

»Du könntest trotzdem vorsichtiger sein. Wenn man so viele Leichen hinter sich gelassen hat, sollte man sich mal Gedanken machen.« Elin stellte ihren zu heißen Kaffebecher auf einen Baumstumpf. Der Becher fiel um. Der Kaffee ergoss sich über den Waldboden und sickerte in die Erde.

Der dumpfe Hall von Stimmen. Die ersten Geräusche, die Tanaya Woods seit Tagen hörte. Sie wusste nicht, wie lange sie schon gelähmt in totaler Finsternis lag. Ihre letzte Erinnerung war ein heranrasendes Auto auf der Straße im Wald, als sie von der Demonstration gegen die Abholzung kam. Vor unbestimmter Zeit wachte sie in dieser Dunkelheit auf. Bewegungsunfähig. Vom Kopf abwärts gelähmt. Ein Luftloch über ihrem Gesicht hielt sie am Leben. Aber wie lange noch? Um Hilfe rufen. Nicht möglich. Nur ein Krächzen aus der trockenen Kehle. Tränen. Die Erkenntnis, dass Rettung unwahrscheinlich war. Tropfen auf ihr Gesicht. Aus der Erde über ihr. Der Geschmack von Kaffee. Seltsam.

Gerard steckte die Schaufel in den Boden. »Das sollte tief genug sein.« Er schaute in das Loch. »Glaubst du, wenn in vielen Jahren jemand die Leichen hier findet, wird man hier einen Friedhof eröffnen, weil es zu viel Aufwand wäre, die ganzen Leichen auszubuddeln?«

»Manchmal habe ich das Gefühl, dass du Spaß am versehentlichen Töten hast.«

»Nein, nein. Aber wir wissen beide, dass sich hier schon bald einige Körper ansammeln werden.«

Die Erde wackelte. Laub wirbelte auf. Der Boden riss auf. Wurzeln und Ranken schossen in die Luft. Äste legten das Gesicht von Tanaya Woods frei. Eine Ranke goss den Rest des Kaffes in Tanayas Mund.

»Ah, das tat gut.« Sie bäumte sich auf. Überall aus ihrem Körper sprossen Gewächse. »Danke für den Kaffee. Der hat wirklich geholfen. Habt ihr zufällig meine Mörder gesehen?«

Patreon und Kindlebüchergeschenke

Corona macht auch vor uns Autoren nicht halt. Kleinverlage kämpfen ums Überleben, Textaufträge gibt es keine und jeder überlegt sich momentan lieber zweimal, ob er sein Geld für ein Buch ausgibt, wenn doch alles droht zusammenzubrechen und Jobs auf der Kippe stehen. Es ist eine Zeit, in der wir alle so ein wenig um unsere Existenz kämpfen. Aber es ist auch eine Zeit der Geschenke, denn wenn es allen scheiße geht, kann man so allen eine Freude machen. Ich ziehe da mit und schenke euch heute die Kindleversionen von Dewon Harper. Über diese Links könnt ihr euch die ersten vier Bücher kostenlos herunterladen:

DEWON HARPERS KRIMINALAKTEN

DEWON HARPERS FLUCHTPROTOKOLLE

DEWON HARPERS VERDACHTSFÄLLE

DEWON HARPERS KRANKENSCHEINE

Allerdings muss auch ich natürlich von was leben und deshalb dürft ihr auch gerne die Taschenbuchversionen kaufen. Oder ihr unterstützt mich auf meiner Patreon-Seite. Die ist noch ein wenig Work In Progress, aber der Grundstein ist gelegt und der erste Post ist online (und auch ohne Bezahlung lesbar).

Hier geht es zu meiner Seite.

In Zukunft werde ich mich dort vermehrt herumtreiben und in unregelmäßigen Abständen Content liefern. Eine kleine Spende könnte sich also lohnen. Mir hilft sie auf jeden Fall.

So, genug Werbung. Zurück zum alltäglichen Wahnsinn. Bleibt gesund, hört auf, euch um Kackpappe zu kloppen und gebt euer Geld lieber für die wirklich wichtigen Dinge aus. Also für mich …

Livingon – Fire And Water

LIVINGON #3 – FIRE AND WATER – MAR 2020

 

Juana Garcia schlug das Fenster ihres Büros mit einem Stuhl ein. Hinter ihr breiteten sich die Flammen im Polizeirevier von Livingon aus. Nur ein Ausweg. Juana sprang aus dem Fenster.

Cordelia Cove hatte sich ihren ersten Tag bei der Feuerwehr ruhiger vorgestellt. Brände waren keine Seltenheit in Livingon, aber direkt an einem Großeinsatz im Polizeihauptquartier beteiligt zu sein, übertraf ihre Vorstellungen. Sie trank einen Schluck Kaffee und bestaunte das älteste Gebäude der Stadt. Wenn sie und ihre Kollegen das Feuer nicht in den Griff kriegen würden, bedeutet das das Ende des letzten Gebäudes im neogotischen Baustil, das die Modernisierung überstanden hatte.

»Cove, was dauert da so lange?« Feuerwehrausbilder Nathaniel Heading war nicht für seine Geduld bekannt. Das Feuer wartete schließlich auch nicht. »Der Brand löscht sich nicht von alleine.«

Cordelia stellte den Kaffebecher weg und rollte den Schlauch aus. Sie schloss ihn am Hydranten an. Wasser lief ihr in die Handschuhe. »Wasser marsch!«, rief sie und kam sich dämlich vor.

Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine Bewegung in der Gasse hinter dem brennenden Gebäude. Cordelia schaute genauer hin. Aus einem eingeschlagenen Fenster quoll Rauch. Aus einem Müllcontainer unter dem Fenster kroch Juana Garcia. Sie lag auf den dreckigen Pflastersteinen und atmete durch.

»Alles in Ordnung?« Cordelia lief zu Juana.

»Mir geht es gut.« Juana stand auf.

»Wir sollten uns von dem Gebäude entfernen. Das Feuer breitet sich schnell aus.«

Cordelia glich einem Wasserspeier. Wasser lief ihr aus Mund und Nase. Sogar aus den Ohren kamen einige Tropfen. Panisch hielt sie sich die Hände vor den Mund.

»Was zur Hölle ist los mit dir?« Juana wich einen Schritt zurück.

Cordelia lief blau an.

»Du musst atmen. Konzentrier dich aufs Atmen.«

Cordelia fiel auf die Knie.

»Denk nicht über das Wasser nach. Denk an die Luft, die du atmen musst.«

»Zur Hölle damit.« Juana schlug Cordelia mit der Faust ins Gesicht.

Alison Conary joggte über die Laufstrecke der Polizeiakademie. Es war ihr zuvor nie aufgefallen, dass die Strecke nicht 400 Meter lang war, wie angegeben, sondern genau 399,42 Meter. Natürlich war es auch niemandem sonst aufgefallen. Solche Dinge fielen niemandem auf. Alisons Auffassungsgabe glich einem Raum mit unendlich dehnbaren Wänden, die von innen gegen ihre Schädeldecke drückten. Dann musste sie dieses Wissen herauslassen, um den Druck abzubauen. Sie vermutete, dass der Vorfall (siehe Ausgabe #1.1) etwas damit zu tun hatte. Sie schien alles zu verstehen und alles zu wissen. Nur, warum sie alles verstand und wusste, verstand und wusste sie nicht. Es war an der Zeit, an den Ort des Geschehens zurückzukehren.

Cordelia lag bewusstlos in einer Pfütze. Sie atmete. Aber wie lange noch? Begann die Wasserproduktion erneut, wenn sie aufwachte? Juanas Kenntnisse der biologischen Vorgänge in einem mutierenden Körper beschränkten sich auf die gerade erlebten Sekunden, die sie sich nicht erklären konnte.

Jemand fiel aus dem Fenster in den Müllcontainer. Ein Husten. Ein Polizist. Officer Stanley Broshanan. Er schaute den reglosen Körper Cordelias an.

»Was ist passiert?«

»Sonderbare Dinge.«

»Wie sonderbar?«

Juana erinnerte sich an ihn. Sie hatten mal einen Fall gemeinsam bearbeitet. Schon damals hatte er unbeantwortbare Fragen gestellt. »Sonderbar eben. Da gibt es keine Abstufungen.«

»Ich habe viele sonderbare Dinge gesehen und könnte dir auf einer Skala von eins bis zehn alles mögliche erzählen.«

»Auf welcher Skala ist eine Frau, der plötzlich Wasser unaufhörlich aus allen Körperöffnungen fließt?«

»Eine drei«, sagte er unbeeindruckt und untersuchte Cordelias Puls. »Sie ist nicht ertrunken. Das ist gut.« Er hob sie auf seine Schulter. »Komm mit. Ich kenne jemanden, der helfen kann.«

Polizeichef Clifton Blake und Detective Vincent Verity standen vor einem Lagerhaus im Hafen.

»Glauben Sie wirklich, jemand wie Clarence Statterstot würde sich in einem heruntergekommenen Lagerhaus verstecken?« Veritys Skepsis hatte ihm gute Dienste erwiesen. Er wies ein Talent dafür auf, die Gedankengänge von Verbrechern zu durchschauen und ihre Vorgehensweise zu verstehen. Hätten sie es mit einem simplen Taschendieb oder einem illegalen Walfänger zu tun gehabt, wäre ein Lagerhaus am Hafen ein valider Unterschlupf. Jemand wie Statterstot strebte höhere Ziele an und die begannen nicht mit dem Gestank von Fisch.

»Sicher nicht«, stimmte Blake zu. »Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass er die Adresse zufällig ausgewählt hat.« Er zog seine Waffe. »Wir sollten vorsichtig sein.«

Ein Rudel Hunde gefolgt von einem Vogelschwarm kamen vorbei.

»Was ist jetzt los?« Verity schaute den Tieren hinterher.

Daxton Scott mit grüner Haut und Lillian Gillan mit Fell liefen vorbei. Lillian blieb stehen. »Die Polizei. Gut. Wir haben da ein Problem.«

Miss Creston landete auf dem Dach des Lagerhauses und zog ihre Schwanenschwingen ein. Sie riss den Mund auf.

»Was ist das?« Blake schoss.

Animal Mother wand sich wie eine Schlange und wich den Geschossen aus. Ihre gelben Augen schienen zu glühen. »Dasssss war sssssehr unfreundlich. Die Ssssstrafe wird ssssschmerzhaft sein.«

Sie sprang vom Dach auf Blake zu.

Livingon – Investigations

LIVINGON #2 – INVESTIGATIONS – FEB 2020

 

Im Polizeihauptquartier von Livingon zitterte Polizeichef Clifton Blake hinter seinem Schreibtisch und ignorierte den Umstand, das die Heizung defekt war. Jemand klopfte an die Tür. Detective Vincent Verity wartete nicht auf eine Antwort und betrat das Büro in einen dicken Pelzmantel gehüllt. Er warf eine Akte auf den Schreibtisch.

»Clarence Statterstot«, begann er, »hat für die Polizei gearbeitet. Ein Statistiker wie er im Buche steht. Angeblich konnte er jede Kriminalstatistik auswendig im Detail vortragen. Eine echte Bereicherung.«

Blake las in der Akte. »Klingt bisher nicht kriminell. Eher im Gegenteil. Was ist geschehen?«

»Er drehte durch. Die Statistiken gefielen ihm nicht, also begann er selbst, Verbrechen zu begehen, um sie nach seinen Vorstellungen zu verändern.«

»Klingt völlig irre.«

»Aber erfolgreich. Er begann mit ein paar Einbrüchen und steigerte sich bis hin zum Mord.«

Blake legte die Akte weg. »Und das?« Er zeigte hinter sich, wo ein Fenster einen Blick auf die Stadt bot. »Wie hat er es bewerkstelligt, alle Verbrecher gleichzeitig aus dem Knast zu holen?«

»Um ehrlich zu sein«, Verity stand auf, »würde ich mir davon selber gerne ein Bild machen.«

»Eine Vermutung?«

»Sagen wir, ich habe Ideen. Aber ich würde mich gerne mit dem Gefängnispersonal unterhalten, bevor ich endgültige Schlüsse ziehe.«

»Diese Gelegenheit, aus der Kälte zu kommen, lasse ich mir nict entgehen.« Blake holte seine Waffe aus der Schublade. »Ich fahre.«

Eine Stunde später standen Blake und Verity in einer leeren Gefängniszelle und starrten in ein Loch.

»Und niemand hat etwas gehört?« Verity befragte das Personal. Er kannte die Antworten bereits, aber suchte nach der Bestätigung seiner Theorie.

Das Personal schüttelte den Kopf.

»Wie ich dachte.« Verity nickte.

Blake wurde ungeduldig. »Wollen Sie uns vielleicht erluchten oder sollen wir noch eine Weile in das dunkle Loch glotzen?«

»Vor einiger Zeit war ich an einem Fall beteiligt, bei dem eine Gruppe von Bankräubern mit der Hilfe einer neuen Lasertechnologie Löcher unter die Tresorräume von Banken gebohrt hat. Die Banken bemerkten es erst, als die Tresore bereits leergeräumt waren. Die Laser sind völlig lautlos.«

»Woher kamen diese Laser?« Blake vermutete, die Antwort bereits zu kennen.

»Die Ermittlungen endeten in einer Sackgasse.«

»Natürlich taten sie das.« Blakes Vermutung war richtig.

»Aber über unseren Ausbrechergehilfen haben wir vielleicht eine neue Spur. Wenn wir Statterstot finden, finden wir die Laser und dann finden wir die Bankräuber.«

»Sie sagen das, als würde Statterstot in der nächsten Kneipe auf uns warten. Wir haben nicht die geringste Spur von dem Mann. Er könnte die Stadt bereits verlassen haben.«

»Das halte ich für unwahrscheinlich. Er wird sich sein Werk aus der Nähe betrachten wollen.«

»Ihr Bullen seid wirklich nicht die Hellsten, oder?« Eine Frauenstimme kam aus einer der Zellen.

Felicia Fenix galt als die größte Ausbrecherkönigin der Welt. Die Ironie, dass sie zur Zeit die einzige Insassin des Gefängnisses von Livingon war, blieb den Polizsiten verborgen. Sie lag gemütlich auf ihrem Bett und wedelte mit einem Brief.

»Wenn ihr Breibirnen euren Job gescheit machen würdet, hätte der Ausbruch gar nicht stattgefunden.« Sie hielt Blake den Brief hin. »Statterstot hat allen Insassen bereits vor Wochen einen Brief geschrieben, in dem er den Ausbruch ankündigte.«

Blake nahm den Brief aus dem Umschlag. Er war handgeschrieben. Statterstot machte sich offensichtlich keine Sorgen darum, erwischt zu werden. Sogar eine Absendeadresse stand darauf. Blake überflog den Brief. Er handelte von einem Ausflug ans Meer. »Ich kann hier nichts von einem Ausbruchsplan finden.«

»Meine Fresse, seid ihr Streifenhörnchen dämlich. Die Botschaft ist natürlich etwas versteckt. Von oben nach unten gelesen ergeben die erste und letzte Reihe den Plan. Und bevor ihr Siplisten fragt: Das Datum ist die Absendeadresse.«

»Hausnummer 111«, las Blake. »Also ist die Adresse gefälscht und existiert überhaupt nicht?«

»Was denkst du, Meisterdetektiv?«

Blake steckte den Brief ein. »Darf ich den behalten?«

»Klar. Ich hatte nicht vor, ihm zu antworten.«

»Danke für die Hilfe, Miss …?«

»Fenix. Felicia Fenix.«

»Darf ich fragen, warum Sie noch hier sind, Miss Fenix?« Blake betrachtete das zugeschaufelte Loch in ihrer Zelle.

»Bitte, nenn mich Felicia. Sonst fühle ich mich nur alt.« Felicia setzte sich auf. »Wenn ich hier raus will, gehe ich hier raus. Ich benötige keine Hilfe von irgendeinem Wahnsinnigen, der die Stadt ins Chaos stürzen will. Hier drin ist es momentan wundervoll ruhig und entspannend. Ich haue ab, wenn die ganzen Möchtegernkriminellen mir hier drin wieder auf die Nerven gehen. Bis dahin ist es hier wie im Urlaub. Nur ohne kühle Cocktails und heiße Schnitten im Bikini.«

Blake und Verity kehrten zum Auto zurück. »Eine interessante Person«, bemerkte Blake.

»Völlig irre, wenn Sie mich fragen.« Verity schaute zu den Gefängnistürmen hoch. »Als ob sie einfach so aus dem Knast marschieren könnte, wann es ihr passt.«

»Allen anderen ist es offensichtlich gelungen.« Blake stieg ein.

Verity schüttelte den Kopf und setzte sich auf den Beifahrersitz. »Ja, aber nur mit der Hilfe von Statterstot. Von dem wir immer noch keine Spur haben.«

»Wir sollten die Adresse auf dem Brief überprüfen. Vermutlich ist sie erfunden, aber sicher ist sicher.«

»Einen anderen Anhaltspunkt haben wir ohnehin nicht.« Verity schnallte sich an.

»Gibt es etwas neues zum Brandstifter?« Blake graute es bereits davor, wenn sich schon bald die Fälle stapeln würden und hoffte die vorhandenen so schnell wie möglich abschließen zu können.

»Bisher nicht. Ich habe Garcia den Fall übertragen. Vielleicht hat sie schon erste Ergebnisse, wenn wir zurück sind.«

Juana Garcia war weit von Ergebnissen entfernt. Sie stand in ihrem Mantel an einer Magnettafel mit zwei Fotos. Eins zeigte Commandant Whiskers, den ehemaligen Leiter der Polizeiakademie, dessen verkohlte Leiche in diesem Moment obduziert wurde. Das zweite Foto zeigte Alison Conary, Rekrutin an der Polizeiakademie, die ein Aufeinandertreffen mit dem Brandstifter überlebt hatte. Polizeichef Blake überlebte ebenfalls und war laut eigener Aussage das Hauptziel des Flammenwerfers. Garcia zitterte. Die Kälte lenkte vom Denken ab und erschwerte die Lösung des Falls. Bisher hatte sich Garcia zusammengesetzt, dass es der Feuerleger auf Polizisten abgesehen hatte. Aber warum? Wo kam er her? Wieso nutzte er ausgerechnet Feuer? Garcia hatte keine Antworten auf diese Fragen. Vielleicht konnte ihr Alison ein paar beantworten. Und sie konnte sich in der Polizeiakademie etwas aufwärmen.

Eine Flasche flog durch die Eingangstür.

Sie zerbrach in der Vorhalle.

Ein Feuerkreis setzte Tische und Vorhänge in Brand. Es wurde schlagartig warm im Polizeihauptquartier.

Livingon – Day One 3

LIVINGON #1.3 – DAY ONE PART 3 – JAN 2020

Polizeichef Carlton Blake wich der Flammenwerferattacke aus und eröffnete das Feuer auf Free Fire.

Die Kugeln prallten von der Rüstung ab. Blake trug keinen Schutz gegen die heiße Feuerwand, die auf ihn zurollte. Er sprang hinter das Auto. Die Flammen rauschten über ihn hinweg und versengten seine grauen Haare.

Mit seiner Pistole würde er hier nicht weit kommen. Er brauchte einen anderen Plan.

Alison Conary hatte einen Plan und trat aufs Gaspedal. Free Fire richtete die Waffe auf den heranrollenden Wagen. Die heiße Welle folgte dem vorbeirauschenden Auto. Alison schaute in den Rückspiegel. Free Fire widmete sich wieder dem Polizeichef.

Blake schaute wie ein Reh in die Mündung des Flammenwerfers. Der nächste Stoß würde mehr versengen, als nur seinen Haaransatz. Free Fire betätigte den Abzug.

Die Mündung spuckte eine winzige Stichflamme aus. Es folgte schwarzer Rauch. Das Auto raste heran. Free Fire drehte sich um und konnte noch die Arme vors Gesicht heben, bevor der Aufprall einige Dellen in die Rüstung schlug.

Alison hielt an und kurbelte das Fenster runter.

»Kein Benzin mehr.«

Blake schaute sie mit offenem Mund an. »Was?«

»Das Flammenwerfermodell verbrennt bei dieser Benzinmischung genau drei Flammenstöße, dann muss der Tank aufgefüllt werden.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Ich glaube, ich kriege gleich einen Herzinfarkt.« Blake lehnte sich an die Karosserie und atmete tief durch.

Hinter ihm setzte sich Free Fire auf wie ein Cyborg.

»Wir sollten jetzt los.« Alison stieß die Beifahrertür auf.

Free Fire hielt eine Flasche mit einem Tuch im Hals in der Hand.

»Einverstanden.« Blake sprang auf den Sitz.

Mit quietschenden Reifen fuhr der Wagen davon. Im Rückspiegel sahen sie die Straße in Flammen aufgehen.

Die Farbe entfernte sich aus Daxtons Haut. Es handelte sich nicht um einen Nebeneffekt der übertragenen Chamäleonfähigkeiten. Es war schlichte Todesangst.

Dogtooth knurrte. Lillian verbrachte jeden Tag mit Hunden. Sie wusste, was zu tun war. Sie zog einen Knochen aus ihrer Tasche und warf ihn aus dem Fenster. Dogtooth sprang hinterher. Einen uralten Instinkt legte auch ein mutierter Hund nicht ab.

»Was zum Geier passiert hier?« Lillian strich über ihr Fell.

»Ich habe nicht den blassesten Schimmer.« Die Blässe wich aus Daxtons Haut und sie nahm einen Grünton an. »Irgendwie haben sich die Eigenschaften der Tiere auf uns übertragen.« Daxton betrachtete seinen Arm. »Ich habe offensichtlich die Fähigkeiten von Carl gekriegt.« Er schaute Lillian an. »Und du die vom Lama.«

»Ich wusste, dass es keine gute Idee war, das Lama aufzunehmen.«

»Es könnte schlimmer sein.«

»Wie?«

Daxton zeigte zum Fenster, durch das Dogtooth verschwunden war. »Du könntest das da sein.«

Fest entschlossen ihr kriminelles Leben hinter sich zu lassen, fuhren Gerard Barrow und Elin Parker durch den Wald. Livingon versprach Möglichkeiten für einen Neuanfang. Eine neue Stadt. Ein neues Leben. Gute Vorsätze, die in diesem Moment zerschmettert wurden.

Die Frau lag leblos auf dem Asphalt. Neben ihr ein Schild. Darauf stand

Auf den ersten Blick war klar, dass diese Frau keinen Wald mehr retten würde.

»Du hast die Frau überfahren!« Elin schlug Gerard gegen die Schulter. »Weil du nie auf die Straße achtest.«

»Sie stand plötzlich auf der Straße.«

»Niemand steht einfach plötzlich auf der Straße.«

»Ich glaube, im Kofferraum ist eine Schaufel.«

»Was willst du mit einer Schaufel?«

»Was glaubst du? Eine Leiche macht sich nicht gut beim Neuanfang.«

»Ich sollte dich mit vergraben, dann hätte ich weniger Sorgen.« Elin stieg aus. »Ich trage die Schaufel.«

Alison ließ sich aufs Bett fallen. Sie hatte die Polizeiakademie erreicht und hoffte darauf, dass der Rest des Tages ruhig verlief.

Dieses Dröhnen. Ihre Kopfschmerzen verstärkten sich. Ungewöhnlich. Sie hatte nie Kopfschmerzen.

Die Tür flog auf und eine Blondine eilte zum Bett. Sie umarmte Alison mit einem Druck, der ihr die Luft abschnürte. Vielleicht würde die fehlende Sauerstoffzufuhr zum Gehirn ihre Kopfschmerzen lindern. Nein, das war es nicht wert.

»Penny, du drückst mir die Luft ab«, röchelte Alison.

»Ich habe gerade erst von deinem Unfall erfahren. Geht es dir gut?«

Penny Pearl. Das bekannteste Model der Stadt. Alisons beste Freundin. Sie hatte immer eine Kopfschmerztablette in ihrer Handtasche.

»Ich habe dir ja gesagt, dass dieser Job nichts für dich ist. Du hättest Model werden sollen.«

»Penny, ich habe bei weitem nicht dein Aussehen, deine Ausstrahlung und dein Selbstbewusstsein.«

»Man ist immer so schön, wie man sich fühlt.«

»Alt.«

»Wer ist alt?«

»Es heißt, ›man ist so alt, wie man sich fühlt‹.«

»Nun, wir fühlen uns jung, also sind wir wunderschön, nicht wahr?«

Gegen Pennys optimistische Grundeinstellung fehlten Alison die Argumente. Außerdem hinderten ihre Kopfschmerzen sie daran, klar zu denken. Sie schaute auf Pennys Handtasche, in der sich vermutlich Aspirin befand. Beim Gedanken daran hatte sie das Gefühl, dass ihr Gehirn explodierte. »Aspirin heißt eigentlich Acetylsalicylsäure und wird bereits seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts von Pharmaherstellern vertrieben.« Alison ratterte den Satz runter, als würde sie einen Lexikonartikel auswendig aufsagen.

»Warum erzählst du mir das?«

Alison sprang auf und hielt sich den Kopf. »Ich weiß es nicht.«

»Ist alles in Ordnung mit dir?«

»Deine Handtasche wiegt 4,3874295 Kilogramm. Das wird für ungefähr eine Zehntelsekunde einen Abdruck auf dem Teppich hinterlassen.«

»Du machst mir Angst, Alison.«

»Angst ist ein Grundgefühl und entsteht, wenn man sich bedroht fühlt. Sie schärft die Sinne und aktiviert den Überlebensinstinkt. Die Ausschüttung von Adrenalin, Noradrenalin, Kortisol und Kortison bewirkt « Alison blieb sie still stehen. Sie blinzelte und schüttelte den Kopf. »Die Kopfschmerzen sind weg.«

»Ähm … gut?«

Alison setzte sich auf ihr Bett. »Ich habe das Gefühl, dass sich mein Kopf mit jeder Menge Wissen füllt. Als würde jemand mit einem Druckluftreiniger Fakten in meinen Kopf schießen.«

»Du hattest einen anstrengenden und aufregenden Tag. Du brauchst Ruhe. Schlaf dich aus. Ich komme dich morgen wieder besuchen.«

Penny stand auf und ging. Vermutlich hatte sie recht. Trotzdem hätte sich Alison besser gefühlt, wenn sie ihr Acetylsalicylsäure dagelassen hätte.

Daxton Scott rieb sich über die schuppige Haut. »Es ist unglaublich.« Er konzentrierte sich. Seine Haut färbte sich blau. »Verdammt. Ich wollte grün.«

»Kannst du mal mit dem Quatsch aufhören und mit mir nach einer Lösung für unser Problem suchen?« Lillian Gillan spuckte an die Wand und schnitt mit einer Schere das Fell an ihren Beinen.

»Ich weiß nicht, was geschehen ist. Wir müssen mit irgendetwas in Kontakt gekommen sein, das unsere DNA mit der von den Tieren vermischt hat.«

Lillian starrte Daxton stumm an.

»Oder so«, fügte er hinzu und schaute zu Boden, um dem Blick auszuweichen. Ein brauner Fleck zog seine Aufmerksamkeit auf sich. »Der Kaffee!«

»Was ist mit dem Kaffee?«

»Du hast davon getrunken. Ich habe davon getrunken. Und Dogtooth hat ihn aufgeleckt.« Daxton dachte nach. »Und die Frau war auch noch da.«

»Welche Frau?«

Die Tür flog auf.

»Diese Frau.«

»Wer ist das?«

»Die Besitzerin des Tierheims.«

Miss Creston stand in der Tür, starrte Daxton durch gelbe Augen an.

Eine gespaltene Zunge schob sich durch ihre ledrigen Lippen. »Wasssss hasssst du mit mir angesssstellt?«

Gerard Barrow hielt den Wagen an. Von dem Hügel vor der Stadt hatte man einen guten Blick auf Livingon. Er legte die Hand um Elin.

»Unser neues Zuhause. Eine ungewisse Zukunft, aber eine ehrliche und verbrechenslose erwartet uns.«

Hinter den Gebäuden ging die Sonne unter. Aus einem Schornstein in der Mitte der Stadt stieg grüner Rauch auf. In der Ferne verstummten die Sirenen. Die Verbrecher und Gesetzeshüter erholten sich von einem aufregenden Tag.

Elin lächelte und legte den Kopf auf Gerards Schulter. »Sieht aus, als könnte man hier ein wundervolles Leben führen.«

Livingon – Day One 2

LIVINGON #1.2 – DAY ONE PART 2 – JAN 2020

 

Ein lautes Dröhnen. Ein heller Lichtschein. Umherfliegender Beton. Alison Conarys Erinnerung beschränkte sich auf diese Fetzen, deren Überreste um sie herum lagen. Staub. Steine. Stille.

Eine Hand streckte sich ihr entgegen. Sie zog Alison aus den Trümmern. Eine warme Decke. Wasser. Ausruhen. Sich erinnern. So viele Fragen …

 

Der Besuch beim Bäcker gehörte für Daxton Scott zu einem gelungenen Morgen, wie ein Blick auf die See, die vom Sonnenaufgang in einen roten Schimmer getaucht wurde. Er riss sich von dem Anblick los und betrat die Bäckerei.

Die Frau, mit der er zusammenstieß, ging wortlos weiter.

»Der junge Stiff Baker«, krächzte eine alte Frau über ihre Kaffeetasse hinweg und wedelte mit ihrem Gehstock in die Richtung des jungen Bäckers hinter der Theke.

»Ich heiße Steve.«

»Hätte nie gedacht, dass ich das noch erlebe. Als Kind war er immer so tollpatschig.«

Daxton nickte und beeilte sich, seine Bestellung aufzugeben, bevor er die Lebensgeschichte von Steve Baker anhören musste. Er kannte sie auswendig. Die Frau erzählte sie jeden Morgen. Vermutlich stimmte weniger als die Hälfte davon. Steve hatte es sich abgewöhnt, sie zu korrigieren.

Es grenzte an ein Wunder, dass Alison die Explosion unversehrt überstanden hatte. Die anderen Beteiligten hatten weniger Glück gehabt.

»Von Frank Hennigan fehlt jede Spur«, erklärte Polizeichef Carlton Blake. »Auf dem Dach gegenüber wurde ein Arm gefunden. Wir konnten noch nicht feststellen, ob er Frank gehörte.« Er holte einen Notizblock hervor. »Also, was ist passiert?«

»Das Gebäude ist explodiert.« Alison wusste nicht, was Blake von ihr erwartete. Woher sollte sie wissen, was genau geschehen war. Sie war nur zufällig auf dem Dach eines explodierenden Gebäudes gewesen. Im Nachhinein hätte sie sich lieber woanders aufgehalten.

»Sehen Sie, das ist seltsam, Miss Conary. Das Gebäude stand leer. Ich frage mich also, was die Exposion verursacht haben könnte. Erinnern sie sich an gar nichts? Keine Details? Etwas außergewöhnliches? Geräusche? Gerüche? Irgendetwas, das uns weiterbrigen könnte?«

Alison schüttelte den Kopf. Blake steckte den Notizblock weg, ohne etwas aufgeschrieben zu haben.

»Ich kann Sie zurück zur Akademie fahren, wenn sie wollen. Vielleicht fällt Ihnen unterwegs doch noch etwas ein.«

Alison schaute sich die Überreste des Gebäudes an und nickte.

 

Die Hunde begrüßten Daxton mit fröhlichem Schwanzwedeln im Tierheim. Vögel zwitscherten und flogen eine Ehrenrunde. Der Leguan ignorierte ihn. Lillian Gillan begrüßte ihn mit einem Chamäleon auf dem Arm.

»Da bist du ja endlich.« Lillian stellte sich Schulter an Schulter mit Daxton. »Carl ist heute sehr anhänglich und ich muss draußen das Lama füttern.«

Das Chamäleon kletterte auf Daxtons Schulter und schielte auf die Kaffebecher. Lillian schnappte sich einen davon, bevor ihr das Chamäleon oder ein anderes Tier ihr Frühstück wegschnappte und verschwand durch die Hintertür.

Daxton schlürfte seinen Kaffee. Er taumelte durch das wedelnde Hunderudel und wich Vogelkot von oben aus. Dabei übersah er die Frau, die das Tierheim betrat und verschüttete seinen Kaffee über ihre Bluse. Die Hunde eilten neugierig herbei.

Miss Creston trat mit ihren Schlangenlederstiefeln nach dem Hund mit der Zahnlücke, der ihr den Kaffee von den Stiefeln leckte. »Verschwinde, du Misttöle!«

»Es tut mir sehr leid.« Daxton eilte mit dem saubersten Tuch herbei, das er hatte finden können und tupfte die Kaffeflecken von Miss Crestons Mantel aus Robbenfell. Sie scheuchte ihn weg und lutschte den Kaffe von ihren Koalabärhandschuhen. »Trottel. Behandelt ihr so auch die Kunden?« Sie rümpfte die Nase. »Was ist das hier überhaupt für ein Saustall? Kein Wunder, dass der Laden den Bach runter geht.«

»In einem Tierheim ist es schon mal unordentlich.«

»Nicht in meinem Tierheim.«

»Ihrem Tierheim?«

»Ich habe die Bruchbude gekauft. Ich bin dein neuer Boss, Schätzchen. Und zuerst mal räumst du hier auf. Und dann überlege ich mir, ob du weiterhin hier angestellt bleibst.« Miss Creston machte auf der Stelle kehrt und verließ das Tierheim.

»Ihr habt sie gehört, Jungs«, Daxton streichelte Tooth, den Hund mit der Zahnlücke, »ich muss hier aufräumen.« Er brachte das Hunderudel ins Hinterzimmer und schloss die Tür.

Lillian kehrte zurück von der Lamafütterung und erstarrte beim Anblick von Daxton. »Warum bist du grün?«

Daxton schaute sich seinen Arm an, der einen grünlichen Farbton angenommen hatte. »Was zum Geier?«

Lillian veränderte sich ebenfalls.

»Warum wächst dir Fell?«

»Warum schielst du?«

»Warum läuft dir der Speichel das Kinn runter?«

»Was war das?«

Eine Pfote, so groß wie Daxtons Kopf, zersplitterte die Holztür. Eine Hundeschnauze schob sich durch das Loch. Die spitzen Zähne waren so groß wie Finger. Einer fehlte.

Daxton packte Lillian an der felligen Hand und zog sie hinter sich her zum Ausgang.

Tooth sprang durch die Holzreste der Tür und versperrte ihnen den Weg. Er bäumte sich auf und stand auf zwei Beinen vor ihnen. Seine Größe überragte Daxton um mehrere Köpfe. Geifer tropfte durch seine Zahnlücke.

»Braver Hund?« Daxton schluckte.

Die Fahrt verlief schweigsam. Alison dachte über die Ereignisse des Tages nach. Blake dachte über die Welle von Verbrechen nach, die über Livingon hereinbrechen würde. Beide waren sich einig, dass die Stadt nie wieder so sein würde wie zuvor. Eine Gestalt mitten auf der Straße zur Polizeiakademie riss beide aus ihren Gedanken. Sie glich einem modernen Ritter in einer metallenen Rüstung. Ein Schweißerhelm verbarg das Gesicht.

Blake trat auf die Bremse und schaute die Person an. Sie stand regungslos da. Blake starrte. Alison starrte.

»Ich schlage vor, wir fahren weiter«, sagte Alison.

»Ich frage mal nach, was los ist.« Blake öffnete die Fahrertür.

»Das halte ich für keine gute Idee.«

»Keine Sorge«, Blake lud seine Waffe durch, »ich bin immer abgesichert.« Er stieg aus.

Dann rollte eine Feuerfontäne über das Auto hinweg.