„Mach was!“ – Mit Geistern

Als ich gestern auf der Arbeit saß und wie immer versuchte, mich auf Dinge zu konzentrieren, die absolut nichts mit meiner stupiden, nervtötend langweiligen Kackarbeit zu tun haben, kam mir plötzlich ein Gedanke. „Ich muss dringend hier raus“, dachte ich. „Ich brauche einen neuen Job. Einen der mich nicht täglich einem Amoklauf näher bringt.“ Aber das nur so nebenbei. Denn mir kam noch ein weiterer Gedanke. Nämlich eine Idee zu einer Geschichte für Herbas und Poes „Mach was! – Mit Geistern“. Also habe ich mich gestern nach Feierabend hingesetzt, gekotzt bei dem Gedanken, dass ich am nächsten Tag wieder in den Kackladen muss, und dann angefangen zu schreiben. Das Ergebnis ist sicher nicht perfekt, aber mehr war in der kurzen Zeit dann halt nicht mehr drin.

Eine Schneefestgeschichte

Der erste Schnee rieselte auf Lebingen hinunter und blieb auf den Dächern der Altbauten liegen, die aneinandergereiht im heruntergekommenen Stadtteil Winding standen. Hier lebten die Armen und Kranken und Hungrigen, die sich keine Medizin oder Nahrung leisten konnten. Für sie alle leitete der Schnee eine lange Zeit der Kälte ein, der sie sich nur mit Hilfe von löchrigen Decken und nassem Feuerholz entziehen konnten.

Eberhard Skruhtsch hingegen schaute mit Freude zu, wie sich der Schnee auf seiner Fensterbank anhäufte. Für ihn bedeutete der Winter eine hervorragende Einnahmequelle. Eberhard lebte in Winding weil die Mieten so günstig waren und er hier ungestört an neuen Ideen feilen konnte, mit deren Hilfe es ihm möglich war sein Vermögen zu vermehren. Seine größte Schöpfung war das Schneefest, das er im letzten Jahr ausgerufen hatte. Die Bewohner von Lebingen, ob arm oder reich, waren immer auf der Suche nach einer guten Gelegenheit ihr Geld zu verprassen und sich im besten Fall dabei zu besaufen. Glühweinstände und Lebkuchengeschäfte boten im Winter die perfekte Gelegenheit dazu. Das erste Schneefest war ein Riesenerfolg gewesen. Eberhard rieb sich die Hände und dachte an den Profit, den er in diesem Jahr machen würde. Er schaute hinunter auf die Straße. An einer brennenden Mülltonne stand eine Gruppe von Obdachlosen in alte Lumpen gekleidet und versuchte, das Feuer in Gang zu halten, indem sie teile ihrer Kleidung hineinwarfen. Was für ein kläglicher Anblick. Eberhard wandte sich ab und setzte sich an den warmen Kamin, in dem ein prächtiges Feuer brannte. Er warf noch einen Holzscheit nach. Der Geruch von Mahagoni erfüllte den Raum. Eberhard heizte nur mit dem feinsten Holz, das man für Geld kaufen konnte. Er überlegte, ob er noch etwas Bambus nachwerfen sollte, aber entschied, damit noch etwas zu warten. Er starrte in die Flammen, dachte über das viele Geld nach, das ihm das Schneefest bescheren würde und döste in seinem Sessel ein.

Ein knackendes Geräusch weckte Eberhard aus seinen Träumen von Ruhm, Reichtum und Macht – also allem, was er bereits hatte. Vor dem Kamin stand eine Gestalt und stocherte mit einem Schürhaken in der Glut herum. Das Holz knackte, wenn die Flammen wieder Besitz von ihm ergriffen.

»Was machst du in meiner Wohnung?«, fragte Eberhard wütend.

Die Gestalt drehte sich um. Es war ein Junge, der, in ein weißes Bettlaken gewickelt, vor ihm stand und grinste. »O, du bist wach. Wurde auch Zeit.«

»Was machst du mit meinem Schürhaken?«

»Dein Feuer drohte auszugehen.«

»Was machst du mit meinem Feuer?« Eberhard stand auf. »Hau ab, Junge, bevor ich dir ein paar scheuer und dich in die Flammen stoße.«

»Mann, du bist echt ein Arschloch. Jakob Harley hat nicht untertrieben.«

»Jakob? Woher kennst du ›Kob‹?«

»›Kob‹? Er hat mir gar nicht gesagt, dass er so einen lustigen Spitznamen hat.«

»Er ist seit Jahren tot.« Eberhard musterte den Jungen. »Du warst zu dem Zeitpunkt nicht mal geboren.«

»Du weißt gar nichts, alter Sack. Also hör zu. Ich bin der Geist des vergangenen Schneefestes.«

Eberhard dachte kurz über das Gehörte nach und reagierte, wie jeder normale Mensch reagieren würde. »Hä?«

»Ich bin der Geist …«

»Ja, ja, ich habe dich beim ersten Mal verstanden, du freches Gör’. Aber ich verstehe nicht. Es gibt erst ein vergangenes Schneefest. Und Geister gibt es überhaupt nicht.«

»Gibt es wohl.«

»Gibt es nicht.«

»Gibt es wohl.«

»Gibt es nicht.«

»Wohl.«

»Nein.«

»Doch.«

»Nein … ach, lass den Quatsch.«

»Also gut. Ja, es gab erst ein Schneefest. Und ich war da. Mann, was für eine grandiose Veranstaltung. Mama hat mir Lebkuchen gekauft. Und Zuckerwatte. Und Papa hat sich mit Glühwein abgschossen und sich vollgekotzt. War ein lustiger Abend. Bis …«

»Bis was?« Auf Eberhards Gesicht hatte sich ein zufriedenes Grinsen bei den Ausführungen des Jungen gebildet, das jetzt verschwand und zu seiner ausdrucklosen Form zurückkehrte, die er immer an den Tag legte.

»Bis ich von den ganzen Irren bei der Glühwein-Happy-Hour totgetrampelt wurde. Und das ist allein deine Schuld, du Penner.«

»Wieso meine Schuld?«

»Weil du in deiner Geldgier nur noch mehr Glühwein verkaufen wolltest. Ich kenne den Trick. Habe ich bei meinem Limonadenstand auch immer gemacht. Wenn das Geschäft nur noch schleppend läuft, macht man die Kunden eben noch mal mit einem Rabatt heiß, damit sie danach doch wieder zum normalen Preis weiterkaufen.«

»Toller Trick, nicht wahr. Funktioniert immer.«

»Wenn man deshalb verreckt, ist es nicht mehr so toll.«

»Das ist nicht mein Problem, Junge. Deine Eltern hätten auf dich aufpassen sollen, statt sich sinnlos zu besaufen. Dann wärst du jetzt noch am Leben. Also such die heim und spuk da rum. Ich will noch etwas schlafen, bevor ich mich morgen um das Schneefest kümmern muss.«

Eberhard setzte sich wieder in seinen Sessel und schloss die Augen.

Eine schallende Ohrfeige weckte Eberhard unsanft aus seinen Träumen von Whirlpools voller nackter Thailänderinnen. Eine angezogene Frau schaute ihn mit ihren grünen Augen böse an.

»Wach auf, du Fettsack.«

»Hm? Was?« Fragte Eberhard schlaftrunken und mit den Gedanken noch im Whirlpool.

»Du warst ganz schön böse zum Geist des vergangenen Schneefestes.«

»Er wird es überleben.«

»Er ist bereits tot.«

»Ach ja. Na ja, was will man machen.«

Die Blondine seufzte. »Ich bin der Geist des diesjährigen Schneefestes.«

»Und was willst du? Wurdest du auch von ›Kob‹ geschickt?«

»›Kob‹? Er hat mir gar nicht gesagt, dass er so einen sexy Spitznamen hat.«

»Ja, ja, können wir dann zu dem Punkt kommen, wo du mir anbietest, dich für Geld frei zu machen?«

Die Ohrfeige schallerte heftiger als die Vorherige. Eberhard schüttelte den Kopf und hielt sich die Wange. »Ich bleibe wohl doch bei meinem Thailandurlaub.«

»Weißt du was?«

»Was?«

»Eigentlich sollen wir dir helfen. Jakob Harley meinte, du könntest gerettet werden. Wir könnten dich ändern. Aus dem Arschloch, dass du jetzt bist, einen netten Mann machen, der nicht in der Hölle in Ketten liegen und Scheiße schaufeln muss, bis in alle Ewigkeit. Aber du hast jede Scheiße verdient. Ich bin weg.«

Die Frau zog ihr Shirt hoch und zeigte Eberhard ihre prallen Brüste, die er nie kriegen würde. Dann verschwanden sie und ihre Brüste vor Eberhards Augen. Er guckte verwirrt auf den Kaminsims vor sich und das Foto von sich selbst und Jakob in jungen Jahren. »Wenn er mir helfen will, soll er halt selbst kommen und keine Pissblagen und Nutten schicken.« Er setzte sich wieder hin und döste ein.

Ein »Wach auf, du Arschloch« weckte Eberhard aus seinen Träumen von Badewannen voller Geld und Thailänderinnen in Bikinis aus Geldscheinen, die ihm mit Palmwedeln aus Aktien Luft zuwedeln. Vor ihm stand ein Mann in Ketten, in zerrissener Kleidung.

»›Kob‹? Bist du das?«

»Ja, bin ich«, sagte Jakob. »Musstest du den anderen Geistern wirklich von meinem Spitznamen erzählen? Alle machen sich über mich lustig.«

»Das solltest du doch gewohnt sein. Haben wir schließlich auch immer getan.« Eberhard konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, bei dem Gedanken an die bösen Sprüche, die ›Kob‹ sich immer hatte anhören müssen.

»Hör auf zu lachen, Eberhard. Ich bin in ernster Mission hier. Ich bin der Geist des zukünftigen Schneefestes.«

Eberhard verdrehte die Augen. »Sind wir dann bald fertig hier? Ich muss schlafen. Morgen ist ein großer Tag.«

»Lass mich dir nur zeigen, was aus deinem Schneefest wird. Dann kannst du tun, was immer du willst.«

»Also gut.«

Der Geist von Jakob schnippte mit den Fingern und sie standen in einem Einkaufszentrum. Eberhard schaute sich um. »Imposanter Laden«, sagte er. Sein Blick blieb an einem Banner kleben, das in großen Buchstaben ein »Frohes KonsumUmnachten« wünschte. »Was ist ›KonsumUmnachten‹?«

»Das ist das, was aus deinem Schneefest wird. Mit den Jahren wird es immer größer werden. In aller Welt wird man es feiern. Es gibt Schokoladenfiguren und die Leute schenken sich unützen Krempel und alle werden arm und feiern gemeinsam, obwohl sie sich hassen und kein Geld haben und die Selbstmordraten steigen, weil die Einsamen und Armen und Hungernden an diesem Tag besonders verzweifelt sind.«

»Also wird mein kleines Fest der absolute Hit und ich werde stinkreich und berühmt und kann so viele Thailänderinnen haben wie ich will?«

»Hast du mir nicht zugehört? Selbstmörder und so weiter.«

»Was interessieren die mich? Ich bin reich ohne Ende und kann tun und lassen was ich will.«

»Du bist einfach unverbesserlich, Eberhard.« Jakob schnippte mit den Fingern.

Eberhard wachte in seinem Sessel auf. Hatte er alles nur geträumt? Würde es gar kein KonsumUmnachten geben? Würde es nie Schokoladenfiguren mit seinem Gesicht geben? Das konnte er nicht zulassen. Von nun an würde er alles daran setzen, das Schneefest zum größten Fest aller Zeiten und zum weltweiten Phänomen zu machen. Er grinste zufrieden. Er hörte Gelächter von draußen. Er ging ans Fenster. Es waren die Obdachlosen. Trotz ihrer Armut schienen sie Freude zu empfinden. Heute, beim ersten Schnee, der das Schneefest einleitete. Waren sie bereits in der Stimmung, gemeinsam zu feiern, wie es später die ganze Welt tun würde. Eberhard öffnete das Fenster.

»He, ihr«, rief er zu den Obdachlosen hinunter. »Haltet die Fresse. Ich werde stinkreich sein und will schlafen.« Er warf einen Blumentopf nach den Obdachlosen. Zufrieden schloss er das Fenster und ging zu Bett um von seiner Zukunft voller Thailänderinnen in seinem Schloss aus Gold zu träumen. Mit dem Gedanken an eine rosige Zukunft schlief er ein.

„Mach was!“ – Mit Halloween

Normalerweise poste ich hier ja immer Freitags meinen neuen Quark. Aber dieses Mal muss ich eine Ausnahme machen. Erstens, weil es ohnehin keine Sau interessiert, wann ich meinen Quatsch online stelle. Und zweitens, weil das Thema von Pö und Herbas „Mach was“ dieses Mal HALLOWEEN lautet. Und da macht es ja wohl nur Sinn, meine Halloween Geschichte auch an Halloween zu posten. So, ich denke, ich habe das Keyword Halloween jetzt oft genug untergebracht, um allen zu beweisen, dass ich voll den Plan von SEO habe. Hier also meine Halloween Geschichte.

Lilith saß gelangweilt an der Theke des Kostümverleihs und blätterte in einer Zeitschrift, für die sie eigentlich viel zu alt war. Vielleicht war das der Grund, dass sie als Geschäftsbesitzerin gescheitert war. Sie hätte lieber in Tageszeitungen blättern sollen. Relevante Informationen über die Welt, Finanzen und die Region hätten ihr wahrscheinlich im Leben weitergeholfen, als die Erkenntnis, dass ihre Hassmusiker mal wieder miteinander in der Kiste waren. Sie las ihr Horoskop. Natürlich prophezeite es spannende Erlebnisse und eine große Veränderung. Jede Woche die gleichen Bausteine, die nur unter den Sternzeichen ausgetauscht wurden, damit jeder mal angeblich seine große Liebe fand. Sie schob die Zeitschrift zur Seite und schaute auf die Uhr. Nur noch eine Stunde, bevor sie den Laden schließen musste. Zum letzten Mal. Die Halloweenpartys starteten bald und sie hatte nicht ein einziges Kostüm verliehen. Ihr blieb keine Wahl als den Laden zu schließen und sich nach einem Job umzusehen. Einer Arbeit, bei der sie nicht ihr eigener Chef war. Wo sie für irgendeinen reichen Arsch auf Kommando springen musste. Sie würde jede einzelne Sekunde davon hassen, das war klar. Sie hatte überlegt, ob sie den Laden einfach abfackeln sollte, um die Versicherung zu bescheißen. Aber sie war sich ziemlich sicher, dass das nur im Film wirklich funktionierte ohne aufzufliegen.

Eine Frau schrie. Lilith sah auf. Der Schrei war schon lange nicht mehr durch den Laden geschallt. Sie hatte die Türklingel durch den Schrei ersetzt, da schreiende Frauen ein weniger nervender Ton war.

Eine Mumie stürmte in den Laden. Ihr folgte ein Werwolf mit einem Beutel in der Hand. Lilith wartete auf Frankenstein, um das Monsterklassentreffen zu vervollständigen. Die Mumie schlug die Tür zu und zog das Rollo daran herunter. Ein Verbandsfetzen der Mumie verfing sich im Rollo. Sie wedelte wild mit dem Arm, um ihn von dem Rollo zu lösen. Der Werwolf versuchte ihr zu helfen. Lilith schaute einen Moment zu, wie sich die beiden Gestalten gegenseitig am Arm zogen und beleidigten.

Lilith verlor die Geduld und hielt den Zeitpunkt für gekommen auf sich aufmerksam zu machen. »Ihr seid im falschen Laden. Ihr habt doch bereits Kostüme.«

Die Gestalten erstarrten. Als hätten die Monster noch nie zuvor eine menschliche Stimme gehört. Mumie und Werwolf drehten sich um. »Wrmpflmpf«, sagte der Werwolf. Er öffnete sein Maul mit seinen Händen und versuchte erneut, sich verständlich zu machen: »Wer bist du?«

Lilith pustete sich eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht. »Mir gehört dieser Laden. Ich könnte der Mumie helfen, ihren Arm zu ersetzen.«

Die Mumie hörte damit auf, ihren verhedderten Verband vom Rollo zu lösen und um ihren Arm zu wickeln. Sie seufzte. Sie riss den Verband ab und zog mit ihrem freigelegten Arm ein Messer hervor. Lilith verschwendete keinen Gedanken daran, wo die Mumie das Messer wohl versteckt gehalten hatte. Sie wusste wo ihres sich befand. Das war wichtiger.

Die Mumie kam zu ihrem Tresen rüber geschwankt als wäre sie direkt aus einem Horrorfilm der 1950er Jahre entsprungen. Lilith griff unter den Tresen und präsentierte ihr Messer, das das der Mumie in Länge, Breite und Schärfe überragte. Die Mumie blieb stehen. Der Werwolf ging an der Mumie vorbei und stellte sich vor den Tresen. »Ganz ruhig«, sagte er. »Wir sind nicht für einen Messerkampf hier.«

»Warum seid ihr hier?«

Draußen ertönten Polizeisirenen. Sie wurden lauter. Die Mumie steckte das Messer weg und lief zurück zur Tür um sie mit einem Kleiderständer zu versperren.

»Wir wollen uns nur für einen Moment hier verstecken«, erklärte der Werwolf. Die Sirenen verstummten. Er ging zur Tür und schob das Rollo ein Stück zur Seite. Nach einem kurzen Blick auf die Straße vor dem Kostümverleih kam er zurück an den Tresen. »Könnte etwas länger dauern«, sagte er. Er legte den Beutel auf den Tresen. »Lass die Finger von meinem Beutel«, warnte er Lilith mit einem haarigen Finger.

Der Werwolf und die Mumie standen an der Tür und flüsterten miteinander. Lilith saß weiterhin auf ihrem Hocker und betrachtete die beiden Gestalten und den Beutel vor ihr.

Von draußen erklang die Stimme eines alten Mannes, die durch ein Megaphon verstärkt wurde. Sie erklärte, dass die Monster mit erhobenen Händen rauskommen sollten, damit niemandem etwas passiert.

»Pah«, kommentierte der Werwolf die Lage, »der glaubt doch wohl nicht ernsthaft, dass wir auf den Trick reinfallen. Die knallen uns ab, sobald wir da rausgehen.«

»Wenn sie keine Silberkugeln haben, hast du nichts zu befürchten«, sagte Lilith.

»Lustig«, kommentierte der Werwolf. »Vielleicht sollten wir dich rausschicken und schauen, was passiert.«

»Könnt ihr tun, aber vielleicht bin ich für euch hier drin hilfreicher.«

»Du meinst als Geisel?«

»Nein, als die hilflose Jungfrau, die von Monstern belästigt wird und von dem Helden gerettet werden muss.«

»Hast du den Polizisten da draußen gesehen? Der sieht nicht aus wie ein Held. Eher, als hätte er gerade widerwillig seinen Donut weggelegt.« Der Werwolf stellte sich an den Tresen. »Und wie eine hilflose Jungfrau siehst du nun wirklich nicht aus.«

»Nun, ich schätze, ich kann auf mich selbst aufpassen«, sagte Lilith und griff ihr Messer fester. »Keine Sorge, dir passiert nichts. Wir sind freundliche Monster.«

»Die Polizei scheint anderer Meinung zu sein.«

»Gegen Monster gibt es nun mal einige Vorurteile.«

Der Werwolf ging zurück zur Tür. Lilith konzentrierte sich weiter auf den Beutel. Der Inhalt eines Beutels konnte viel über eine Person aussagen. Lilith schaute zu den Monstern hinüber, die damit beschäftigt waren, sich mit der Situation vor dem Laden auseinanderzusetzen. Sie schaute in den Beutel.

Lilith schreckte hoch, als sich die Krallen einer Werwolfpfote neben dem Beutel in den Tresen bohrten. »Ich habe doch gesagt, du sollst nicht in den Beutel schauen.« Der Werwolf sah nicht erfreut aus. Zugegeben, der tote Blick der Werwolfmaske sah zu keiner Zeit erfreut aus. Aber Lilith spürte, dass sich die Gefühlslage des Mannes hinter der Maske gerade veränderte. Sicher nicht zu Lilith‘ Vorteil. Es schien Zeit zum Handeln zu sein.

Lilith riss das Messer hoch und rammte es in die Pfote des Werwolfs. »Bist du irre?«, sagte das Monster und schaute sich seine Pfote an. »Ich habe meine Hand da drin.« Er zog das Messer aus der Pfote. An der Spitze hing ein kleiner Tropfen Blut. »Zum Glück ist mir das Kostüm zu groß und meine Hand hat sehr viel Platz.«

»Wenn hier jemand irre ist, dann ihr!«, rief Lilith und lief in den Hinterraum des Ladens, wo sie sich im Kostümlager einschloss, um sich vor den Monstern in Sicherheit zu bringen.

Lilith presste sich an die Tür und atmete mehrmals tief ein. Ruhig bleiben war jetzt wichtig. In ihrem Laden waren zwei irre Mörder, die als Monster verkleidet Körperteile in einem Beutel sammeln. Lilith schaute sich um. Sie hatte den denkbar blödesten Raum gewählt, um sich vor den Monstern zu verstecken. Es gab keinen Ausgang. Keine Fenster. Nur Kostüme. Wäre sie doch ins Büro geflüchtet. Oder zumindest in den Pausenraum. Da stand zwar nur eine Kaffeemaschine, die seit Jahren braunes Wasser ausspuckte, selbst wenn man kein Kaffeepulver hineinfüllte. Aber immerhin hätte sie durch das kleine Fenster fliehen können.

Lilith überlegte, was sie stattdessen tun konnte. Der Werwolf redete hinter der Tür auf sie ein. Sie ignorierte seine Ausreden und Erklärungsversuche. In der Ecke stand ein Schrank mit mehren Schubladen und Türen. Lilith durchsuchte jede einzelne. Das einzige was sie fand war ein Buch. Sie schaute sich den Umschlag an, auf dem eigenartige Zeichen abgebildet waren. Lilith kannte diese Zeichen. Wenn sie keine billigen Zeitschriften vom Kiosk las, beschäftigte sie sich gerne mit dem Okkulten. Wenn man sie fragte, war es die perfekte Mischung aus nutzlosem Wissen und halbwahren Neuigkeiten. Beides half einem nur geringfügig weiter. Aber in diesem Fall könnte sich das nutzlose Wissen tatsächlich mal auszahlen. Sie schlug das Buch auf und fand schnell wonach sie suchte. Sie brauchte nur wenige Utensilien. Der Raum bot nicht viel, aber in der Not half Improvisation oft weiter, als man annehmen sollte. Fledermausflügel. Der Umhang eines Draculakostüms kam dem nah genug. Froschaugen. Die weißen Stoffbälle auf eine Froschmaske genäht sollten reichen. Stierhoden. Hatte das Kuhkostüm nicht ein dickes Euter? Lilith legte weitere »Zutaten« zurecht und las aus dem Buch vor.

Melvin nahm den Werwolfskopf ab und wischte sich mit einer Pfote den Schweiß aus dem Gesicht. Unter dem Kostüm war es unerträglich warm. Er hielt den Kopf unterm Arm und schaute auf die verschlossene Tür. »Ich glaube nicht, dass sie wieder rauskommt«, sagte er.

»Vergiss sie«, schlug Toni vor und wickelte an seinem Arm herum, damit sich nicht noch mehr seiner Bandagen lösten. »Überleg lieber, wie es jetzt weitergeht. Wir sind umzingelt.« Er schaute ununterbrochen durch den kleinen Spalt hinter dem Rollo auf die Straße.

»Ich schätze, es gibt einen Hinterausgang. Aber dazu müssen wir vermutlich durch diese Tür.«

Toni ließ das Rollo zurückschnappen und wandte erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit den Blick von der Straße ab. »Ich kriege die schon auf«, sagte er und ging so entschlossen es seine überall an seinen Giedern umher wedelnden Bandagen zuließen auf die Tür zu. Als er an dem Beutel auf dem Tresen vorbeiging bewegte dieser sich. Toni blieb stehen. »Hast du das gesehen?«

»Was?«

»Der Beutel hat sich bewegt.«

»Quatsch. Du bist nur nervös. Deine Nerven spielen dir einen Streich.«

»Ich bin nie nervös.«

»Und warum hast du dann den Penis fallen lassen?«

»Weil es ein Penis ist.«

»Weißt du eigentlich, wie viel Geld der uns eingebracht hätte?«

Toni antwortete nicht. Eine andere Stimme kam ihm zuvor.

»Wisst ihr Jungs, es ist schon eine selten dämliche Idee, eine Ausstellung voller Körperteile auszurauben«, sagte der Beutel, »aber wenn ihr schon meinen Kopf mitnehmen müsst, lasst mich wenigstens im Licht. Ich habe Angst im Dunkeln.«

Melvin und Toni sahen sich verwirrt an. Eine Hand krabbelte aus dem Beutel und griff nach dem Messer, das Lilith dort hatte liegen lassen. Sie schnitt den Beutel in Stücke und legte den darin befindlichen Kopf und frei. Der schaute die Diebe an. »Jetzt steckt ihr wirklich in Schwierigkeiten«, sagte er und lachte finster.

Ein Knurren kam von irgendwoher. Melvin sah sich nach der Quelle um. Er fand sie, als ihm der Werwolfkopf den Arm abbiss.

Melvin fiel zu Boden und schaute sich die Stelle genauer an, an der zuvor eine Gliedmaße mehr gewesen war. Er schaute Toni an, der in Schockstarre den Kopf auf dem Tresen anschaute. Und dann explodierte der Laden. Zumindest kam es Melvin so vor. Glassplitter, Holzsplitter, Metallsplitter, Stofffetzen und andere Kleinteile flogen umher, als die Tür zu Lilith‘ Versteck aus den Angeln flog und eine Rauchwolke hinter sich herzog, die den Laden in einen Nebel hüllte, der einen die Hand vor Augen nicht sehen ließ. Melvins Hand lag ohnehin zu weit entfernt, um damit etwas anstellen zu können, also wartete er darauf, dass sich der Nebel verzog.

Der schwarze Rauch verzog sich durch die aufgesprengte Tür. Die Kostüme um Lilith herum waren zum Leben erwacht. Geister schwebten umher. Vogelscheuchen stapften unbeholfen durch den Raum. Dracula suchte seinen Umhang. Lilith folgte einer Horde Zombies aus dem Raum und fand den Werwolf, der seinen Kopf und einen Arm verloren hatte.

»Wir sind nur gewöhnliche Diebe«, erklärte er und spuckte etwas Blut.

»Das konnte ich ja nicht wissen.« Lilith kniete sich neben ihn. »Was machen gewöhnliche Diebe mit einem Beutel voller Körperteile?«

Der Werwolf erklärte es ihr.

»Das tut mir leid. Aber vielleicht tröstet es dich, dass du mir sehr geholfen hast.«

»Ach ja? Wie?«

»Vorhin wusste ich nicht, was ich nach heute mit meinem Leben anfangen sollte.«

»Und jetzt weißt du es?«

»Natürlich. Ich habe ein Hexenbuch und eine Armee von Zombies und anderen Horrorgestalten. Ich werde zusehen, wie die Menschheit zerfleischt wird.« Lilith lachte irre. Es fiel ihr selbst auf. Sie stellte das Lachen ein und überlegte. Dann begann sie wieder zu lachen. Noch lauter und irrer als zuvor.

Der Werwolf knurrte ein letztes Mal. Lilith setzte ihm seinen Kopf auf und verließ den Laden. Sie betrachtete ihr Werk. Sie presste das Buch an ihre Brust und lachte irrer als je zuvor, während um sie herum die Apokalypse ausbrach.