Auf der Suche nach dem ersten Blogpost #20 – Das Finale

Zu Teil 19

 

Wie ich ja schon mal erwähnt habe, sind mir leider meine Notizen zu diesem Projekt abhanden gekommen. In meinem Chaos gar nicht mal so überraschend. Vermutlich habe ich die Datei einfach versehentlich gelöscht. Da ich das ganze aber nicht einfach abbrechen wollte, habe ich mir vorgenommen, die Geschichte zumindest noch zum Abschluss zu bringen. Zwar etwas halbherzig, aber immerhin ein Ende. Und das gibt es jetzt. Vielleicht starte ich im neuen Jahr eine neue fortlaufende Geschichte hier im Blog. Mal schauen.

 

Ich werde mich wohl nicht mehr daran gewöhnen unter Wasser herumzulungern und dabei zu versuchen nicht abzusaufen. Ich sehe Fey vor mir. Sie versucht sich von ihren Fesseln zu befreien. Der Sheriff war wohl mal in der Marine, oder sowas. Die Knoten geben jedenfalls nicht ein Stück nach. Wir sinken auf den Grund. Über uns die Kiele von alten Schiffen. Unter uns eine Ansammlung von Müll und Schrott, der regelmäßig von den Leuten über die Hafenkante gekippt wird. Ersaufen im Müll. Wie passend für einen Chaoten wie mich.

Die Tatsache, dass ich noch in der Lage bin, diese Zeilen zu schreiben, verrät wohl schon, dass wir nicht absaufen werden. Zwischen den alten Schiffen über uns leuchtet eine Flammenfontäne auf. Dann fällt etwas schwarzes ins Wasser, was aussieht, als könnte es mal der Sheriff gewesen sein. Jetzt ist es nur noch ein verkohlter Klumpen, der zwischen Fey und mir zum Müll hinunter sinkt. Er bleibt zwischen einigen zerbrochenen Flaschen liegen. Ich denke mir nichts dabei, da mir langsam die Luft ausgeht und ein Bier mich hier nicht retten kann. Fey schaltet schneller. Wie gewöhnlich. Sie taucht zu den Scherben runter und schneidet damit ihre Fesseln durch.

Wir tauchen auf und ich schnappe nach Luft wie nach einem Hustenanfall, wenn ich mal wieder zu viele Zigaretten hintereinander geraucht habe. Ah, eine Zigarette wäre jetzt wirklich was. Das Feuer hätte ich auch schon, da der halbe Hafen in Flammen steht. Mittendrin stehen Rullon und der Drache. Dazwischen Nick in seinem Käfig.

»Was hast du getan?« Rullons Stimme bewegte sich in einer Schwebe zwischen Verwirrtheit und Bestürzung hin und her. »Er war unser Verbündeter.« Er sprach vom Sheriff, dessen Stern angekokelt in Rullons Hand lag.

»Ich habe getan, was ich tun musste.« Der Drache wirkte überraschend ruhig für jemanden, der gerade einen anderen Mann abgefackelt hat. Vermutlich gewöhnt man sich daran, wenn es zum Alltag gehört. »Ich habe das Richtige getan.«

»Das Richtige?« Rullon warf den Sheriffstern nach dem Drachen. »Das Richtige ist, mich zum Gott zu machen! So wie es immer der Plan war.«

»Niemand sollte so viel Macht haben.«

»Und ich dachte, wir wären auf der selben Seite.« Rullon klingt enttäuscht. Wie ein Kind, dem die Eiskugel aus der Waffel auf die Straße gefallen ist. »Also muss ich mir auch deine Macht selbst holen. Bedauerlich«, sagt Rullon und geht zum Angriff über.

Wenn ein Mantikor, wie Rullon einer ist, zum Angriff übergeht, ist das für alle Anwesenden ein beeindruckender Anblick. Natürlich ist es besser, sich an dem Anblick während des Weglaufens zu erfreuen, damit man nicht zum ersten Opfer des Mantikors wird. Rullon geht in die Knie und springt hoch. Sehr hoch. So hoch, dass er über die Dächer der umstehenden Lagerhallen gucken kann. Und dann schwebt er für einen Moment in der Luft. Flügel wachsen aus seinen Schulterblättern und er schaut auf uns herab. An seinen Händen erscheinen scharfe Krallen und aus einem Hosenbein baumelt ein langer Schwanz mit giftigem Stachel heraus. Er sieht nicht so aus, als wolle er uns nur eine kleine Lehrstunde in Mythologie geben. Das macht sich spätestens in dem Moment bemerkbar, als er giftige Pfeile aus seiner Mähne schießt. Die Schuppenhaut des Drachen ist so fest und dicht, dass die Pfeile einfach an ihm abprallen. Aber natürlich hat Rullon noch einige Asse im Ärmel. Ein epischer Kampf unvorstellbaren Ausmaßes entbrennt am brennenden Hafen, den in Worte zu fassen ich nicht in der Lage bin, was vor allem daran liegt, dass Fey und ich damit beschäftigt sind, uns irgendwo in Sicherheit zu bringen, während Giftpfeile und Flammenfontänen über den Hafen fliegen wie Bodenluftraketen an einem schlechten Tag im Militärtestgelände nahe der Stadt.

Der Drache mag das Feuer beherrschen, aber der Mantikor ist zu mächtig. Rullon beißt sich mit seinen drei Zahnreihen durch die Schuppenhaut des Drachen. Blut spritzt aus den Wunden des Drachen und er geht schwer atmend zu Boden.

Rullon steht über dem Drachen und schaut ihn verachtungsvoll an. »Wir hätten zusammen die Welt regieren können«, sagt er. »Du hättest nur tun müssen, was ich dir aufgetragen habe. Du hättest nur Nick suchen müssen.«

»Ich habe Nick gesucht«, röchelt der Drache. »Um mich mit ihm gegen dich zu verbünden. Die Macht ist dir komplett zu Kopf gestiegen.«

»Nun«, Rullon grinst, »wer Macht hat, kann es sich leisten, dass sie ihm zu Kopf steigt.«

Rullon wischt sich das Blut vom Mund und beugt sich zu dem Drachen hinunter. Er legt ihm die Hand auf die Brust. Ein gleißendes Licht durchfährt den Körper des Drachen. Danach regt er sich nicht mehr. Rullon steht auf und lacht dreckig. »Ich bin mächtiger als je zuvor«, sagt er und wendet sich Nick zu. »Jetzt fehlt nur noch deine Kraft.«

Fey schaut mich an. »Wir müssen etwas tun.«

Ich kann ihr keine Bitte ausschlagen. Aber eine Idee habe ich natürlich auch nicht. Mich einfach dem Mantikor entgegenzustellen klingt nicht nach einem guten Plan. Fey ist meiner Meinung und schlägt vor, dass sie sich ihm entgegenstellt, was ich für eine noch schlechtere Idee halte. Aber natürlich hat sie einen Plan. Sie will Rullon ablenken, damit ich Nick aus dem Käfig befreien kann. »Er ist der Einzige, der Rullon besiegen kann«, sagt sie.

Ich bin mir nicht sicher ob der Plan wirklich durchdacht ist, aber aus Mangel an Alternativen gehe ich darauf ein.

Falls wir diese Sache überleben sollten, sollte Fey dringend mal mit dem Minotaurus über die Qualität seiner Arbeit sprechen. Der Käfig ist so schief und verzogen, dass es nicht mal ein Vorhängeschloss bräuchte, um die Tür für immer geschlossen zu halten. Ich rüttele an dem Käfig herum, während Fey einige Meter entfernt mit Rullon diskutiert. Der Mantikor ist natürlich nicht so dumm, dass er auf unseren ausgeklügelten Plan hereinfällt. Vermutlich hat mein auffälliges Käfiggerüttel zusätzlich dazu beigetragen, dass Feys Ablenkung gescheitert ist. Rullon dreht sich zu mir um. Seine Augen glühen von der Kraft des Feuers. Seine Flügel schlagen wild durch die Kraft des Windes. Die scharfen Krallen an seinen Pfoten demonstrieren die Kraft der Erde, indem sie sich in selbige graben.

»Ihr könntet euch wenigstens etwas anstrengen«, sagt er. »Aber ich bin ein vernünftiger Mann. Man kann mit mir reden. Wenn ich mich erklären lasst, werdet ihr verstehen, dass ich nur gute Absichten habe.«

»Das siehst nur du alleine so«, sagt Fey und lenkt seine Aufmerksamkeit wieder auf sich.

»Meine liebe Fey, du hast selbst erlebt wie schwach die Wächter sein können. Wegen ihrer Schwäche gab es schon etliche Kriege. All das ließe sich verhindern, wenn ein Mann – ich – über alles wacht. Es würde Frieden bedeuten. Ich wäre das mächtigste Wesen der Welt und könnte für Ordnung sorgen.«

Ich rüttele weiter erfolglos an dem Käfig herum.

»Du bist größenwahnsinnig«, sagt Fey, um mir Zeit zu verschaffen.

»Es ist schade, dass du das so siehst. Aber gut. Du willst es ja so.«

Rullon schwingt herum und bevor ich reagieren kann, kommt sein gigantischer Skorpionstachel auf mich zu. Der Stachel zielt direkt auf meine Brust. Aus den Augenwinkeln sehe ich Fey auf mich zu stürmen. Sie stößt mich zur Seite und ich pralle gegen den Käfig. Durch die Erschütterung springt die Tür auf. Fey fällt auf mich rauf und ich schlage mit dem Hinterkopf auf dem Boden auf. Für einen kurzen Moment dreht sich alles. Als die Welt um mich herum wieder zur normalen Rotation zurückgekehrt ist, stürmt Nick aus seinem Käfig. Er stürzt sich auf Rullon und rollt mit ihm über den Boden. Rullon schnappt mit seinen Zahnreihen nach Nick, aber der kennt seinen Bruder zu gut. Er greift ihn am Kinn und hält seinen Mund so auf Distanz. Rullons Mähne schlingt sich um den Hals von Nick. Als Wasserwächter hat Nick offenbar wenig Probleme damit, die Luft anzuhalten. Und genau das gehört offenbar zu seinem Plan. Er rollt mit Rullon zur Hafenkante. Rullon merkt, was sein Bruder vorhat und versucht seinen Skorpionstachel in den Boden zu rammen. Aber Nick ist schneller. Er spuckt Rullon einen Schwall Wasser in die Augen. Rullon schreit auf. Die Kraft des Wassers brennt in seinen feurigen Augen. Nick packt Rullon so fest er kann und zieht ihn über die Hafenkante ins Wasser. Eine Fontäne schießt in den Himmel und wie ein Wasserfall ergießt sich das dreckige Hafenwasser über uns.

Fey liegt in meinen Armen. Ich weiß, dass ich sie nicht retten kann. Das Gift des Skorpions verbreitet sich in ihrem Körper. »Ich wünschte, ich wäre an deiner Stelle«, sage ich leise.

Fey lächelt mich an. »Diesen Wunsch kann ich dir leider nicht erfüllen.« Sie schließt die Augen und ihr Kopf sinkt zurück auf den harten Betonboden. Nick steht an der Hafenkante und schaut zu, wie ich Fey aufhebe und davon trage. Er hebt die Hand zum Abschied und springt ins Wasser.

Meine Wohnung sieht immer noch aus wie nach einem Bombenanschlag. Mit meinen verdreckten Klamotten passe ich gut ins Bild. Fey im matschigen Boden zu vergraben hat seine Spuren hinterlassen. Ich habe keine Lust aufzuräumen. Keine Lust meine Klamotten zu waschen. Ich lasse mich auf das Sofa sinken. Vor mir steht mein Laptop. Ich wische den Müll vom Tisch und klappe den Laptop auf. Die Datei mit einem ersten Blogpost ist immer noch leer. Ich lasse die Geschehnisse der letzten Zeit nochmal durch meinen Kopf wandern. Ich lege die Finger auf die Tastatur und schreibe:

Hätten Walter, der Typ den man immer in diesen Kinderbüchern suchen musste und die böse Hexe aus dem Westen ein Kind gezeugt, wäre wohl so etwas wie Nick dabei herausgekommen.

Auf der Suche nach dem ersten Blogpost #11

Zu Teil 10

Ich schaue Fey an. Sie scheint sich so unsicher wie ich zu sein, ob wir wirklich hier im Zirkuszelt stehen sollten, während ein Dompteur eine Horde Tiger durch brennende Reifen springen lässt.

Der Zirkusdirektor und die Rauhaut an seiner Seite kommen mit einigen Büchern angelatscht.

»Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt«, erkennt der Direktor richtig und ist dabei, diesen Umstand zu ändern. »Mein Name ist Rullon. Ich leite diese Manege.«

Er verzichtet darauf, uns einen Händedruck anzubieten, was ihn für mich zumindest ein kleines Stück sympathischer macht. Dieses ständige Fettfingergewurschtel, wenn man jemanden kennen lernt, ging mir schon immer gegen den Strich. Wer weiß, wie oft sich die neue Bekanntschaft gerade am Arsch rumgefummelt hat, kurz bevor er mir seine versiffte Hand hin hält.

»Ich habe erfahren, dass du, liebe Fey, im Entführungsfall recherchierst und ich denke, dass ich äußerst behilflich sein kann.«

»Warum sollte ich dir trauen, Mantikor?« Fey scheint ihn zu kennen. Und nicht zu mögen.

»Liebe Fey, wir sind sicher nicht immer einer Meinung, aber in diesem Fall können wir uns gegenseitig behilflich sein. Betrachte es als eine geschäftliche Vereinbarung.«

»Du weißt genau, dass ich keine Geschäfte mit Leuten wie dir mache. Auch eine Fee hat ihren Stolz.«

»Fey. Es ist ganz einfach.« Rullon schnippt mit den Fingern und der Handlanger haut mir mal wieder eine rein, wobei mir seine Schmiergelpapierhaut die Bartstoppeln von der Wange schleift. »Entweder du hilfst mir, oder dein Freund hier stirbt. Und das ist sicher nicht in deinem Interesse.«

»Das kannst du nicht machen.« Fey ist zum ersten Mal, seit ich sie kenne, nicht die Ruhe in Person. Beunruhigend. »Ich brauche ihn. Wir brauchen ihn.«

»Ich gebe nichts auf die Menschen und das Schicksal und den ganzen Quatsch. Das weißt du genau.«

Ich spucke etwas Blut in den Sand. »Ich übrigens auch nicht«, sage ich und kriege dafür direkt noch eine geschallert. Immerhin auf der anderen Seite des Gesichts, wodurch mein Bartwuchs wieder ausgeglichen sein dürfte. »Vielleicht können wir uns einig werden«, sage ich und versuche mir die Schmerzen in der Visage nicht anmerken zu lassen.

»Vernünftige Entscheidung, mein Freund«, sagt der Direktor und holt ein Buch hervor. Er setzt sich auf einen Hocker, auf dem vor wenigen Minuten noch ein Tiger gesessen hat. »Wie ihr euch sicher schon gedacht habt, geht es um Nick. Nun, ich möchte euch etwas über ihn erzählen.«

Wir setzen uns hin. Nicht weil wir nicht mehr stehen können, sondern weil der Direktor mit einer Handbewegung klar macht, dass stehen bleiben keine Option ist. Seine dicken Finger greifen in die Brusttasche seines hässlichen Jacketts, aus dem er zu platzen droht. Er holt eine Brille hervor deren Bügel sich auseinander dehnen, als er sie über seinen kantigen Schädel schiebt.

»Dieses Buch wurde mir und meinem Bruder geschenkt, als wir Kinder waren.« Er klopft mit der Hand auf den Buchdeckel. »Und die Geschichte darin sorgte immer für, sagen wir, Auseinandersetzungen zwischen ihm und mir.

Wir gehören zu den Wächtern. Ich habe mich schnell damit abgefunden, dass es meine Bestimmung ist, dafür zu sorgen, dass die Welt im Gleichgewicht bleibt. Dass alles seinen geregelten Gang geht. Die Welt und ihre Bewohner zu beschützen ist meine Aufgabe. Und ich nehme diese Aufgabe ernst.« Er schaut Fey an. »Du weißt, dass ich keine Zurückhaltung kenne, wenn es darum geht, meine Aufgabe zu erfüllen.«

»Du wolltest hunderte Unschuldiger töten.«

»Das war notwendig. Sie stellten eine Gefahr dar.«

»Du weißt genau so gut wie ich, dass das nicht wahr ist. Die meisten haben überlebt und die Welt existiert weiterhin.«

»Dann wurden wohl genau die richtigen ins Jenseits befördert.«

»Dir ist wirklich alles recht, um deine Ziele umzusetzen, nicht wahr?«

»Meine liebe Fey, es geht hier nicht um mich. Oder dich. Oder ihn.« Er hebt nicht mal einen Finger, um auf mich zu zeigen. Vermutlich hat er mich schon abgeschrieben. Er könnte recht haben. »Es geht um das Wohle aller. Und dafür ist mir jedes Mittel recht.« Er sieht Fey an, als wollte er ihr den Kopf abbeißen. »Und dir sollte das egal sein. Du weißt, was beim letzten Mal passiert ist, als mir jemand in die Quere kam.«

»Ich werde das Gefühl nicht los, dass ihr euch schon länger kennt«, sage ich und kriege als Antwort eine Reibeisenfaust an den Kopf.

»Aber heute, liebe Fey, können wir uns gegenseitig helfen.«

»Warum sollte ich dir helfen?«

»Weil wir den gleichen Feind haben.«

»Wen?«

»Meinen Bruder. Nick.«

»Nick ist dein Bruder? Ihr seht euch überhaupt nicht ähnlich.« Die Faust schmiergelt mir die Barthaare über die Wange. »Lass mich raten: Du bist adoptiert.«

Rullon hebt die Hand und verhindert so, dass mein Gesicht weiter geschmiergelt wird. »Diese ganze Sache ist viel komplexer, als du dir vorstellen kannst. Die liebe Fey hier hat dir sicher nicht alles erzählt.« Er schaut Fey an. »Ahnte ich doch. Siehst du, es gibt Regeln denen wir alle unterliegen. Für jeden gelten besondere Gesetzmäßigkeiten, an die er sich zu halten hat. Die liebe Fey beispielsweise darf dir nicht alles verraten, was du wissen musst, wenn du es nicht ausdrücklich wünschst. Sie ist eine Fee und kann dir somit zwar jeden Wunsch erfüllen, aber du musst wissen, was du wissen willst. Eine verzwickte Situation, wenn du mich fragst. Ich andererseits könnte dir alles erzählen. Aber ich habe kein Interesse daran, hier den Märchenonkel zu spielen, deshalb beschränke ich mich auf das für mich relevante.

Was ich nicht kann, ist meinen Bruder aufzuspüren und unschädlich zu machen.« Er sucht nach einer bestimmten Seite in dem Buch und hält uns ein Bild vor die Nasen. »Auf diesem Bild seht ihr die Wächter der alten Zeit. Unsere Vorfahren, wenn man es so nennen will. Zu jeder Zeit muss es genügend Wächter geben. Wenn ein Wächter abtritt, muss er durch einen neuen Wächter ersetzt werden. Diese Wächter werden schon in der Kindheit vom Schicksal bestimmt. Ich bin ein Wächter. Mein Bruder ist ein Wächter. Der Drache mit der schuppigen Haut, der dir so gerne ins Gesicht schlägt, wenn du mal wieder etwas dummes gesagt hast, ist ebenfalls ein Wächter. Und auch die liebe Fey hier ist eine Wächterin. Wir alle haben eine Aufgabe. Wir alle wachen über etwas. Die Fee wacht über die Wahrheit. Der Drache wacht über das Feuer. Der Nix wacht über das Wasser. Und so weiter.« Er legt das Buch auf seine Handfläche und balanciert es in der Luft. »Es existiert eine Art Gleichgewicht in der Welt. Wir sorgen dafür, dass dieses Gleichgewicht bestehen bleibt. Wird das Gleichgewicht zu sehr gestört …« Er lässt das Buch fallen. »… wäre das nicht gut. Nick ist dabei, dieses Gleichgewicht zu stören. Er ist von seinem Pfad abgekommen. Und deshalb müsst ihr ihn unschädlich machen.«

»Hör mal, ich bin kein Mörder. Auch wenn ich Nick schon einmal erschlagen habe. Ihr sucht euch also besser jemand anderen.«

»Oh, ihr müsst ihn nicht töten. Ihr sollt ihn nicht töten. Ihr müsst ihn nur aus dem Verkehr ziehen. Leider gibt es niemand anderen. Nick hat sich dir anvertraut. Du bist der Einzige, der ihn aufspüren kann.«

»Und warum sollten wir das tun?« Fey ist noch weniger überzeugt von der Idee als ich.

»Weil er der Mörder ist, den ihr schon die ganze Zeit sucht.«

FORTSETZUNG FOLGT IN TEIL 12

5 Gedanken zu detaillierten Beschreibungen

Im Rahmen der Montagsfrage habe ich neulich darüber geredet, dass mich detaillierte Beschreibungen ziemlich langweilen.

Das ist ein Thema auf das man wohl ruhig mal etwas näher eingehen kann, denke ich. Denn gerade ich als Fantasyautor und -leser sollte doch genau diese detaillierten Beschreibungen lieben. Schließlich wird gerade in der Fantasy gerne mal seitenlang über Umgebungen und Kleidung schwadroniert. Aber ich sage es, wie es ist: Ich hasse nichts in einem Buch so sehr, wie ewige Beschreibungen. Sei es nun von Umgebungen, Charakteren, oder deren Handlungen. Es ist der Hauptgrund für mich, ein Buch wegzulegen und nie wieder anzurühren. Dabei bin ich jemand, der zumindest versucht sich auch durch die langweiligsten Geschichten zu kämpfen. Aber wenn innerhalb dieser Geschichten auch noch ewig und drei Tage die Hose des Charakters beschrieben wird, bin ich raus aus der Nummer.

Es folgen also ein paar persönliche Gedanken zu Beschreibungen und wie weit man ins Detail gehen sollte:

1. Dein Name ist nicht Tolkien

Zumindest gehe ich da mal stark von aus. Selbst wenn dein Name Tolkien ist, ist es eher unwahrscheinlich, dass du genau so eine Veranlagung dazu hast, eine Welt zu erschaffen, die so detailliert ist, dass du jeden Grashalm beschreiben könntest.
Seien wir mal ehrlich: Ohne die ausufernden Beschreibungen der Welt hätte die Herr der Ringe Trilogie auch locker in ein Buch gepasst. Aber Tolkien war nun mal Perfektionist was die Weltenerschaffung angeht. Er zeichnete Karten und erfand Sprachen und er kannte die komplette Geschichte seiner Welt und alle geografischen Begebenheiten. Es ist gut, dass er das alles kannte und wusste. Schließlich war es seine Welt. Er musste sie kennen. (Auch wenn das bedeutete, dass er keine Zeit mehr hatte Geschichten zu schreiben, die in dieser Welt spielen.) Aber genau da liegt dann auch das Problem. Man kann es mit der Ausarbeitung der Details auch übertreiben. Dann neigt man dazu, den Leuten auch zeigen zu wollen, wie toll man diese Welt ausgearbeitet hat. Muss ich als Leser wirklich wissen, wie weit die Strecke von Hobbingen nach Bruchtal ist? Oder wie die Blumenwiesen im Süden im Vergleich zu denen im Westen aussehen? Oder wie sich jeder Ork von dem nächsten unterscheidet? Ich denke nicht, denn:

2. Der Leser hat Fantasie

Als Autor neigt man dazu zu denken, dass die eigene Welt nur im eigenen Kopf existieren kann. Um diese Welt dann in den Kopf des Lesers zu kriegen, muss man sie so detailliert wie möglich beschreiben, richtig? Falsch! Der Leser ist nicht fantasielos. Er besitzt genau wie du eine Vorstellungskraft. Die Welt formt sich in seinem Kopf, genau wie in deiner. Nur sieht sie in jedem Kopf anders aus, Das ist doch das schöne am Lesen. Ich schaffe mir meine eigene Welt.
Wenn ich sage, ihr sollt euch einen Drachen vorstellen, ist er bei dem einen grün, beim nächsten rot. Wenn ich sage, ihr sollt euch einen grünen Drachen vorstellen, hat er bei dem einen Hörner, beim anderen nicht. Wenn ich sage ihr sollt euch einen grünen Drachen mit Hörnern vorstellen, hat er bei dem einen zwei Hörner, beim anderen vier. Wenn ich sage, ihr sollt euch einen grünen Drachen mit zwei Hörnern vorstellen … ich schätze, ihr habt verstanden. Der Punkt ist:

3. Es ist egal

ob der Drache grün ist und wie viele Hörner er hat. Diese Information bringt mich nicht weiter. Wenn es für die Geschichte nicht unerheblich ist, für den Leser zu wissen, dass der Drache grün ist, weil er sich beispielsweise später in einem Dschungel versteckt hält, um dort dem Helden aufzulauern, ist diese Tatsache vielleicht gar nicht so erwähnenswert, wie es den Anschein hat.
Versteht mich nicht falsch. Beschreibungen gehören dazu. Aber man sollte als Autor einfach abwägen, wie weit man geht. Nehmen wir mal ein Beispiel. Einen Drachen. Den hatten wir lange nicht …
Hier mal ein simpler Infodump (macht das bloß nicht nach): Sein Körper war grün und schuppig. Daran befanden sich zwei große Flügel. Auf seinem Kopf saßen zwei Hörner. An den Enden von Armen und Beinen hatte er riesige Krallen. Über den spitzen Zähnen in seinem Maul befanden sich zwei Nüstern, aus denen Rauch aufstieg. Darüber zwei gelbe Augen usw. Selbst bei einem so klischeehaften Bild von einem Drachen merkt man sich eigentlich nur ein oder zwei Details. Und das reicht auch, weil:

4. Es geht um Wiedererkennungswert

Bei dem Beispieldrachen handelt es sich natürlich um ein Wesen, von dem ohnehin jeder ein ziemlich klares Bild im Kopf hat. Deshalb sollte man sich bei der Beschreibung eher auf Details konzentrieren, die dem Leser klar machen, dass dies DER Drache ist. Nicht irgendein Drache. DER Drache existiert nur in dieser Geschichte.
Also geben wir ihm ein paar Wiedererkennungsmerkmale. Eins seiner Hörner könnte abgebrochen sein. Oder er könnte eine Narbe am Auge haben. Oder an einem seiner Hörner hängt noch ein Bein von seinem letzten Opfer. Oder sein linker Flügel weist Verbrennungen auf, die vielleicht von Kämpfen mit anderen Drachen herrühren. All diese Sachen formen ein einzigartiges Bild dieses bestimmten Drachen in den Köpfen der Leser. Und wenn man später das abgebrochene Horn erwähnt, weiß der Leser direkt, dass DER Drache gemeint ist. Stellt es euch einfach vor, wie eine:

5.Täterbeschreibung

Wenn ihr Zeuge eines Mordes seid und der Täter entkommt, fragt euch die Polizei höchstwahrscheinlich, wie der Täter denn ausgesehen hat. Sagt ihr: „Er hatte eine Nase im Gesicht“ wird der Täter wohl ungeschoren davon kommen, denn an der Nase des Mannes erkennt man angeblich seinen Johannes, aber nicht, ob er gerade seine Frau niedergemetzelt hat. Was springt einem in den Kopf, wenn man an den Mörder denkt? Was war so besonderes an der Nase, dass ihr ausgerechnet die erwähnt habt? Hat er eine Hakennase? Sind seine Nasenhaare so lang, dass er sie unterm Kinn zusammengeknotet hat? Solche Dinge brennen sich ins Gehirn, wenn man sie sieht. Ob der Mörder braune Augen hatte, vergisst man schnell wieder, wenn er nicht zufällig den Mord mit seinem Todesblick begangen hat, den er bei einem alten Kung Fu Meister gelernt hat.

Wie seht ihr das? Mögt ihr ausschweifende Beschreibungen? Oder doch lieber ein paar Details, die man sich merken kann?