Auf der Suche nach dem ersten Blogpost #13

Zu Teil 12

Ich schaue Fey verdutzt an. »Warum sollte ich den Weg kennen? Bis vor Kurzem wusste ich nicht mal, dass diese Kackhöhle existiert.«

»Stimmt. Mein Fehler.«

Ich bin sicher, dass sie mir mal wieder nur die Hälfte erzählt, weil sie mehr nicht verraten darf oder will. Aber ich werde mich später damit befassen. Momentan ist mein Primärziel, diese eklige Höhle zu verlassen.

»Also, wie kommen wir jetzt wieder hier raus?«

»Es ist ein Labyrinth«, sagt Fey und beantwortet damit alles, nur nicht meine Frage. Nun ja, und eigentlich auch sonst nichts, was nicht ohnehin völlig offensichtlich wäre. »Wir hätten uns den Weg markieren können.«

»Hätten wir, ja. Wir hätten auch einfach mit dem Arsch zu Hause bleiben können. Aber ›hätte‹ bringt uns jetzt nicht wirklich weiter, oder?« Ich klinge etwas aggressiver, als ich es will. Immerhin sehe ich in der Dunkelheit nicht Feys Reaktion und fühle mich deshalb nur halb so schlecht, wie ich es sollte. Ich mag die Dunkelheit und den Geruch und den Bodenbelag und überhaupt alles in der Höhle ganz und gar nicht.

Fey fasst mich an den Schultern. Direkt vor mir kann ich ihre glänzenden Augen erkennen, die selbst in dieser Düsternis nicht ihre Anziehungskraft verlieren.

»Schließe deine Augen«, sagt sie. Ich tue es. »Konzentriere dich«, sagt sie. Ich versuche es. »Weise uns den Weg«, sagt sie. Ich scheitere.

Ich kapiere nicht, was sie meint. Ich kenne den Weg nicht. Woher auch.

»Wenn du dich konzentrierst, wirst du den Weg finden.« Fey meint es offensichtlich ernst.

Ich versuche es erneut. Mit geschlossenen Augen – was ohnehin keinen Unterschied macht – taste ich mich durch die Dunkelheit. Ich konzentriere mich auf meine Umgebung. Ich stelle mir vor, wie ich meine Sinne schärfe. Ich lausche nach wegweisenden Gräuschen. Es sind keine da. Ich warte auf einen Luftzug, den ich auf meiner Haut spüre, der mir zeigt, wo der Ausgang sein könnte. Es kommt keiner. Ich rieche nach verdächtigen Gerüchen. Das war ein Fehler. Ich huste und atme lieber durch den Mund weiter.

»Das kannste vergessen«, keuche ich hervor.

Fey seufzt. »Gibst du immer so schnell auf?«

»Du hast doch gesehen, wie ich lebe, oder? Meinst du diesen unfassbar hochwertigen Lebensstil könnte ich mir leisten, wenn ich schnell aufgeben würde?«

»Du hast doch gar keinen hochwertigen Lebensstil.«

»Die Sache mit dem Sarkasmus muss ich dir wohl doch noch mal genauer erklären.«

Es ist einer dieser Momente, in denen man einfach nur einmal tief einatmen will, um dann »scheiß drauf« zu sagen, das Mädchen bei der Hand zu nehmen und sich ins Abenteuer zu stürzen. Ich atme tief ein, sage »scheiß drauf«, suche nach Feys Hand, fingere versehentlich an anderen Körperstellen herum, bevor ich ihre Finger zu fassen kriege und entschuldige mich, bevor ich mich mit ihr ins Abenteuer stürze.

»Ich führe uns hier raus«, sage ich entschlossen, »und wenn es das Letzte ist, was ich tue.« Ein lahmer Spruch, ich weiß. Aber manchmal fällt einem einfach nichts besseres ein, wenn man in einer dunklen versifften Höhle rumsteht.

Eine gefühlte Ewigkeit schleife ich Fey durch das Labyrinth. Ich bin bereit tatsächlich aufzugeben, als ich aus den Augenwinkeln einen Lichtschein erkenne. Es ist nur ein Schimmern und es ist nur für den Bruchteil einer Sekunde zu sehen, aber es ist ein Ziel.

Das Licht stammt von einer Fackel, die an der Wand hängt. Sie ist erloschen, aber noch warm. Einige Meter weiter hängt noch eine Fackel. Die Flammen versuchen sich verzweifelt am Leben zu halten, aber sie haben keine Chance.

»Wir sollten diesen Fackeln folgen, bevor sie erlöschen«, sage ich.

Fey widerspricht nicht. Offenbar habe ich zum ersten Mal seit … immer, eine gute Idee.

Er sieht aus wie einer dieser muskulösen, tätowierten, am ganzen Körper mit Piercings behangenen Rockstartypen, die man unweigerlich zum kotzen finden muss, weil sie rüberkommen wie eingebildete Arschlöcher, die tatsächlich meinen, dass die Weiber, die sie jeden Abend flachlegen, sich für sie und ihre Kackmusik interessieren. Aber er ist anders. Er ist kein Musiker. Und er weiß, dass ihn alle hassen. Aber es ist ihm scheißegal. Ich respektiere so eine Einstellung und mag ihn sofort. Obwohl er ein Arschloch ist.

Er stochert mit einem glühenden Schürhaken in einem Feuer herum und hält die heiße Spitze nah an seinen übergroßen Nasenring, von dem aus eine Kette in seine Hose verläuft. Ich bin unendlich froh, dass er eine Hose an hat.

»Ihr habt euch Zeit gelassen«, sagt er und legt den Schürhaken auf einen Amboss. »Nochmal hätte ich die Fackeln nicht angezündet.«

FORTSETZUNG FOLGT IN TEIL 14

Auf der Suche nach dem ersten Blogpost #12

Zu Teil 11

»Du hättest mir wirklich mal was sagen können«, sage ich zu Fey, während wir uns vom Zirkusplatz entfernen.

»Tut mir leid. Ich konnte dir nicht mehr sagen.« Sie tupft mit einem Lappen an meinem Gesicht herum und küsst mich auf die Wange. Ich nehme die Entschuldigung an.

»Also gut«, ich zünde mir eine Zigarette an, um meine Nerven zu beruhigen, »wie geht es jetzt weiter?«

»Ich schätze, wir müssen Nick suchen und ihn irgendwie einfangen, oder sowas.«

»Einsperren ist eine gute Idee. Aber wie?«

»Ich denke, wir sollten in das Labyrinth gehen«, sagt sie.

»Weil das immer eine gute Antwort ist, oder hat das einen besonderen Grund?«

»Der Minotaurus wird uns helfen können.«

 

Die Erkenntnis, dass ich aus gutem Grund nie in einem Ruderboot gesessen habe, manifestiert sich, als ich mit Fey über einen See zu einer kleinen Insel paddel. Wir wären wohl eher angekommen, wenn ich nicht eine Viertelstunde damit verbracht hätte, das Boot mit einem Paddel auf dem See im Kreis zu drehen bevor ich heraus finde dass man so nicht wirklich voran kommt.

Die Insel ist nicht gerade ein tropisches Paradies. Offensichtlich hat jeder Bewohner der Stadt mindestens ein Mal seinen Schrott hier abgeladen. Zwischen verwelkten Sträuchern und toten Bäumen liegen alte Autoreifen, Müllbeutel und eine rostige Badewanne.

»Paradiesisch«, sage ich. »Wo ist das Labyrinth?«

Fey schaut sich um und zeigt in eine Richtung in der ich nichts sehe, außer alten Ramsch und Müllberge. Ich folge ihr, da sie offenbar mehr sieht, als ich. Irgendwo hinter dem ganzen Plunder versteckt sich ein Höhleneingang, der ungewöhnlich sauber, aber gewöhnlich uneinladend aussieht.

»Bist du sicher, dass wir da rein gehen wollen?« Ich habe eine Abneigung gegen gammelige Höhleneingänge, aus denen ein Geruch weht, als hätte darin ein Massenmörder seine Opfer in einer Jauchegrube versteckt.

»Du kannst hier drau0en warten, wenn du willst.«

»Und dich alleine in die dunkle Todeshöhle schicken? Würde ich tun, aber mein ausgeprägter Kavalierssinn hindert mich daran.« Ich betrete die Höhle und atme durch den Mund weiter. »Und er sorgt dafür, dass ich sogar vorgehe.«

»Mein strahlender Held.« Fey grinst mich glücklich an.

»Toll. Du hast den Sarkasmus für dich entdeckt. Ab jetzt bin ich offiziell komplett in dich verknallt.« Ich gebe ihr einen Kuss, um zu beweisen, dass ich auch mal die Initiative ergreifen kann. Dann gehe ich entschlossen weiter in die Dunkelheit.

Kurz darauf erschrecke ich mich vor meinem eigenen Schatten und lasse Fey vorgehen, die sich in der Finsternis besser zurecht zu finden scheint. Offenbar haben Feen bessere Augen als daueralkoholisierte Vollidioten.

Die Höhle ist feucht, muffig und dunkel. Der Boden knirscht bei jedem Schritt. Steiniger Boden sollte nicht knirschen. Ich will gar nicht wissen, worauf wir gerade herumlaufen. Fey denkt nicht darüber nach. Sie scheint wie üblich einfach über den Boden zu schweben und alle Sorgen, die vor ihr liegen, bereits hinter sich gelassen zu haben. Ich suche in meiner Hosentasche nach meinem Feuerzeug, da sich der dämliche Gedanke in meinem Kopf festgesetzt hat, herausfinden zu müssen, was da auf dem Boden liegt. Es ist wahrscheinlich ein glücklicher Zufall, dass ich mein Feuerzeug offenbar zu Hause vergessen habe.

Wir irren scheinbar ewig durch dunkle Gänge. Ich taste mich hinter Fey her, die einem Weg folgt, den nur sie sieht. Zumindest nehme ich das an. Nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit des Umherirrens frage ich sie, wie lange wir noch durch die stinkige Höhle stolpern müssen.

»Weiß ich nicht«, ist ihre ehrliche Antwort. Sie bleibt stehen und ich pralle in der Finsternis mit ihr zusammen. Sie bleibt unbeeindruckt an Ort und Stelle. »Du kennst doch den Weg.«

Ich gucke doofer als je zuvor. Zum Glück sieht mich in der Finsternis niemand.

FORTSETZUNG FOLGT IN TEIL 13