Livingon – Day One 1

LIVINGON #1.1 – DAY ONE PART 1 – JAN 2020

Eine Menschenmenge hatte sich vor dem Rathaus von Livingon versammelt. Bürgermeister William Kind näherte sich dem Ende seiner Rede.

»Zum fünften Mal in Folge ist unsere Heimatstadt Livingon die Stadt mit der niedrigsten Kriminalitätsrate weltweit. Die Statistik wird von Jahr zu Jahr besser. Und wir werden hoffentlich auch in einem Jahr wieder hier stehen und diese Urkunde für die Stadtsicherheit an Polizeichef Carlton Blake überreichen. Denn Livingon steht wie keine andere Stadt für eine sichere Zukunft.«

Wie erwartet jubelten die Menschen. Bürgermeister Kind wusste, wie er die Leute auf seine Seite ziehen konnte. Bescheidenheit war der Schlüssel zum Erfolg. Seine unaufdringliche Wahlkampagne mit dem Slogan »Vote for Kind. Would you be so kind?« hatte voll eingeschlagen. Livingon war bevölkert von zurückhaltenden Menschen und Bürgermeister Kind hatte bescheidene Leute in die höchsten Ämter befördert.

Einer dieser bescheidenen Menschen schüttelte in diesem Moment die Hand des Bürgermeisters und nahm die Urkunde entgegen. Blitzlichter hielten diesen Moment für die Zeitungen fest. Es war ein Kampf um das beste Bild und er wurde mit allen Waffen geschlagen, die der Fotojournalismus hergab. Rempler, Gedrängel, Ellbogenstöße … die Fotografen nahmen ein paar blaue Flecken in Kauf, um den perfekten Schnappschuss mitzunehmen. Aufgrund seiner geringen Körpergröße trug Robert Bloom auch mal eine Platzwunde an der Stirn davon. Für ein gutes Bild mussten Opfer gebracht werden.

Polizeichef Carlton Blake bedankte sich beim Bürgermeister. Für die Fotografen hielt er die Urkunde hoch und lächelte durch seinen Drei-Tage-Bart.

»Dank der gutmütigen Menschen von Livingon, findet in dieser Stadt jeder ein sicheres Zuhause. Und dank der hervorragenden Statistik können wir in eine sichere Zukunft blicken.«

Schüsse in die Luft. Ein Mann mit einer zackigen Narbe unterm Auge zog die Aufmerksamkeit auf sich. »Statistiken sind faszinierend, nicht wahr?« Clarence Statterstot, kurz Stats genannt, stand in der Menschenmenge, die sich auf dem Boden zusammengerollt hatte. »Manche sind für die Ewigkeit. Andere lassen sich leicht beeinflussen. Zum positiven. Und zum negativen.« Er betrat das Podium und wedelte mit der Waffe in seiner Hand zum Polizeichef herüber. Blake wich zurück. Mehrere maskierte Männer mit Schrotflinten stellten sicher, dass Polizei und Staatsgewalt sich jede Bewegung gut überlegten. Stats sprach in das Mikrofon. »Sie können jetzt wieder aufstehen.« Die Menge traute sich zögerlich auf die zittrigen Beine. »Keine Angst. Ich werde Ihnen nichts tun. Es lauern größere Gefahren in der Stadt als ich. Sehen Sie, diese Stadt ist nicht so sicher, wie es den Anschein macht. Statistiken können täuschen. Nur eine kleine Änderung reicht aus, um Statistiken zu beeinflussen. Ein Beispiel: In einer Stadt mit einer niedrigen Kriminalitätsrate, können die Zahlen rapide steigen, wenn jemand einen Massenausbruch aus dem Gefängnis inszeniert.«

Sirenen. Aus allen Richtungen. An unterschiedlichen Orten der Stadt. Unzählige Verbrechen, die gleichzeitig begangen wurden.

Stats grinste und breitete die Arme aus. »Ich wünsche Ihnen einen sicheren Heimweg.«

Der Unterricht in der Polizeiakademie hatte sich als langweiliger herausgestellt, als es Frank Hennigan vermutet hätte. Er hatte sich darauf vorbereitet, Verfolgungsjagden zu üben und Motorhaubenrutschen zu trainieren. Stattdessen saß er an einem kleinen Holztisch und notierte sich langweilige Statistiken, die angeblich wichtig waren, um das Verbrechen in der Stadt so gering wie möglich zu halten. Frank hatte eine eigene Vorstellung davon, wie man das Verbrechen bekämpfen sollte und ein Kugelschreiber spielte dabei keine Rolle.

Neben ihm schrieb Alison Conary eifrig mit. Sie liebte die Theorie und war der festen Überzeugung, dass sich jedes Problem ohne Gewalt lösen ließ. Frank bewunderte diese Naivität und auf gewisse Art mochte er Alison für ihre positive Grundeinstellung. Vielleicht, weil sie das genaue Gegenteil zu seinem Pessimismus darstellte. Nichts konnte Alison die Laune verderben. Frank hingegen war von Natur aus negativ geladen und entlud seine Aggressionen regelmäßig am Sandsack oder auf dem Schießstand. Natürlich nicht dem der Polizeiakademie. Bisher hatten die angehenden Kadetten noch nicht mal eine Waffe zu Gesicht bekommen. Geschweige denn abgefeuert. Bis auf Frank hatte vermutlich niemand der Anwesenden jemals eine Pistole in der Hand gehalten. Es war ihm ein Rätsel, wie diese Truppe mit dieser Ausbildung die Sicherheit der Stadt gewährleisten sollte.

Feueralarm. Vermutlich nur ein Fehlalarm. Immerhin verkürzte er den Unterricht. Frank knüllte seine Notizen in die Hosentasche und verließ das Klassenzimmer.

Polizeichef Blake kommandierte seine Truppen. Er wusste, dass es ausweglos war. Ein Mann wie Statterstot ließ sich nicht verfolgen und verhaften. Trotzdem mussten sie es versuchen. Die Polizeiautos fuhren in alle Richtungen davon. Blake erwartete keine Ergebnisse.

»Jemand hat Commandant Whiskers Büro in Brand gesteckt?« Alison schaute zu den Fenstern hinüber, aus denen der letzte Rauch verkohlter Inneneinrichtung aus Mahagoni aufstieg.

»Während er drin war«, ergänzte Frank.

»Schrecklich.«

»Ja.« Frank legte ihr die Hand auf die Schulter. »Hast du Lust mit zum Schießstand zu gehen? Das bringt auf andere Gedanken.«

»Ich fasse keine Waffe an.«

»Musst du nicht. Du kannst zuschauen und dir Notizen machen. Vielleicht hilft es dir eines Tages, wenn du mit einer Waffe bedroht wirst.«

Wayne Hill war kein talentierter Verbrecher. Den Großteil seines Lebens hatte er im Knast verbracht. Die Freude über seine vorzeitige Entlassung, gemeinsam mit allen anderen Insassen, wurde durch die Erkenntnis getrübt, dass er keine Aussicht auf einen Job und ein ruhiges Leben hatte. Frisch bewaffnet betrat er eine Tankstelle, um sich Kleingeld und Zigaretten zu besorgen.

Ein ungewöhnlicher Lärm beherrschte die Stadt. Livingon war immer etwas lauter als die Gegend außerhalb der Stadt, wo sich die Akademie befand. Heute heulten Sirenen und dröhnten Hupen und quietschten Reifen. Ein schwerer Unfall? Frank und Alison hätten sich die Lage genauer angeschaut, aber …

Ein Schuss. Eine zersplitternde Glasscheibe. Ein Mann ergriff die Flucht.

»Ein flüchtiger Verbrecher!« Frank konnte sein Glück kaum fassen. »Komm, den schnappen wir uns.«

Aus einem Reflex heraus lief Alison hinter Frank her. »Wir sind keine Polizisten.«

»Noch nicht.«

Sie bogen in eine Gasse ab.

»Wir haben keine Befehlsgewalt.«

»Das weiß der Verbrecher nicht.«

Sie kletterten eine Feuerleiter hoch.

»Wir sind nicht für eine Verhaftung ausgebildet.«

»Wenn wir ihn geschnappt haben, improvisieren wir.«

»Bleibt zurück oder ich schieße.« Wayne stand auf dem Dach des Gebäudes gegenüber und zielte auf die Polizeikadetten.

Frank und Alison blieben stehen. Wayne schoss.

Die Kugeln rauschten meterweit an Frank und Alison vorbei. Wayne ging hinter einer Kiste in Deckung und lud nach. Er war nie ein talentierter Schütze gewesen. Er hoffte, dass die Verfolger das nicht bemerkten.

»Das ist so aufregend.« Frank kauerte hinter einem Betonblock neben Alison und knöpfte sein Hemd auf.

»Stimmt etwas mit deinem Hemd nicht?«

»Nein, alles wunderbar. Spannung und Action erfordern ein aufgeknöpftes Hemd. Das sieht cooler aus. So einen Moment habe ich mir immer gewünscht.«

»Du hast dir gewünscht, dass man auf dich schießt?«

»Nicht direkt. Aber ich wollte immer Verbrecher jagen und das Böse bekämpfen. Wie ein Superheld. Und dann würden mich die Leute mit meinem Superheldennamen anreden.«

»Und wie lautet der?«

Frank dachte nach.

»ACTION MAN!«, verkündete er strahlend.

»Was Besseres fällt dir nicht ein?«

»Was ist verkehrt daran? Kurz und einprägsam. Und die Bösewichte wissen direkt, was sie erwartet.« Frank stand auf.

»Was hast du vor?«

»Ich fasse den Verbrecher und zeige dir, wie Action Man die Dinge regelt.«

»Er ist bewaffnet.«

»Hast du ihn nicht schießen sehen? Der würde keine Zielscheibe aus einem Meter Entfernung treffen.« Frank grinste. »Mach dir keine Sorgen. Halte dich bereit, ihm seine Rechte vorzulesen. Im Gegensatz zu mir hast du sie bestimmt auswendig gelernt.«

Frank lief los.

Wayne kam aus der Deckung.

Alison spähte vorsichtig um die Ecke.

Frank erreichte die Lücke zwischen den Gebäuden. Er sprang ab.

Wayne schoss.

Die Kugeln rauschten in alle Richtungen um Frank herum davon und verfehlten ihn ausnahmslos.

Alison hielt den Atem an.

Dann explodierte das Gebäude unter ihr.

„Mach was!“ – Mit Blitz und Donner

Nach langer Zeit bin ich mal wieder bei diesem kleinen Mitmachprojekt von Herba und Pö dabei. Zuletzt waren die Themen nichts für mich und ich habe deshalb ausgesetzt. Naja, und weil ich nicht wirklich Zeit hatte, mir mal wieder eine unfassbar passende Geschichte aus den Fingern zu saugen, die ständig Gefahr droht, das Thema komplett zu verfehlen. Der heutige Beitrag lässt da allerdings keine Wünsche offen.

Das Thema lautet passend zum Sommerwetter „Blitz und Donner“.

»Man beginnt nicht mit dem Wetter.« Das war der erste Rat den Yvonnes Mutter ihr gegeben hatte, als sie auf ihre erste gemeinsamen Dinnerparty gegangen waren. Yvonnes Mutter hatte einen ausgeprägten Hass gegen Smalltalk entwickelt. Wenn jemand in ihrer Nähe über banale Dinge wie das Wetter, das Mittagessen, oder die neuesten Modetrends zu reden begann, verdrehte sie die Augen und entfernte sich kommentarlos so weit wie möglich von ihrem Gesprächspartner. Yvonne hatte sich immer gefragt, warum ihre Mutter überhaupt auf diese Partys ging. Sie war keine gesellige Frau gewesen. Aber es ging um Bekanntschaften. Zumindest hatte sie das immer gesagt. In ihrer Tätigkeit als Autorin war es offenbar wichtig, die richtigen Leute zu kennen.

Yvonne sah das anders. Sie war introvertierter, als es ihre Mutter jemals hätte sein können. Sie ging jedem menschlichen Kontakt aus dem Weg. Die meiste Zeit saß sie in dem kleinen selbst eingerichteten Büro in ihrer Dachgeschosswohnung und tippte laut auf den Tasten ihrer alten Schreibmaschine herum.

»Man schreibt nicht am Computer.« Das war der erste Rat den Yvonnes Mutter ihr gegeben hatte, als sie stolz verkündete, dass sie in ihre Fußstapfen treten und Schriftstellerin werden will. Yvonnes Mutter hatte eine eigene Art gehabt, Freude zum Ausdruck zu bringen. Sie drückte die Zigarette im überfüllten Aschenbecher aus und zündete sich einen Joint an, den sie immer neben der Schreibmaschine liegen gehabt hatte, um bei möglichen Schreibblockaden gewappnet zu sein. Sie behauptete, der Joint ordne ihre Gedanken. Und Yvonne hatte oft erlebt, dass ihre Mutter nach dem Rauchen besonders viel zu Papier brachte. Allerdings quoll einige Tage später der Mülleimer meistens über von den vielen Papierfetzen, die ihre Mutter fabriziert hatte, nachdem die Leseprobe im nüchternen Zustand wohl nicht sehr erfolgreich gewesen war. Es war immer der gleiche Ablauf. Yvonne hatte sich oft gefragt, wovon ihre Mutter ihren Lebensunterhalt bewerkstelligte. Als Schriftstellerin hatte sie nie einen Cent verdient. Sie hatte niemals etwas veröffentlicht.

»Man muss immer selbstkritisch sein.« Das war der erste Rat, den Yvonnes Mutter ihr gegeben hatte, als sie ihr ihre erste eigene Schreibmaschine geschenkt hatte. Es war ein altes Modell und Yvonne war sich absolut sicher, dass sie die Schreibmaschine für einen Euro auf dem Flohmarkt erstanden hatte. Nach genauerem Überlegen war es sogar möglich, dass ihre Mutter die Schreibmaschine geklaut hatte. Denn woher hätte sie den Euro haben sollen?

Yvonne hatte schnell die Entscheidung getroffen, nicht so werden zu wollen wie ihre Mutter. Sie wollte eine Geschichte veröffentlichen. Nein, sie wollte viele Geschichten veröffentlichen. Sie wollte ihre Gedanken mit der Welt teilen. Und gab es einen besseren Zeitpunkt als jetzt? Sie trug noch das schwarze Kleid, das sie auf der Beerdigung ihrer Mutter getragen hatte. Sie wollte die Gefühle, die sie über den Tag gequält hatten, so schnell wie möglich zu Papier bringen. Und womit begann sie? Mit dem Wetter. »Donner grollte, als der Sarg meiner Mutter in das Loch hinab gelassen wurde.« Was für ein dämlicher erster Satz. Oder doch nicht? Konnte die Wahrheit überhaupt dämlich sein? War Yvonne doch zu selbstkritisch? Sollte sie einfach weiterschreiben? »Ein Blitz zuckte vom Himmel und ließ den Friedhof für den Bruchteil einer Sekunde hell aufleuchten.« Wahr. Aber spannend? Würde jemand das lesen wollen? Wen interessierte es überhaupt, was sie zu sagen hatte? Und wen interessierte ihre Mutter? Niemand kannte ihren Namen. Niemand hatte jemals etwas von ihr gelesen. »Die Grabsteine schienen sich für einen Moment zu bewegen. Sich zu verschieben.« Den Grabstein für ihre Mutter auszusuchen, war recht einfach gewesen. Yvonnes Mutter war eine bescheidene Person gewesen. Also hatte sie auch einen bescheidenen Grabstein bekommen. Eine simple Tafel mit ihrem Namen darauf. Darunter das Geburtsjahr und das des Ablebens. Auf irgendwelche schlauen Sprüche hatte Yvonne bewusst verzichtet. Ihre Mutter hätte er ohnehin nicht gefallen. Yvonne hatte sich zuvor einige Gedanken gemacht, aber keiner der Sätze schien ihr gut genug. Sie kramte in einem Zettelgewirr auf ihrem Schreibtisch herum und zog ein Blatt Papier hervor. Darauf standen mit Bleistift geschrieben und teilweise durchgestrichen mehrere Grabsteinsprüche, die in die engere Auswahl gekommen wären, wenn sich Yvonne doch noch umentschieden hätte.

Das Licht flackerte in dem kleinen Büro. Yvonne betrachtete die Glühbirne, die über ihrem Kopf baumelte. Der Draht schien kurz vorm Verglühen zu sein. Er leuchtete ein letztes Mal hell auf, wie eine Wunderkerze, kurz bevor sie erlischt. Statt zu erlöschen leuchtete der Draht immer heller. Yvonne musste sich die Hand vor die Augen halten, um nicht geblendet zu werden. Zusätzlich schützte die Hand vor den umherfliegenden Glassplittern, als die Glühbirne explodierte. Yvonne öffnete die Augen und sah nichts als völlige Dunkelheit. Sie stand auf und tastete sich vorsichtig am Schreibtisch entlang, um zur Tür zu gelangen, hinter der das Licht aus dem Flur wartete. Bevor sie die Tür erreichte, wurde der Raum durch anderes Licht erhellt, das in Blitzen von der Bürodecke zu Boden zuckte. Yvonne hob die Hand wieder vors Gesicht. Weniger, weil das Licht so grell war, sondern weil Blitze von der Zimmerdecke ein eher ungewöhnliches Phänomen darstellten.

»An diese Hitze werde ich mich nie gewöhnen«, sagte eine Frauenstimme, die Yvonne sehr bekannt vorkam.

Yvonne nahm die Hand runter und blickte auf ihre Mutter, die leuchtend mitten im Zimmer stand und eine kleine Flamme an ihrem Kleid ausklopfte. Yvonne fand keine Worte. Ihre Mutter fand den Zettel mit den Grabsteinsprüchen. Sie hob ihn auf und las.

»›Liebende Mutter, noch liebendere Buchautorin‹. Ernsthaft?«

»Es war nur ein Entwurf.«

»Du hättest ihn wegwerfen sollen.«

»Mama?«

»Ja?«

»Was machst du hier?«

»Oh, ja, stimmt. Das muss ein kleiner Schock für dich sein. Und ich sollte auch eigentlich nicht hier sein. Aber ich konnte dich doch nicht einfach so zurücklassen, ohne dir die Erkenntnisse zu überliefern, die ich erlangt habe, nachdem ich gestorben bin.«

»Du scheinst dich jedenfalls stark verändert zu haben.«

»Danke. Das will ich doch hoffen. Immerhin bin ich jetzt eine Wettergöttin. Entschuldige übrigens die Blitze. Ich bin noch nicht gut darin, meine Kraft zu kontrollieren. Es könnte also unter Umständen gleich anfangen, hier drin zu schneien.«

»Es ist Sommer.«

»Pfft … als Wettergöttin interessiert mich das doch nicht. Wenn ich Schlittschuhlaufen will, kann ich das ganz schnell einrichten.«

»Also gut«, sagte Yvonne und setzte sich, mit dem unguten Gefühl, dass die Veränderung ihre Mutter weitaus anstrengender im Umgang gemacht hatte, als es zu Lebzeiten ohnehin schon der Fall gewesen war, auf ihren Stuhl, »warum bist du eine Wettergöttin geworden?«

»Nun, wenn man stirbt ist das noch lange nicht das Ende. Jeder hat eine Aufgabe und sie hängt damit zusammen, wie du gestorben bist. Wenn du zum Beispiel vom Bus überfahren wirst, ist dein Job höchstwahrscheinlich Seelenbusfahrer. Du weißt schon, ein Bus, der die Seelen an ihren Bestimmungsort bringt. Kann ja nicht jede Seele weiter hier rumhängen. Manche müssen weit weg, um dort ihre Jobs zu erledigen. Erinnerst du dich noch an Kathrin von nebenan, die vor ein paar Jahren von der Reklametafel für Hawaiiurlaub erschlagen wurde? Die ist jetzt Hulagirl auf der Todseeinsel. Soll ein echtes Urlaubsparadies sein. Hoffentlich komme ich da auch mal hin.« Sie schaute ihre Tochter an, die sich nicht rührte in ihrem Stuhl. Sie fasste das als verstehendes Schweigen auf. »Nun, da ich in meinem Skiurlaub vom Blitz erschlagen, anschließend von einer Lawine begraben und dann von Wölfen gefressen wurde, hatte ich die Wahl zwischen Wettergöttin, Todesbergführerin und Werwolfbändigerin. Die Entscheidung fiel mir ziemlich leicht.«

»Das ist doch völlig verrückt. Was ist, wenn ein Bus voller Nonnen von einer Klippe fällt? Wie viele Seelenbusfahrer kann man im Jenseits schon brauchen?«

»Was glaubst du, wie viele Seelen täglich da ankommen?«

Sie schwiegen beide für einen Moment.

»Du überlegst gerade, wie du am liebsten sterben würdest, oder?«

»Wie kriege ich im Jenseits einen Job, der etwas mit Katzen zu tun hat?«

»Am besten stirbst du im Urlaub in Ägypten, indem du von einer Sphinxkatze zu Tode erschreckt wirst. Aber ich glaube, das kommt eher selten vor. Katzen sind nicht gruselig genug. Wenn man von einem Löwen gefressen wird, hat man zumindest mit Raubkatzen zu tun.«

Yvonne sah ihrer Mutter zu, wie sie durch das Zimmer schlich und sich umsah. Sie hatte Yvonnes Zimmer zu Lebzeiten selten aufgesucht und in ihrer Wohnung hatte sie Yvonne nur ein einziges Mal besucht. Den Tag vor ihrem Skiurlaub. Yvonne überlegte, wie ihre Mutter den Urlaub wohl hatte finanzieren können.

»Du solltest nicht zu viel darüber nachdenken«, sagte ihre Mutter.

Yvonne dachte kurz darüber nach, ob Tote wohl Gedanken lesen können.

»Komm mit. Ich will dir etwas zeigen.« Yvonnes Mutter öffnete die Zimmertür und ging auf den Flur hinaus.

Yvonne stand auf und folgte ihr.

Sie standen vor einem Garagentor. Yvonne war nie zuvor in der Gegend gewesen. Sie war nicht traurig darüber. Die Umgebung machte den Eindruck, als würde sie sich am liebsten selbst zerstören und als ob mit diesem Prozess bereits begonnen worden war.

»Warum führst du mich in diese Gegend? Willst du, dass ich von irgendeinem Irren abgestochen werde? Ist das, wie ich sterbe? Oh nein, ich werde Messerschärferin im Jenseits, nicht wahr? Oder Skimaskenwascherin.«

»Beruhige dich. Ich war hunderte Mal hier und ich habe es überlebt. Halte dich aus den Skigebieten fern, dann droht keine Gefahr.«

»Also, was wollen wir hier?« Yvonne blickte sich nervös um. Ihre Mutter war natürlich die Ruhe selbst. Sie hatte auch nichts mehr zu befürchten. Selbst wenn sie angegriffen würde, könnte sie ein paar Blitze um sich schießen. Und sterben konnte sie ohnehin nur ein Mal. Zumindest vermutete Yvonne das.

»Ich will dir mein Leben zeigen.« Mutter öffnete das Garagentor.

Yvonne schaute in die Garage. Darin stapelten sich Kartons, beschriftet mit Filzstift. Simple Worte standen darauf. »Jugend«. »Kindheit«. »Blitz und Donner«. »Mutter«. »Allein«.

»Was ist das?«

»Das sind all meine Manuskripte.« Mutter öffnete einen der Kartons und holte einen Stapel beschriebenes Papier daraus hervor. Sie blätterte durch die Seiten. »Alles, was ich jemals geschrieben habe, steht hier.« Sie legte die Seiten zurück in den Karton. »Geschichten von meiner Kindheit. Aus meiner Jugend. Vom Mutter sein. Vom allein sein.« Sie schaute einen bestimmten Karton an. »Oh, guck mal. Geschichten von meiner Angst vor Gewittern. Irgendwie ironisch, dass ich eine Wettergöttin bin, nicht wahr.« Sie rückte etwas näher an Yvonne heran. »Unter uns: Es wird hier nicht mehr viele Gewitter geben. Nur so ein oder zwei im Jahr, damit es nicht auffällt. Aber du kannst dich auf viel Sonnenschein einstellen.« Mutter lächelte.

»Das müssen hunderte Geschichten sein.«

»Ich habe viel geschrieben, schätze ich.«

»Warum hast du sie alle hier gelagert?«

»Weil ich ein Idiot war.« Sie setzte sich auf eine der Kisten und seufzte. »Mein ganzes Leben lang habe ich nur einen Gedanken gehabt: ›Ich bin nicht gut genug‹. Immer wieder habe ich mir das eingeredet. All die Zeit, die ich verschwendet habe, um diese Geschichten zu schreiben. Und nichts habe ich daraus gemacht. Es war alles umsonst.«

»Es ist nicht zu spät. Ich könnte sie für dich veröffentlichen.«

»Nein danke. Ich will keinen posthumen Erfolg. Ich habe die Gelegenheit verpasst und damit muss ich jetzt leben … du weißt schon wie ich das meine.« Mutter stand auf und verließ die Garage. »Komm«, sagte sie. »Lass uns gehen.«

Yvonne folgte ihrer Mutter nach draußen.

»Der Tod hat mir die Augen geöffnet.« Mutter lächelte. »Erinnerst du dich noch an die Ratschläge, die ich dir gegeben habe?« Sie hob die Hand und schnippte mit den Fingern.

Ein Blitz bahnte sich einen Weg vom Himmel. Wie ein betrunkener Autofahrer, glitt er im Zickzack hinab. Wie ein betrunkener Autofahrer, der im letzten Moment einem Baum ausweicht, bog der Blitz knapp über den Köpfen von Mutter und Tochter ab und schlug in das Innere der Garage ein. Die Kartons mit den Manuskripten fingen Feuer. Für die Flammen war das trockene Papier wie eine Partymeile. Es besuchte jede Ecke, um nichts zu verpassen. Schnell stand die ganze Garage in Flammen.

»Vergiss alles, was ich gesagt habe.« Mutter packte Yvonne an den Schultern und sah ihr in die Augen. »Du bist gut genug.« Sie lächelte. »Erfülle dir deine Träume.«

Yvonne wischte sich eine Träne aus dem Auge.

»Ich muss weiter«, sagte Mutter. »Der Wetterbericht hat drei Tage Regen in der Nachbarstadt angekündigt. Ich muss dafür sorgen, dass sie nach drei Wochen mal wieder richtig lagen. Ist vertraglich so festgelegt. Ich glaube, Petrus hat irgendeinen Deal mit denen.«

Sie verschwand in einer Wolke, die sich langsam vor Yvonnes Augen auflöste. Yvonne ging nach Hause und setzte sich an ihre Schreibmaschine. Sie starrte das Blatt Papier darin an. Dann schrieb sie weiter über Blitz und Donner.

Auf der Suche nach dem ersten Blogpost #8

Zu Teil 7

Suche nach Blogpost

Ich wache auf der Couch auf, da neben ihr kein Platz ist. Fey ist nicht mehr da. Nachdem sie mir etwas von magischen Wesen erzählt hat, die in der Stadt rumturnen schaltete sich mein Gehirn aus Selbstschutz ab, um nicht zu explodieren. Mein Schädel brummt und ich habe Rückenschmerzen von dem unbequemen Sofa. Ich stolpere im Slalom durch das Gerümpel in der Bude und über den Hausflur. Ich klopfe an Feys Tür. Sie öffnet, nur mit einem Handtuch bekleidet, und strahlt noch mehr, als es sonst schon der Fall ist. Jede Frau wäre stolz auf so eine strahlende Haut. Mein erster Gedanke ist, dass das nicht gesund sein kann. Hautkrebs ist in diesem Fall wohl noch das geringste Übel, das entstehen kann. Fey lächelt mich an und strahlt wie ein Engel. Natürlich ist sie kein Engel. Sie behauptet eine Fee zu sein. Fey die Fee. Ich glaube, sie ist einfach geisteskrank. Was soll’s? Wir haben doch alle einen an der Waffel. Sie bittet mich herein. Fee oder nicht, das Angebot schlage ich nicht aus. Sie lässt das Handtuch fallen und zieht mich am Arm ins Badezimmer. Unter die Dusche. Gute Sache. Seit der ganze Wahnsinn angefangen hat, bin ich nicht mehr zum duschen gekommen. Wahrscheinlich stinke ich schon wie Nick nach einer Nacht unter seiner Siffbrücke. Der Gedanke, dass sie mir wenigstens etwas Zeit hätte geben können, um meine Klamotten auszuziehen, wird von einem Kuss verdrängt. Immerhin wird meine Jeans so gleich mit gewaschen.

Fey muss arbeiten. Ich schleppe die nassen Klamotten über den Hausflur in meine Wohnung und werfe sie zum Trocknen in eine Ecke. Auf dem Couchtisch steht der Laptop. Der Blog-In-Progress ist seit Tagen geöffnet, aber kein Wort geschrieben. Ich setze mich hin und versuche, etwas in den ersten Post zu tippen. Meine Gedanken schwirren um Engel, Feen, Models und andere hübsche Gestalten. Was soll ich damit anfangen? Die Tür gegenüber fällt ins Schloss. Fey ist schon wieder zu Hause. Ich glotze durch den Türspion. Fey verlässt wieder ihre Wohnung. Ich öffne meine Tür und kann gerade so verhindern, dass sie Fey auf den Kopf fällt, als die Angeln nachgeben. Ich lege die Tür in den Flur und frage, warum Fey nicht arbeiten ist, wie sie gesagt hat. Ich klinge wahrscheinlich wie ein eifersüchtiger Ehemann. Da findet man ein mal ein Mädchen, dass einen nicht beim ersten Treffen in den Wind schießt und schon erhebt man Besitzansprüche. Ich hasse mich selbst für die Frage. Fey hat etwas Wichtiges vergessen, das sie auf der Arbeit braucht. Ich kann mich davon abhalten, zu fragen was es ist. Sie soll nicht denken, dass ich ein eifersüchtiger und neugieriger Arsch bin. Eins der beiden reicht erst mal. Da ich eh nichts im Blog zustande bringen werde, biete ich an sie zur Arbeit zu bringen und dann ein paar Erledigungen in der Stadt zu machen. Auch wenn ich selbst nicht den blassesten Schimmer habe, was für Erledigungen das sein sollen. Sie freut sich über das Angebot, schlägt aber vor, dass ich mir zumindest eine Hose anziehen soll. Eine gute Idee. In der Küche finde ich eine Jogginghose, die noch nicht vor Dreck zu Stein erstarrt ist und ein fleckenloses Shirt.

Sie hat es offenbar nicht sonderlich eilig in die Redaktion zu kommen und schlendert langsam neben mir durch die Stadt. Sie ist verhältnismäßig ruhig. Zugegeben, sie ist sowieso keine, die dauernd rumlabert, aber zumindest ein oder zwei Worte könnte sie schon sagen. Zum Beispiel darüber, wie das Leben als Fee denn so ist. Ich überlege, ob ich sie einfach fragen soll, aber entscheide mich dagegen. Vielleicht will sie das Thema lieber vermeiden und ich will nicht riskieren, alles kaputt zu machen, was bis hier hin recht gut funktioniert hat. Ich werde die Sache mit ihr ohnehin noch versauen, aber das muss ja nicht ausgerechnet jetzt sein.

Wir erreichen das Büro. Sie bleibt vor der Tür stehen.

»Das war nett von dir«, sagt sie und drückt mir einen Kuss auf die Wange.

Ich täusche einen Hustenanfall vor, damit sie nicht sieht, wie ich wegen dem Kuss rot anlaufe. Wahrscheinlich glaubt sie jetzt, dass ich denke, sie hat die Pest, oder sowas.

Ich gehe weiter und wühle in meinen Taschen nach Geld, um mir mal ein paar lebensnotwendige Dinge zu kaufen. Das Kleingeld reicht gerade noch für Zigaretten. Das sollte für den Anfang reichen. Eventuell ist auch noch eine Dose Bier drin.

Auf dem Weg zum Kiosk überquere ich eine Brücke. Ich könnte auch zu einem anderen Kiosk gehen, aber der von Kyra ist mir am liebsten. Liegt vielleicht daran, dass sie nicht viel redet. Um ehrlich zu sein, habe ich sie noch nie ein Wort sprechen gehört. Dass sie die Kapuze ihres Pullovers immer so weit über den Kopf gezogen hat, dass man nichts von ihrem Gesicht sehen kann, würde anderen wohl komisch erscheinen. Aber wer kann es ihr verdenken? Es laufen viele Irre herum, die nur darauf warten, eine hübsche Kioskbesitzerin zu missbrauchen.

Während ich so über Irre nachdenke, klettert einer davon am rostigen Geländer der Brücke hoch, über die ich gerade laufe. Ich sehe ihn schon abschmieren und unten im Fluss landen, aber er schafft es irgendwie, sich über das Brückengeländer zu hangeln und vor mir auf dem Gehsteig zu landen.

Es ist Nick. Und ich dachte schon, der ekelhafte Fischgestank käme vom Hafen rübergeweht. Zu meinem Glück hat er keinen Schreibratgeber in der Hand, mit dem er mich erschlagen könnte.

»Ich brauche deine Hilfe«, sagt er, ohne den Mordversuch zu erwähnen.

»Glaube ich gerne«, sage ich und wühle in der Tasche nach meinem Kleingeld.

Er sieht sich nervös um, packt mich am Arm und schleift mich von der Brücke runter hinter einen Müllcotainer am Straßenrand. Ich wäre lieber auf der Brücke geblieben.

»Ich werde verfolgt«, stinkt er mir ins Gesicht.

Ich unterdrücke den Würgreiz, den sein Atem verursacht und versuche mich auf etwas anderes zu konzentrieren, was dummerweise seine grünen Zähne sind, die mich dann doch zum kotzen bringen.

»Bist du krank?«, fragt er.

Vollidiot. Ich hätte einen größeren Schreibratgeber nehmen sollen. »Was willst du, Nick?«

»Du musst mich verstecken. Ein Drache verfolgt mich.«

Mich beschleicht langsam das Gefühl, dass alle in der Stadt völlig bekloppt sind. Oder nur ich selber. Ich weiß was folgt und lade ihn zu mir nach Hause ein, damit er meine Bude aufräumen kann, während er mich mit einer weiteren abstrusen Geschichte nervt.

FORTSETZUNG FOLGT IN TEIL 9

Auf der Suche nach dem ersten Blogpost #7

Zu Teil 6

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Mit dröhnendem Schädel verlasse ich den Zirkusplatz, auf dem bunte Wagen im Matsch und in Tierscheiße stehen. Eine bärtige Lady lächelt mir zu. Ich verdränge den Gedanken sie auf einen Drink einzuladen, in der Befürchtung, dass sich unsere Bärte verknoten könnten wenn das zu mehr führt.

Zu Hause angekommen beschließe ich das Aufräumen zu verschieben und mich einfach irgendwo auf einen sauberen Fleck in der Wohnung zu legen um zu schlafen. Daraus wird nichts, denn ich habe Besuch. Fey hat diesen Fleck bereits gefunden und ihn besetzt.

»Hey, Fey«, begrüße ich sie und hasse mich direkt selbst für diesen dämlichen Satz. Ich kann einfach nicht mit Frauen reden.

»Wo warst du?«, fragt sie mich sichtlich besorgt.

»Hast du dir Sorgen um mich gemacht? Ist ja süß.« Ich fühle mich erneut wie ein Volltrottel, bin aber dankbar, dass Fey offenbar ignoriert, dass ich ein Idiot bin.

»Ich war im Zirkus«, sage ich.

Fey guckt mich an, wie ein Seiltänzer, kurz bevor er auf dem Boden aufprallt.

Während ich ihr erkläre, was passiert ist, geht die Küche in Flammen auf.

Ich schaue mich nach einem Feuerlöscher um, bevor mir einfällt, dass ich so etwas nicht besitze. Als die Frau aus der Waldhütte nackt aus der Küche kommt, denke ich, dass ich ihr eher eine Löschdecke umhängen sollte. Aber in diesem Chaos würde ich nicht mal einen Wandteppich finden. Für meinen Geschmack treibt sie diese Ökoschiene etwas zu weit. Ist zwar eine nette Sache, aber man kann sich ja trotzdem was anziehen. Und wenn es nur ein Hanfgewand ist. Ich lege ihr eine dreckige Tischdecke über die Schultern, die ich in dem Gerümpel gefunden habe.

»Willst du dich setzen?«, frage ich, weil mir einfach nichts blöderes einfällt, dass man eine nackte Frau fragen kann, die gerade aus einer brennenden Küche kam, als würde sie im Park spazieren gehen.

Sie schaut sich um. Sie findet keinen Platz, der eine Sitzgelegenheit bieten würde, ohne vorher aufzuräumen. Sie bleibt stehen.

»Die Welt ist im Wandel«, sagt sie.

Das ist ein alter Hut, denke ich. Komm mal auf den Punkt, denke ich. Ich muss mich setzen, denke ich. Keine Lust, während dem drohenden aussschweifenden Weltuntergangsmonolog rumzustehen.

»Die Wesen bewegen sich«, sagt die schöne Frau und lässt die Tischdecke zu Boden fallen.

»Was soll das wieder bedeuten?«

Sie bleibt mir eine Antwort schuldig und verschwindet in einer Stichflamme. Zurück bleibt nur die angekokelte Tischdecke.

»Klopf, klopf.« Ich hasse Leute, die das sagen, anstatt wirklich anzuklopfen. Es wundert mich nicht, dass der haarige Sheriff die Wohnung betritt. Er sieht sich in dem Chaos um und fragt, was hier passiert ist.

»Ein Feuerschlucker hat hier alles verwüstet«, erkläre ich ihm.

»Warum?«

»Keine Ahnung. Vielleicht macht er das gerne, bevor er jemanden ausknockt und ihm in die Fresse haut, nachdem er wieder aufgewacht ist.« Mein Blick fällt auf die Bananenschale, auf der der Typ mit den akuten Hautproblemen ausgerutcht ist. Ich hebe sie auf und werfe sie in eine Ecke, wo sie keinen Schaden mehr anrichten kann. Die Frage, wo die Schale her kommt, springt mir in den Kopf. Ich esse nie Bananen.

»Ich habe die Spur der Frau hier her verfolgt.« Der Sheriff reißt mich aus meinen Gedanken. »Wo ist sie?«

»Mal wieder in Flamen aufgegangen.« Ich zeige ihm die angebrannte Tischdecke mit den Ketchupflecken. »Was ist eigentlich los mit der Tussi? Diese ständige Selbstentzündung kann doch nicht gesund sein.«

»Sie ist gefährlich«, sagt der Sheriff mal wieder und packt die Tischdecke ein. »Wenn ihr sie seht, ruft mich an.« Er gibt mir eine Visitenkarte. »Wolfgang Werstein, Sheriff« steht darauf. Dazu eine Handynummer. Ich habe nie einen Sheriff gesehen, der Visitenkarten verteilt. Um genau zu sein, habe ich noch nie einen Sheriff gesehen. Und Visitenkarten kriege ich auch eher selten zugeschoben. Und in keinem Fall sehen sie aus, als hätte sie jemand mit einem zu kleinen Buntstift in zu großen Händen selbst gekritzelt. Ich werfe die Karte auf den Couchtisch und weiß schon jetzt, dass sie für immer verschwunden sein wird, falls ich mal danach suchen wollte. Der Sheriff haut ab und lässt mich genau so schlau wie vorher zurück.

Fey hat die ganze Zeit still dagesessen, ohne sich zu bewegen. Ich schiebe einen Schrank vom Sofa und setze mich seufzend neben sie.

»Ich wünschte, jemand würde mir mal erklären, was eigentlich los ist.«

Fey stupst mich mit einem Finger an. Bevor ich mich darüber wundern kann was der Quatsch soll, beginnt sie zu erklären.

FORTSETZUNG FOLGT IN TEIL 8

Auf der Suche nach dem ersten Blogpost #6

Zu Teil 5

Suche nach Blogpost

Der Zirkus ist in der Stadt. Das würde mich absolut nicht interessieren, wenn ich nicht gerade auf einem Stuhl in der Zirkusmanege aufwachen würde. Umstellt von Löwen und einem Type, der aussieht als bestünde er komplett aus Schuppenflechte, der gerade Flammen spuckt. Er sieht mich an und legt die Fackel in seiner Hand auf den sandigen Boden.
»Du bist wach«, stellt er richtig fest und bläst schwarzen Rauch aus seinen großen Nasenlöchern.
Ich überlege, ob ich so tun soll, als wäre ich direkt wieder eingeschlafen, aber verwerfe den Gedanken So leicht sind Zirkusfreaks wahrscheinlich nicht zu täuschen. Der Flammenschlucker kommt auf mich zu und schlägt mir ohne Vorwarnung in die Fresse.
»Das ist dafür, dass ich in deiner Bruchbude auf einer Bananenschale ausgerutscht bin«, erklärt er seine Tat.
Ich spucke etwas Blut aus. Ich esse überhaupt keine Bananen, denke ich.

Ein übergewichtiges Wesen, das ein Mensch sein könnte, stampft durch den Sand und schickt den Feuerschlucker weg.
»Ich muss mich entschuldigen«, sagt er, »Drago kann etwas temperamentvoll werden.«
»Er sollte mal seine Haut behandeln lassen. Die ist rauer als Schmiergelpapier.« Ich versuche, die Schmerzen im Gesicht zu ignorieren und frage, was der Zirkus von mir will.
Der fette Kerl im Anzug stellt sich als der Direktor vor und hält mir eine zerfurchte Hand hin.
»Wohl mit einem Schnitzel in der Hand zu nah am Löwenkäfig gestanden«, sage ich und nehme den Handschlag an. Der Direktor findet meinen Kommentar anscheinend weniger lustig und zerquetscht mir fast die Hand.
»Du musst dir keine Sorgen machen«, sagt er. Eine unnötige Bemerkung, nachdem einem schon in die Schnauze geschlagen wurde. »Es geht uns nicht um dich. Wir sind hinter einer Person her, die du kürzlich kennen gelernt hast.«
Ich schätze, er meint Fey. Ergibt Sinn. Wenn ein schönes Mädchen Interesse an mir zeigt, muss etwas falsch mit ihr sein. Wahrscheinlich gehört sie zu diesen Zirkusfreaks und ist eigentlich die bärtige Lady von diesem Verein. Rasiert sieht sie aber echt hübsch aus, das muss man ihr lassen. Während ich darüber nachdenke, wie es wohl ist, wenn man einen Rasierer mit einer Frau teilen muss, redet der Direktor weiter. »Ich habe gehofft, du könntest mir vielleicht helfen, die Person ausfindig zu machen.«
»Was wollt ihr denn von ihr?«
»Nun, sagen wir, wir haben noch eine Rechnung offen.«
Klar, sie hat ihm bestimmt die Zirkuskasse geklaut und sich aus dem Staub gemacht. Ich würde auch nicht bei diesen Freaks bleiben wollen, egal wie ungewöhnlich stark mein Haarwuchs sein mag.
»Hör zu«, sage ich und sehe in seinem Blick bereits, dass ihm meine Antwort nicht gefallen wird, »ich kenne Fey erst seit Kurzem, aber bisher war sie nett zu mir. Warum sollte ich sie euch also ausliefern?«
Der Blick des Direktors wandelt sich von purer Bösartigkeit zu völliger Ahnungslosigkeit. »Fey?«
Ich gucke noch doofer als er und weiß gar nicht mehr, worum es hier geht.
»Ich fürchte, hier liegt ein Missverständnis vor«, sagt der Direktor. »Ich bin auf der Suche nach Nick. Mir kam zu Ohren, dass du ihn kennst und vielleicht weißt, wo er sich aufhällt.«
»Nick? Den Brückenpenner? Klar, den könnt ihr gerne haben. Als ich ihn zuletzt sah, lag er tot auf meinem Teppich.« Der Blick des Direktors verrät mir, dass er mir nicht ganz folgen kann, also füge ich hinzu: »Zumndest dachte ich das. Aber nachdem ich mich nur mal eine Sekunde umgedreht habe, war die Leiche verschwunden.«
»Glaub mir, Nick ist nicht tot.« Er klingt, als sei er sich seiner Sache so sicher, wie nie zuvor. »Du weißt nicht zufällig, wo ich ihn finden kann?«
»Alles was ich weiß ist, dass er unter einer Brücke lebt. Wie viele Brücken kann die Stadt schon haben?«
Das fette Gesicht des Direktors hellt auf, wodurch die Furchen auf seiner Stirn sich etwas zurückziehen. »Danke. Du hast mir sehr geholfen. Du weißt ja: Der Fluss ist lang.«
»Kein Problem«, sage ich, versuche meine Verwirrung über den letzten Kommentar zu verbergen und stehe auf »Kann ich dann gehen? Ich muss mich um wichtigere Dinge kümmern, die nichts mit Brücken und Obdachlosen zu tun haben.«

FORTSETZUNG FOLGT IN TEIL 7

Auf der Suche nach dem ersten Blogpost #5

Zu Teil 4

Suche nach Blogpost

Während ich noch damit beschäftigt bin, blöd zu gucken, höre ich von draußen eine raue Stimme: »Polizei!«
Wenige Sekunden später tritt ein Schuh der Größe 58 ein Loch in die Tür.
»Scheiße«, sagt die Stimme, während das Bein versucht, sich aus dem Loch zu befreien. Nach einiger Zeit gelingt das Unterfangen und die Reste der Tür fallen in den Raum. Im Türrahmen steht ein haariges etwas, dass sich auf den zweiten Blick als Mensch herausstellt. Der lange Bart ruft »Niemand bewegt sich« und betritt zusammen mit den restlichen Haaren den Raum, um sich umzusehen. Hätte er nicht bereits verraten, dass er Polizist ist, würde ich ihn für einen verwirrten Holzfäller halten, der sich im Wald verirrt hat, da durch die ganzen Haare sein Sichtfeld arg eingeschränkt ist.
»Wo ist die Frau?«
»Die hat sich derbe den Arsch verbrannt, also schätze ich mal, sie ist bei der Feuerwehr«, sage ich.
Die Antwort gefällt dem Haarbüschel offensichtlich überhaupt nicht. »Verdammt.« Eine behaarte Hand fuckelt eine Polizeimarke unter dem Bart hervor und hält sie uns vor die Nasen. »Wer seid ihr?«
»Ich bin Reporterin«, sagt Fey, bevor ich eine Gelegenheit kriege, den Polizisten weiter zu verärgern. »Ich recherchiere in einem Mordfall und die Bewohnerin dieser Behausung hat sich bereit erklärt, ein paar Fragen zu beantworten.«
Der Bart grummelt etwas Unverständliches zusammen und steckt die Marke weg. »Die Frau, die hier lebt ist gefährlich. Ich bin schon lange hinter ihr her. Glaubt ihr besser kein Wort. Sie ist eine Betrügerin.«
»Vielleicht sollte sie mal einen Vermieter betrügen, damit sie aus dieser Bruchbude rauskommt«, sage ich.
Die Augen hinter den Haaren schauen mich böse an. »Das ist kein Spiel, Freundchen.«
Ich kapiere mal wieder gar nichts.
»Ihr geht jetzt besser.«
Das lebende Haar lässt keinen Zweifel daran, dass das Gespräch beendet ist und wartet, bis wir die Hütte verlassen haben, bevor er uns hinterher ruft, dass wir die Stadt nicht verlassen sollen, da er noch ein paar Fragen an uns haben könnte.
Ich habe ebenfalls ein paar Fragen, als ich mit Fey zurück zur Stadt gehe. Sie scheint von den Ereignissen völlig unbeeindruckt zu sein.
»Was zur Hölle ist da gerade passiert?«, frage ich.
Fey zuckt nur mit ihren dünnen Schultern und geht weiter.
»Also ich weiß nicht wie oft du schon spontane Selbstentzündungen gesehen hast, aber für mich war es das erste Mal.«
»Mach dir keine Sorgen. Ihr geht es sicher gut.«
»Ob es ihr gut geht ist mir scheißegal. Ich will nur wissen, was hier abgeht.«
Fey bleibt stehen und sieht mir in die Augen. »Glaub mir. Zu diesem Zeitpunkt ist es besser, wenn du es nicht weißt.«
»Was soll das schon wieder heißen?«
»Wenn du bereit bist, wirst du es verstehen.«
»Du klingst wie einer dieser alten Lehrer mit weißem Bart aus einem Kung Fu Film.«
»Ich habe noch etwas zu erledigen. Geh nach Hause und schlafe etwas. Ich komme später vorbei.«
Fey streichelt mir über den Arm und lässt mich in der Fußgängerzone stehen. Ich gehe nach Hause. Vielleicht schaffe ich es ja endlich mal, etwas für den Blog zu schreiben. Schon im Treppenhaus merke ich, dass daraus nichts werden wird. Die Tür zu meiner Wohnung steht offen. Innen herrscht Chaos. Das ist nicht weiter ungewöhnlich, aber es ist eine andere Art von Verwüstung, als sonst. Eine, die ich nicht selbst verursacht habe. Vielleicht sollte ich Nick suchen und ihn bitten, hier aufzuräumen. Ich betrete vorsichtig die Wohnung und schaue mich nach möglichen Eindringlingen um, kann aber nur eine Kakerlake entdecken, die mir unbekannt vorkommt. Wahrscheinlich die Tochter der Kakerlakenfamilie, die unter der Spüle in der Küche wohnt. Ich will mich hinsetzen, um meine Gedanken zu sortieren. Auf dem Weg zum Sessel vernehme ich ein dumpfes Pochen. Es folgt Schmerz am Hinterkopf. Und Dunkelheit.

FORTSETZUNG FOLGT IN TEIL 6

Auf der Suche nach dem ersten Blogpost #4

Zu Teil 3

Suche nach Blogpost

Hatte ich bisher Zweifel, ob es eine gute Idee war hier her zu kommen, weiß ich jetzt, dass es ein gewaltiger Fehler war.
»Setzt euch«, sagt sie, als ob es hier tatsächlich eine Möglichkeit gäbe es sich bequem zu machen. »Ich hole nur etwas Feuerholz.« Sie schwingt mit ihrer Federboa aus dem Raum, wie ein bunter Vogel auf der Suche nach einem Wurm.
»Fey, die Tussi hat sie doch nicht alle. Lass uns einfach abhauen. Komm ich gebe ein Bier aus.«
»Du solltest nicht trinken.«
»Dann halt einen Kaffee.«
»Koffein ist nicht gesund.«
»Meine Fresse. Ich kaufe dir einen Kopfsalat wenn wir sofort gehen.«
»Ich muss ihr ein paar Fragen stellen. Es dauert nicht lange. Sie kann mich auf die Spur eines Mörders führen.«
»Eines Mörders? Würde mich nicht wundern wenn die Bekloppte selbst ein paar Leichen im Keller hat.«
Fey sieht sich den dreckigen Hüttenboden an. »Sie hat gar keinen Keller.«
»Du weißt genau, was ich meine.«
»Nein.«
Die mysteriöse Frau wackelt mit Holzscheiten auf dem Arm zurück in die Hütte und lässt sie krachend auf den Boden fallen. Ich sehe mich nach einem Kamin oder einer anderen Art von Feuerstelle um. Ich finde keine. Sie kniet auf dem Boden und legt das Holz in der Mitte des Raums zusammen.
»Ist es nicht etwas fahrlässig, mitten auf dem Holzboden einer Holzhütte ein Feuer zu machen?«
Sie hört mir gar nicht zu und beginnt rumzufackeln. Ich gehe einen Schritt zurück, um näher am Ausgang zu stehen wenn die Bude Feuer fängt. Fey steht dicht vor mir. Im Ernstfall kann ich sie schnell aus dem drohenden Inferno ziehen. Die Feuerzünderin muss selbst klar kommen.
»Ihr seid wegen den Kindsmorden hier«, stellt die Zeugin fest, während vor ihr die Flammen aufsteigen und beginnen den Raum in trüben Dunst zu tauchen. »Ich kann euch sagen wer der Täter ist, aber es wird euch nicht helfen. Ihr werdet nur Erleuchtung erlangen wenn ihr selber herausfindet was passiert ist.«
»Was soll der Quatsch?«, frage ich, wenig verwundert darüber, dass wir uns den Weg besser gespart hätten. »Sag schon wer der Täter ist, damit wir alle wieder in Ruhe schlafen können.«
»Keine Angst«, sagt die Frau und atmet den Rauch des Feuers ein. »Alles hängt zusammen.«
»Was zur Hölle soll das bedeuten?« Hätte ich jemals einen Faden gehabt, hätte ich ihn spätestens jetzt verloren.
Ein Geräusch lässt die Frau herumfahren. Mit weit aufgerissenen Augen springt sie ins Feuer. Und verschwindet in einer Stichflamme, die einen schwarzen Fleck an der Decke der Hütte hinterlässt.
Ich starre in die Flammen, um nach den Überresten der Bekloppten zu suchen. Nichts zu finden. Das Feuer lodert ruhig vor sich hin, als wäre nicht gerade eine Frau in es gesprungen und im flammenden Inferno verschwunden.

FORTSETZUNG FOLGT IN TEIL 5

„Mach Was!“ – Mit Schnee

Die Pö und Herba veranstalten nun schon seit einiger Zeit das kleine Mitmachprojekt „Mach was!“ in dem man sich kreativ ganz frei austoben kann. Nachdem ich schon ein paar Mal auf meinem anderen Blog (billige Schleichwerbung kann ich) dabei war, steige ich jetzt wieder ein und verlege den Spaß hier in meinen Autorenblog, einfach weil es besser passt als auf den Filmschrottplatz (zu aufdringlich? Na gut, ich höre schon auf.)

Das Thema lautet SCHNEE. Das ich kein großer Winterfan bin, nicht unbedingt meine Lieblingskategorie. Aber ich habe mir mal was aus den Fingern gesogen. Viel Spaß beim Lesen:

Tim pinkelte seinen Namen in den Schnee. Seit seiner Kindheit nutzte er jede Gelegenheit, um dieses Kunststück vorzuführen. Über die Jahre hatte er sogar den Punkt über dem I perfektioniert. Stolz hielt er seinen »Schlauch«, wie er ihn nannte, in der Hand und zog eine gerade Linie vom M aus unter seinen Namen.
Matthias stand neben Tim und schüttelte die letzten Tropfen ab. Als Kind war er immer neidisch darauf gewesen, dass Tim seinen Namen in den Schnee schreiben kann. Egal wie viel er trank, Matthias schaffte es nie über das zweite T hinaus. Mittlerweile hatte er anderen Grund für Neid auf seinen Freund seit Kindertagen. Der Neid bezog sich auf ein Körperteil, dessen Größe offenbar nicht mal von der Kälte beeinträchtigt wurde.
Das Geräusch einer Autohupe erinnerte die beiden Freunde daran, dass sie nicht den ganzen Tag Zeit hatten, den Schnee gelb zu färben.
»Wir müssen weiter.« Matthias zog den Reißverschluss seiner Hose hoch. »Hannah wartet nicht gerne.«
Tim ließ seinen »Schlauch« an der frischen Winterluft und kramte eine zerknitterte Zigarettenschachtel aus der Hosentasche. »Hannah ist immer nervös.« Er zündete eine Zigarette an und atmete tief ein. Mit einem Seufzer blies er den Rauch in Matthias’ Gesicht. »Sie muss sich entspannen, sonst geht unser Plan nicht auf.«
»Wenn wir hier stehen bleiben, geht unser Plan auch nicht auf.« Matthias ging Richtung Auto. »Ich habe keinen Bock, wegen öffentlichen Urinierens erwischt zu werden.«
»Ihr seid beide wirklich nicht die Richtigen für diesen Job.« Tim schnippte die Zigarette weg.
»Entschuldigen Sie.« Eine Stimme hielt Tim auf, als er zum Auto gehen wollte. »Finden Sie das in Ordnung?«
Matthias hörte die Stimme ebenfalls und drehte sich um. »Oh nein«, sagte er zu sich selbst und schloss die Augen. Er wusste, was passieren würde. Tim war kein Mann, der sich lange mit dem Gesetz herumschlug. Für ihn gab es nur kurze Prozesse. Matthias hörte den Schuss, der durch die winterliche Umgebung hallte. Er öffnete die Augen. Der Polizist lag in einem Schneehügel, an dessen Fuß sich eine rote Pfütze ansammelte.
»Lass uns fahren«, sagte Tim und steckte die Waffe in seine Jackentasche. »Jemand könnte vorbeikommen und dann hätten wir Probleme.«
»Was du nicht sagst.« Matthias zog ein Messer aus der Tasche. »Ich habe dir schon tausend Mal gesagt, wenn du öffentlich Leute umnieten musst, dann mach es wenigstens leise.« Er hielt Tim das Messer hin. Die Klinge glänzte in der Wintersonne, die tief am Himmel stand, als wolle sie möglichst schnell hinter dem Horizont verschwinden, um sich um angenehmere Dinge zu kümmern, als zwei Idioten beim Streiten zuzuschauen.
»Mit dem Teil kannst du doch nicht mal nen nackten Arsch rasieren«, sagte Tim und schob den Arm mit dem Messer von sich weg.
»Mit dem ›Ding‹ könnte ich jemanden in alle Einzelteile zerlegen.«
»Damit könntest du nicht mal einen Fingernagel schneiden.«
»Ich kann damit was ganz anderes abschneiden …«
Die Autohupe, die jetzt im Sekundentakt ertönte, unterbrach den Streit. Sirenen erklangen in der Ferne und wurden lauter. Tim und Matthias sprangen auf die Rückbank des Autos.

Hannah trat auf das Gaspedal und der Wagen fuhr mit quietschenden Reifen los. Hannah drehte sich um und sah Tim mit ihren grünen Augen an.
»Es war nicht meine Schuld«, wies Tim jede Verantwortung von sich. »Matthias wollte nicht, dass wir wegen öffentlicher Pisserei verhaftet werden.«
Hannah riss das Lenkrad zur Seite und der Wagen schlitterte über die Nasse Straße um eine Häuserecke.
»Beruhige dich, Hannah.« Tim lehnte sich nach vorne und legte seine Hand auf Hannahs Schulter. »Alles ist in Ordnung. Niemand weiß, wo wir hin wollen. Schon bald sind all unsere Probleme vergessen.« Tim bereute seine Worte eine Sekunde später, als eine Gewehrkugel die Rückscheibe des Wagens durchschlug, nachsah, was im Inneren des Autos so vor sich ging, und es durch die Windschutzscheibe wieder verließ. Weitere Patronen, die offenbar der ersten Kugel nicht zutrauten, den ihr aufgetragenen Job zufriedenstellend zu erledigen, folgten ihrem Beispiel.
Glassplitter verteilten sich im Auto. Metall riss außen am Auto. Andere Wagen verteilten sich um das Auto.
»Scheiße«, kommentierte Tim die Situation richtig und zog seine Waffe. Er sah Matthias an. »Was willst du jetzt mit einem Messer anstellen?«
Matthias zog ein Messer und sah Tim an. Er nahm Maß und warf das Messer. Es wirbelte durch den Wagen, an Tims Ohr vorbei, durch das zerschossene Fenster und blieb in der Stirn eines Mannes stecken, der im Auto nebenan gerade mit einem Gewehr auf Tims Hinterkopf zielte. Der Mann sackte zusammen, das Gewehr fiel aus seinen Händen aus dem Fenster. Ein Schuss löste sich und zerfetzte einen Hinterreifen des fahrenden Wagens. Der Fahrer verlor die Kontrolle und der Wagen geriet ins Schleudern. Er traf noch ein mal das Heck von Hannahs Fahrzeug, dann driftete er von der Bahn ab und überschlug sich mehrmals, bevor er in Flammen aufging.
Tim nickte anerkennend. »Cool. Wie im Actionfilm«, sagte er und begann, mit seiner Waffe auf die umliegenden Fahrzeuge zu schießen.

Hannah lenkte das Auto um Häuserecken, vorbei an Bushaltestellen und durch den Gegenverkehr. Die Verfolger stießen an Häuserecken, fuhren durch Bushaltestellen und zerlegten den Gegenverkehr. Es war offensichtlich, dass Hannah die bessere Autofahrerin war. Tim schoss Magazine leer. Matthias hob einen Koffer aus dem Kofferraum auf den Rücksitz.
»Was hast du vor?« Tim wechselte das Magazin in seiner Waffe.
»Ich habe noch jede Menge Messer dabei.« Matthias öffnete den Koffer und schaute hinein. »Verdammt, das ist der Falsche.«
Einer der Verfolger entschied, dass dies der richtige Moment war, um die Verfolgten mal ordentlich zu rammen. Carlos wollte das schon immer mal machen, hatte bisher aber nie die Gelegenheit dazu gehabt. Diese Chance wollte er sich nicht entgehen lassen. Er riss das Lenkrad rum.
Das kratzige Quietschen von aneinanderreibendem Metall, wie ein Hahn auf der Suche nach einem Hustenbonbon ertönte, als die Kotflügel der Wagen aufeinanderprallten. Die Insassen beider Fahrzeuge wurden durchgeschüttelt, wie die Würfel vor dem Wurf aus dem Würfelbecher. Der Koffer mit den kleinen, weißen Paketen hob ab und flog durch das Auto. Umherfliegende Kugeln mischten sich unter die Beutel, zerfetzten ihr äußeres und verteilten das Kokain im Auto. Wie ein undichter Mehlbeutel drang aus allen Öffnungen des Autos weißes Pulver und hüllte den Wagen in eine Wolke.

Hannah lehnte sich so weit wie möglich über das Lenkrad, um näher an der durchlöcherten Windschutzscheibe zu sein. Es half nicht dabei, die Straße besser zu erkennen. Die »Schneewolke« im Auto hüllte das Innere in dichten Nebel und versperrte jede Sicht. Das Husten und Fluchen von der Rückbank deutete darauf hin, dass von dort keine Hilfe zu erwarten war. Hannah trat auf die Bremse und öffnete die Fahrertür.

Carlos grinste zufrieden. Seine erste Rammattacke war ein voller Erfolg gewesen. Nun wollte er es zu Ende bringen. Nun gut, das Koks war weg, daran konnte man nichts mehr ändern. Aber das Karambolagerennen war noch nicht beendet, wenn es nach ihm ging. Er schaute zu dem Auto rüber, das geparkt mitten auf einer Kreuzung stand. Eine Frau sprang aus dem Auto. Sie durfte nicht entkommen. Mit einem Finger gab er seinen Mitfahrern ein Zeichen. Unter den Mitgliedern des organisierten Verbrechens waren selten viele Worte nötig. Ein Fingerzeig reichte aus, um zu verstehen zu geben, dass seine Beifahrer sich das Mädchen holen sollten, während er sich um den Rest kümmerte und sie anschließend zusammen was essen gehen würden und wenn sie besonders erfolgreich waren, gab es vielleicht sogar ein Glas Wein. Seine Beifahrer verstanden den Fingerzeig, stiegen aus und verfolgten die Frau, die sich von dem vollgepulverten Wagen entfernte.
Carlos trat aufs Gaspedal, um das Auto und seine restlichen Insassen endgültig zu erledigen.

Matthias wischte weißes Pulver von seiner Hose und sah Tim an, der mit schneeweißen Händen in seinem schneeweißen Gesicht rumfummelte.
»Scheiße«, sagte Tim, »meine Augen brennen von dem Zeug.« Er öffnete die Augen und blinzelte. »Das ist besser.« Er riss die Augen auf, als er einen Kühlergrill schnell herannahen sah. Geistesgegenwärtig hob er die Waffe in seiner Hand und betätigte mehrmals hintereinander den Abzug.

Carlos schrie erfreut, als er mit Vollgas auf den anderen Wagen zufuhr. Das machte viel mehr Spaß, als das ständige Verhören und Foltern von Leuten, die beim Kartell in Ungnade gefallen waren. Er beschloss, öfter die Gefangenen zum Schein frei zu lassen, um sie dann mit dem Auto verfolgen zu können. Der Aufprall stand kurz bevor. Er zog mit der rechten Hand an seinem Gurt. Er saß fest. Ihm sollte nichts passieren, so lange der Airbag seinen Dienst erfüllte. Nur noch wenige Sekunden. Carlos spürte, wie das Adrenalin ihm aus allen Poren zu sprühen drohte, wie Wasser aus einem Schwamm. Ein Klirren lenkte ihn ab. Ihm fiel ein Loch in der Windschutzscheibe auf. Es war zuvor nicht da gewesen. Ein weiteres kam dazu. Und ein drittes. Jedes mal von einem Klirren und einem Rauschen unterstützt. Carlos brauchte einen Moment, bis er registrierte, dass ihm Pistolenkugeln um die Ohren surrten, wie ein Schwarm Kolibris im Sturzflug. Carlos duckte sich unter das Armaturenbrett, was ihn allerdings daran hinderte zu sehen, wo er das durchlöcherte Vehikel hinsteuerte.

Hannah entfernte sich leicht benebelt vom Auto. Ein Drogenrausch war das Letzte, was sie momentan gebrauchen konnte. Sie war sich recht sicher, dass Kokain seine Wirkung nicht durch simples Einatmen voll entfachte. Sie war keine Expertin, was Drogenkonsum betraf, aber wies ein Talent auf, sich in Dinge reinzusteigern. Ihr Arm schien taub zu werden. Sie blieb stehen und streichelte mit der Hand ihren scheinbar tauben Arm. Eine weitere Hand packte sie an der Schulter und ein kalter Gegenstand presste sich in ihren Rücken.
Hannah schloss die Augen. Das Schlimmste erwartend. Ein Rauschen ertönte. Sie überlegte, ob der Tod vielleicht von einem lauten Dröhnen begleitet wurde, um einen davon abzulenken, dass gleich die Lichter ausgehen. Das Rauschen wurde lauter. Ein lautes Hämmern gesellte sich dazu. Hannah wartete darauf, dass ihr Leben an ihr vorbeizog. Sie wartete vergeblich, was sie nicht sehr überraschte. Viel Aufregendes gab es ohnehin nicht zu sehen. Das Rauschen dröhnte so laut, dass ihre Ohren schmerzten. Anschließend wurde alles schwarz.

Tim und Matthias krochen aus dem Wagen und atmeten tief die kalte, kokainfreie Luft ein. In der Nähe lagen drei reglose Gestalten am Boden. Zwei Männer im teuren, aber zerrissenen Anzug und eine Frau in Jeans und Top. Etwas weiter qualmte ein Auto vor sich hin, das sich einer Hauswand etwas zu schnell genähert hatte.
Hannah hustete und setzte sich auf. Sie schaute sich die Männer an, die neben ihr lagen. Offensichtlich hatte sie das Glück gehabt, das der heran rauschende Wagen die Männer zuerst erwischte und sie den Aufprall gedämpft hatten. Sie sah die beiden Jungs an, die mit leichten Blessuren beim Auto standen. Sie drehte sich um und betrachtete das qualmende Vehikel, das von der Hauswand gestoppt worden war. Neben ihr lag eine Waffe. Der Mann im Anzug würde sie nicht mehr brauchen. Sie stand auf und stolperte zu den Jungs herüber. In der Ferne ertönten Sirenen. Es war klar, wem dieses Geräusch galt.
Matthias griff sich einen Koffer aus dem Kofferraum des vollgepulverten Wagens. Tim lud seine Waffe durch. Still stimmte man darin überein, dass es Zeit war, zu verschwinden.

Schnee fiel leise auf eine Holzhütte zwischen Tannenbäumen, deren Zweige sich unter dem Gewicht des pappigen Niederschlags nach unten bogen. Rauch stieg aus dem gemauerten Schornstein an der Seite der Hütte auf. In der Ferne bog ein Auto von der Straße auf einen Waldweg ab und rollte langsam durch den Schnee in Richtung des Rauchs.

Matthias warf einen Holzscheit in die Flammen, die im Kamin umeinander schlängelten, wie Regenwürmer im Komposthaufen.
»Wie lange müssen wir uns noch den Arsch hier draußen abfrieren?« Tim saß mit verschränkten Armen auf einem Stuhl und begutachtete eine Tasse mit dampfenden Inhalt.
»Wenn wir nicht angehalten hätten, damit du deinen Namen in den Schnee pissen und einen Bullen umnieten kannst, wären wir vielleicht schon an einem Strand und ließen uns Cocktails von Hulamädchen bringen.« Matthias warf einen weiteren Scheit in die Flammen.
»Also ist es jetzt meine Schuld?«
»Lass es mich so ausdrücken: Die Idee, dem Drogenkartell den ›Schnee‹ zu klauen, um damit reich zu werden, war von Anfang an völlig bescheuert.«
»Alleine durch die Tatsache, dass du es ›Schnee‹ nennst, wirst du nie ein großer Drogendealer werden.«
»Ich will auch gar kein Drogendealer werden. Ich wollte das Geld einsacken und mit euch irgendwo auf einer Insel eine schöne Zeit verbringen.«
Tim lachte. »Du dachtest doch nicht, dass wir durch einen Verkauf so reich geworden wären, dass wir uns keine Sorgen mehr hätten machen müssen.«
Matthias schwieg.
Tim schüttelte den Kopf. »Mir ist kalt. Ich gehe ins Bett.« Tim stand auf und schlenderte durch den Raum, um durch eine Tür zu verschwinden, hinter der ein Bett stand, in dem Hannah lag.
»Viel Spaß ihr Turteltauben. Ich gucke dann so lange dem Schnee im Fernseher zu.« Matthias warf eine Fernbedienung in die Ecke.
Tim schlug die Tür zu.

Ein Baum lag quer auf dem Weg und hinderte das Auto am Weiterfahren. Carlos stieg aus und fluchte. Sein Plan, mit Vollgas in die Hütte zu fahren, würde nicht aufgehen. Er brauchte eine neue Idee. Seine Waffe war geladen und entsichert. Er stieg über den Baumstamm und folgte dem Weg zur Hütte.

Matthias versuchte sich abzulenken, indem er seine Messer putzte. Aus dem Nebenraum drangen Gesprächsfetzen an sein Ohr. »Scharf, Handschellen« und »ja, tanz für mich« waren die harmloseren Beispiele, die er versuchte zu ignorieren. Die Schneeflocken vor dem Fenster wurden dicker. Matthias hasste den Winter, aber momentan war jeder Schneehügel, der sie von der Außenwelt abschnitt positiv. Schließlich wurde so auch die Außenwelt von ihnen abgeschnitten.

Die Außenwelt stapfte in Form von Carlos durch den zugeschneiten Wald. Er erreichte die Lichtung, in deren Mitte die Hütte stand, als würde der Wald ihr gehören. Im Schutz der Bäume spähte Carlos das Gelände aus. Er erwartete keine Gegenwehr. Man würde ihn sicher nicht erwarten. Er hielt die Waffe vor sich und schlich zur Hütte.

Matthias hatte alle Messer geputzt. Die Klingen lagen ordentlich im Koffer. Matthias schloss den Koffer. Die Tür zur Außenwelt flog auf. Matthias blickte auf die Mündung einer Waffe, aus der sich eine Kugel schnell auf ihn zubewegte. Matthias hob den Koffer vom Tisch und hielt ihn zwischen sich und die Patrone. Die nachfolgenden Schüsse abzuwehren gestaltete sich als schwieriger, da der Bewegungsfreiraum unter einem Tisch arg eingeschränkt ist. Matthias spürte Schmerzen im Bein. Eine der Kugeln hatte sich in seine Wade gebohrt. Panisch öffnete er den Koffer und warf mit Messern um sich.

Hannah saß auf Tim als die Schüsse aus dem Nebenraum die beiden aus ihrer zärtlichen Stimmung riss. Hannah sprang vom Bett, zog ein Shirt an und lud die Waffe durch, die sie einem der Verfolger vor einiger Zeit in der Stadt abgenommen hatte. Sie hielt die Pistole hoch. Tim blickte über seinen »Schlauch« hinweg zur Tür, als Hannah diese aufriss, um in den Nebenraum zu feuern. Stattdessen kam etwas durch die Tür hereingeflogen. Ein Schrei folgte und zeugte davon, dass Matthias keinen Grund mehr hatte, auf Tim neidisch zu sein.

Schmerzensschreie aus beiden Räumen. Hannah presste sich an die Wand und atmete schnell ein und aus. Tim wimmerte auf dem Bett und blutete die Laken voll. Aus dem Augenwinkel sah Hannah Matthias, der unter dem Tisch lag und sich nicht bewegte. Es war nicht festzustellen, ob er noch lebte. Und auch nicht ob der Angreifer noch da war.
Hannah atmete mehrmals tief ein. Dann lief sie durch die Tür und eröffnete das Feuer.

Carlos zog das Messer aus seiner Hüfte und ein Schwall Blut ergoss sich auf den Bretterboden. Ein roter Bach floss durch die Rillen zwischen den Brettern zur Tür, aus der gerade eine Frau herausstürmte und wie eine Irre blind in den Raum schoss. Carlos hob seine Waffe und drückte den Abzug. Nur ein Klicken ertönte.

Hannah drehte sich um, als das Klicken hinter ihr auf den »Feind« hindeutete. Eine scharfe, kalte Klinge schnitt ihr in den Arm. Sie ließ die Waffe fallen und hielt sich die Wunde, aus der Blut tropfte. Der Angreifer stand mühsam auf und blickte auf die Pistole, die neben Hannah lag. Hannah bückte sich nach der Waffe, der Angreifer lief los, so schnell es seine Verletzung zuließ. Hannah hob die Pistole. Carlos stürzte sich auf Hannah. Ein Schuss hallte durch die Hütte. Carlos streckte Hannah nieder. Beide fielen auf den Boden und blieben reglos liegen.

Hannah schob Carlos von sich runter und sah ihm ins Gesicht. Das Loch auf der Stirn verriet, dass er ihr nicht mehr gefährlich werden würde. Hannah setzte sich auf und hielt sich die schmerzenden Rippen. Der Zusammenprall war wohl härter, als sie gedacht hatte. Sie tastete die Seite ihres Körpers ab und fand einen harten Gegenstand. Sie blickte an sich herunter und sah die Klinge, die ihr der Angreifer offensichtlich zugesteckt hatte. Hannah atmete schwer. Aus der Tasche des Angreifers hing ein Schlüssel. Sie griff zu und hievte sich schwerfällig auf die Beine. Sie stolperte langsam zur Tür und verließ die Hütte. Unter Schmerzen kämpfte sie sich durch die Kälte und färbte mit ihrem Blut den Schnee.

Auf der Suche nach dem ersten Blogpost #3

Zu Teil 2

Suche nach Blogpost

Ich sollte die Zeit nutzen um am Blog zu arbeiten, oder etwas brauchbares zu Papier zu bringen. Stattdessen tue ich das, was ich am besten kann und surfe ziellos im Internet, das ich bei einem Nachbarn anzapfe ohne das er davon wüsste – oder es stört ihn einfach nicht. Ich stoße auf einen Artikel über Entführungen hier in der Stadt. Von einer Serie ist die Rede. Erst vor wenigen Tagen gab es ein neues Opfer. Die Verschwundenen sind nie wieder aufgetaucht. Ich hatte am Rande davon gehört, aber ich befasse mich nicht mit so etwas. Es passiert zu viel Scheiße auf der Welt. Wenn man das an sich ran lässt, kann man sich nur noch die Kugel geben. Und ich kann mir keine Kugel leisten.
Fey löst mich mit einem Klopfen an der Tür aus dem Wirrwarr von Informationen die mich im Leben kein Stück weiter bringen werden und wir brechen auf um den Zeugen zu befragen.
Wenn jemand neu in einem Ort ist kann man davon ausgehen, dass er sich wie ein Tourist verhält.
Fey bestaunt die Fußgängerzone als hätte sie noch nie Kopfsteinpflaster voller Taubenscheiße gesehen.
»Wirklich beeindruckend.«
»Was?«
»Was die Menschen in der Lage sind zu erschaffen.«
»Menschen sind in erster Linie in der Lage alles zu zerstören, was von anderen geschaffen wurde. Eigentlich sind sie mit nichts anderem beschäftigt.«
»Wo ich herkomme gibt es sowas imposantes nicht.«
Mich beschleicht das Gefühl, dass sie für eine Reporterin wenig rumgekommen ist.
»Die Welt ist im Wandel!« Auf einer Kiste steht eine schöne Frau, gehüllt in eine Federboa, und wedelt wild mit den Armen. Sie zeigt auf die vorbeilaufenden Passanten und erzählt ihnen was die Zukunft ihrer Meinung nach für diese bereit hält. Es ist eine Aneinanderreihung von Tragödien.
»Ich schätze die Population der Stadt nimmt bald rapide ab«, sage ich und verdrehe die Augen.
»Du wirst große Qualen erleiden«, ruft die Frau und deutet mit dem schwarz lackierten Fingernagel ihres krummen Zeigefingers auf mich.
»Ich glaube nicht an das Schicksal«, sage ich.
»Aber das Schicksal glaubt an dich.«
»Gut. Wenigstens etwas, das an mich glaubt.« Ich zünde mir eine Zigarette an.
»Das ist nicht gut für dich.« Feys Besorgnis scheint echt zu sein.
»Wenn ich der komischen Tussi da glauben darf bin ich sowieso nicht mehr zu retten«, beruhige ich sie.
»Du solltest alles etwas ernster nehmen. Du hast schließlich nur ein Leben.«
»Ja, ich weiß. Und so scheiße wie das ist, will ich auch gar kein Zweites haben.« Ich ziehe an der Zigarette und huste laut vor mich hin, während wir weiter gehen.
»Wo wohnt dieser Zeuge eigentlich?«
»Zeugin.«
»Okay, wo wohnt diese Zeugin eigentlich? Ist es noch weit? Ich habe Durst. Vielleicht sollten wir nen kurzen Abstecher in eine Kneipe machen.«
»Es ist nicht mehr weit. Sie wohnt im Wald vor der Stadt.«
»Im Wald? Was für eine Bekloppte wohnt denn im Wald? Ich dachte immer da wohnen nur Rehe und verwirrte Drogenopfer.«
»Sie mag vielleicht das Stadtleben nicht.«
»Mag ich auch nicht, aber deshalb zieh ich doch nicht direkt ins dichteste Gestrüpp, das die Umgebung zu bieten hat.«
»Wo würdest du denn gerne wohnen, wenn es dir hier nicht gefällt?«
»In einem Dorf auf dem Land. Da wo ich aufgewachsen bin. Das Stadtleben ist mir zu hektisch und die Leute hier sind alle Arschlöcher. Noch nicht mal grüßen tun die hier.« Ich gehe auf einen Passanten zu, der uns entgegen kommt. »Guten Tag«, begrüße ich ihn. Der Passant sieht mich komisch an, als wäre ich ein entlaufener Massenmörder und geht weiter. »Dann verpiss dich halt du Arsch!«, rufe ich ihm hinterher. Er dreht sich nicht mal um. »Unfreundliche Sackgesichter hier.«
»Du bist auch nicht der netteste Mensch im Moment«, stellt Fey ihre Eindrücke von mir fest.
»Ich weiß. Die Stadt hat mich auch versaut. Vielleicht geht es mir gleich besser, wenn wir in dem Kackwald sind.«
Der Wald ist ein Dickicht von dem man nicht mal annehmen sollte, dass so etwas so nahe an einer Stadt überhaupt noch existiert. Im Normalfall hätten wir inmitten einer Ansammlung von Reihenhäusern gestanden, aber offenbar hat man die Besiedlungsmöglichkeiten dieses Stücks unberührter Natur noch nicht erkannt. Oder der Bulldozer, der die Bäume wegreißen soll, ist kaputt.
Ich halte die Verfluchungen des matschigen Bodens zurück, während ich mich darauf konzentriere nicht auf die Fresse zu fallen. Fey scheint der rutschige, unebene Untergrund nichts auszumachen. Sie springt wie ein junges Reh über die Wurzeln und Äste hinweg, als hätte sie nie etwas anderes gemacht.
»Bist du nebenbei noch Försterin, oder sowas?«
»Warum?«
»Du scheinst in der offenen Natur gut zurecht zukommen.«
»Bevor ich in die Stadt kam, habe ich sehr viel Zeit in der Natur verbracht.«
»Bist du ein Hippie?«
Sie sieht mich fragend an.
»Vergiss es.« Ich stolpere weiter. »Da vorne ist eine Hütte. Wohnt da die Zeugin?«
Ich zeige auf eine heruntergekommene Bruchbude, die aussieht als wurde sie von einem Einarmigen zusammengezimmert, der seinen Hammer verlegt und als Ersatz einen Baseballschläger genutzt hat. Die Bretter der Hütte sind kreuz und quer aneinander genagelt. Die dreieckigen Fenster eingeschlagen. Rauch steigt aus einem rostigen Rohr auf dem löchrigen Dach auf.
»Fey«, sage ich, »ich glaube nicht, dass diese Zeugin in irgendeiner Art und Weise hilfreich oder auch nur ansatzweise zurechnungsfähig ist. Hältst du es wirklich für eine gute Idee, da rein zu gehen?«
»Was kann schon passieren?«
»Nun ja, ein Windstoß könnte die wackelige Bruchbude umblasen während wir drin sind.«
»Wir bleiben ja nicht lange. Komm schon.«
Wir bleiben nicht lange heißt in meiner Welt: Wir kommen erst nach qualvoll langen und langweiligen Stunden wieder aus der Hütte raus. Ich seufze und stelle mich auf einen langen Tag ein, als ich Fey sanft durch die Tür in die Hütte schiebe. Sie dreht den Kopf und lächelt. Scheinbar habe ich mal etwas richtig gemacht. Muss ich es wohl später mit ihr versauen, wie ich es immer tue.
Das Innere der Hütte passt zum Äußeren. Mit dem Unterschied, dass hier zusätzlich zu den willkürlich vernagelten Brettern ein Haufen Möbel genau so willkürlich in den Räumen verteilt steht. Normale Leute richten ihre Möbel nach etwas aus. Dem Fernseher. Dem Fenster. Von mir aus einem Bild an der Wand. Hier passt nichts zusammen. Jeder wackelige Stuhl, jeder verstaubte Sessel, jedes zerrissene Sofa bietet eine hervorragende Gelegenheit, die gammelige Wand anzustarren.
Jemand betritt den Raum und sieht uns wenig überrascht an.
»Da seid ihr ja endlich«, sagt die Gefiederte aus der Fußgängerzone, die den Untergang der Menschheit prophezeit hat.

FORTSETZUNG FOLGT IN TEIL 4

Auf der Suche nach dem ersten Blogpost #2

Zu Teil 1

Suche nach Blogpost

Selbst wenn man niemals Besuch kriegt, kann man sich auf eine Sache ganz sicher verlassen: Wenn eine Leiche im Wohnzimmer liegt, kommt jemand vorbei.
Hinter der Tür steht Fey. Eine junge Frau, die vor wenigen Tagen in die Wohnung gegenüber eingezogen ist. Unsere Bekanntschaft beschränkt sich auf ein Aufeinanderprallen im Treppenhaus, bei der ich ihr auf den Fuß getreten bin. Sicher, dass sie mich für immer hassen wird, verschwand ich in meiner Wohnung und sah ihr durch den Türspion zu, bei dem mehrminütigen Versuch, ihre Wohnungstür aufzuschließen. Nach etwas Gefluche, das wohl nicht nur der Tür galt, sondern auch dem schmerzenden Fuß und dem Vollidioten, der gegenüber wohnt, gelang es ihr, in ihre Wohnung zu humpeln.
Um so überraschter bin ich, sie jetzt vor mir zu sehen. Ich stelle mich auf eine wütende Rede, oder eine Ohrfeige ein. Zu meiner Überraschung bleiben die vermuteten Aggressionen aus. Sie lächelt mich an. Ein Strahlen geht von ihr aus. Ich schiele an ihr vorbei zu dem Fenster im Flur, um zu kontrollieren, ob sie von der Sonne angestrahlt wird und deshalb zu glänzen scheint. Draußen hängen schwarze Wolken am Himmel und lassen kaum Licht durch. Ich schaue sie fragend an.
»Du fragst dich sicher, warum ich hier bin«, sagt sie.
»Auch«, antworte ich wahrheitsgemäß und suche weiter nach der Quelle des Schimmerns.
»Ich kenne niemanden hier«, sagt sie.
Ich verzichte auf weitere Untersuchungen der Erhellung und konzentriere mich darauf, ihr zuzuhören, da mir schon bei ihrem zweiten Satz droht, dass ich den Faden verliere.
»Hm«, sage ich, da mir gerade nichts besseres einfällt. Ich fühle mich direkt wie ein Trottel. So ist es immer, wenn ich mich mit hübschen Mädchen unterhalte. Mein Gehirn schaltet sich plötzlich ab und ich stammel vor mich hin, auf der Suche nach einem intelligenten Satz. Mir fiel bis heute nie einer ein, egal wie lange das Gespräch gedauert hat.
Sie starrt mich an und denkt bestimmt daran, schnell wieder zu gehen und mit jemandem zu reden, der kein Idiot ist. In völliger Verzweiflung bitte ich sie herein. In die Wohnung mit der Leiche auf dem Teppich, die ich für einen Moment komplett vergessen habe. Mein Gehirn hat beim Abschalten ganze Arbeit geleistet. Sie lehnt das Angebot glücklicherweise ab und erzählt mir, dass sie Reporterin ist und später einen Zeugen in einer interessanten Story, an der sie gerade arbeitet, aufsuchen will. Sie sucht jemanden, der sie zum Schutz begleitet. Und da sie niemanden sonst hier kennt, fragt sie mich.
Mich auf meine Ehre als Beschützer aller Frauen berufend, sage ich zu. Um genau zu sein, sage ich nur zu, weil sie ein hübsches, nettes Mädchen ist, aber etwas Ehre ist vielleicht trotzdem unterbewusst im Spiel.
Sie geht zurück in ihre Wohnung. Das Strahlen verschwindet mit ihr. Ich sehe mich noch mal im Flur um, dann schüttele ich den Kopf und denke nicht weiter darüber nach. Manche Dinge überfordern meinen Verstand einfach, also warum Zeit damit verschwenden.
Ich gehe zurück in meine Bruchbude. Wie das Strahlen im Flur, ist auch die Leiche im Wohnzimmer verschwunden. Nur ein roter Fleck auf dem Teppich ist zurückgeblieben. Ich suche die Wohnung ab. Nick ist nicht auffindbar. Und auch kein Teppichreiniger.

FORTSETZUNG FOLGT IN TEIL 3