Weggelesen oder weggelegt – Dumas, Pratchett, Gaiman, Schaefer

Als Autor sollte man nicht nur schreiben, sondern vor allem auch lesen. Das kommt bei mir insgesamt zwar leider zu kurz, aber zumindest ein paar Seiten jeden Tag versuche ich schon unterzukriegen. Das geht mal besser und mal schlechter voran. Wie bei allem anderen gibt es eben Bücher, die einen wirklich packen und solche, die eher zur Qual werden. Und als Autor hat man vielleicht auch nochmal einen anderen Blick auf die Geschichten und wird von Dingen abgeschreckt, die dem „normalen“ Leser vermutlich gar nicht so sauer aufstoßen. Hier ein kleiner Überblick, was ich in letzter Zeit so gelesen habe:

WEGGELESEN

TERRY PRATCHETT & NEIL GAIMAN – EIN GUTES OMEN

Da bald die Serie kommt, habe ich das Buch nach Ewigkeiten mal wieder aus dem Regal gezogen. Außerdem war es auch so eine Art Recherche. Als ich es vor vielen Jahren das erste Mal las, kam mir nämlich eine Idee zu einem Roman um die apokalyptischen Reiter. Den ersten Entwurf habe ich im letzten Jahr dann endlich mal geschrieben und wollte mich jetzt davon überzeugen, dass ich nicht unbewusst Ideen aus dieser Geschichte kopiert habe. Manchmal ist das ja so, wenn man von etwas inspiriert wird und zu viel Zeit verstreicht, um sich noch wirklich an alle Einzelheiten zu erinnern. Glücklicherweise habe ich festgestellt, dass meine Geschichte doch sehr anders verläuft und kaum Gemeinsamkeiten mit der inspirierenden Vorlage aufweist.
Das Buch selbst ist immer noch ein großer Spaß. Wenn ich etwas kritisieren wollte, dann, dass mir Adam mit seiner besserwisserischen Art tierisch auf den Senkel ging. Aber gut, er ist 11 Jahre alt und der Antichrist, also muss das wohl so sein. Außerdem kamen mir die apokalyptischen Reiter zu kurz. Die Einführung der jeweiligen Reiter war durchaus spaßig, aber dann kam da leider nicht mehr viel und es war schnell wieder vorbei. Das gilt auch für Atlantis, wo noch eine Menge Potenzial gewesen wäre. Irgendwie wirkte das ohnehin eher sinnlos. Hätten die beiden vielleicht ein ganzes Buch draus machen sollen. Warum gibt es eigentlich kaum Geschichten aus Atlantis?
Nicht mein liebster Pratchett, aber mein liebster Gaiman (von dem ich sonst noch nichts gelesen habe).

WEGGELEGT

PASCAL SCHAEFER – ALIEN JOB: DIE TRILOGIE

Ich habe es nicht mal durch das erste Drittel dieser Trilogie geschafft. Die Charaktere sind langweilig und nichtssagend. Viel schlimmer ist aber, dass es davon zu viele gibt und die Geschichte von Beginn an wild hin und her springt. Man hat gar keine Chance, überhaupt mal ein Gefühl für einen der Leute oder die Geschichte zu entwickeln, weil alle paar Seiten wieder ein anderer in den Fokus rückt. Zur Geschichte selbst kann ich nichts sagen, denn da bin ich nie angekommen. Es wird kapitellang herumpalavert, ohne dass irgendwie erkennbar wäre, worum zum Geier es eigentlich geht. Es ist offensichtlich, dass der Humor diese Probleme ausgleichen soll, nur ist der so platt und gewollt, dass kein Spaß aufkommt. Es wirkt, als wäre die Überlegung bei jedem Satz gewesen, wie man da jetzt noch einen schlechten Gag unterbringen kann. Daher rühren wohl auch die Vergleiche mit Douglas Adams, die in der ein oder anderen Rezension aufkommen. Tja, Adams hatte den Humor, aber eben verpackt in eine Geschichte mit abgedrehten, aber sympathischen Charakteren, wodurch sich die lustigen Stellen geschmeidig in den Rest der Geschichte einfügten. Hier wirkt es eher wie eine schlechte Kopie des Stils von Adams, um den herum dann der langweilige Rest hingefuckelt wurde.
Irgendwo steht, dass hier sei „Die Zukunft der lustigen Science-Fiction“. Dann kann das Universum wohl einpacken.

DURCHGEQUÄLT

ALEXANDRE DUMAS – DER GRAF VON MONTE CRISTO

Ich und die Klassiker. Das ist immer eine schwierige Nummer. Anfangs wirkt die Geschichte recht fast-paced, aber dann kommt der Mittelteil voller Haschkekse, Kutschenfahrten und Rumgedödel und bremst die ganze Nummer aus. Das liegt vor allem an den zehntausend Charakteren, die überall rumwuseln, ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Und da zeigt sich das große Problem des Buchs: „Show don’t tell“ ist vermutlich jedem bekannt. Es bedeutet nichts anderes, als dass man dem Leser Dinge zeigen soll, statt sie einfach zu erzählen. Denn so formt man Bilder im Kopf des Lesers und er sieht die Welt und deren Bewohner vor Augen. Dumas (oder eventuell auch nur der Übersetzer der deutschen Version) verzichtet aber größtenteils darauf und erzählt einfach strikt die Geschichte runter. Ich hatte große Probleme, hier den Überblick zu bewahren, wer denn jetzt eigentlich noch mal wer ist und mit wem in welcher Verbindung steht. Dazu kommt eine gehörige Portion Theatralik, die so gar nicht meins ist.
Die Story selbst ist aber interessant genug, um bei der Stange zu halten. Der Aufbau der zweiten Hälfte macht durchaus Spaß, wenn man dann langsam durchblickt, was hier der Plan des Protagonisten ist und irgendwie wollte ich dann auch wissen, wie es ausgeht.

Als nächstes steht ein weiterer Pratchett und ein Piratenabenteuer auf dem Plan. Wie die bei mir abschneiden, erfahrt ihr dann demnächst hier.

Media Monday #380

Für gewöhnlich mache ich ja nicht mehr wirklich beim Media Monday vom Medienjournal mit. Nicht, weil ich keine Lust dazu habe, sondern einfach, weil mir die Zeit dazu fehlt. Aber nachdem ich gerade eine ziemlich beschissene Nachricht bezüglich meines besten Freundes und einem Herzinfarkt erhielt, kann ich mich heute ohnehin nicht auf irgendwas so wirklich konzentrieren und brauche einfach irgendeine Ablenkung. Da das Thema heute auch noch Bücher sind, bietet es sich da natürlich an, bei dem Spaß mal wieder mitzumachen (und mir vorzunehmen, das in Zukunft wieder öfter zu tun, was vermutlich scheitern wird; wie immer).

1. Eine Buchreihe wie Per Anhalter durch die Galaxis wird es für mich kein zweites Mal geben, denn es war die Reihe, die mich überhaupt erst zum Lesen gebracht hat und außerdem ist der Humor darin ungeschlagen. Wenn ich mich in ein Buch teleportieren könnte, wäre es definitiv dieses. Mit den Froods Arthur, Ford, Zaphod, Trillian und Marvin verrückte Abenteuer zu erleben, wäre einfach sowas von grandios, dass ich mich die ganze Zeit auf besonders flupige Art und Weise flollopen, guppen und weidomieren würde.

2. Terry Pratchett ist eine/r diese/r AutorInnen, von der/dem ich wirklich alles verschlingen könnte, denn er hat einen hervorragenden Stil und schafft es auf unnachahmliche Weise, gesellschaftliche Kritik in ein Fantasygewand zu verpacken, dass man ständig merkt, wie einem der Spiegel vorgehalten wird, ohne dabei mit dem Holzhammer zu arbeiten.

3. Ich-Erzähler in Romanen schrecken mich meist ab. Ich bevorzuge (auch beim Schreiben) eher eine umfassende Sichtweise, die mich tiefer in die Welt und die Geschichte eintauchen lässt. Ausnahmen bestätigen dabei natürlich die Regel.

4. Buch-Verfilmungen sind ja ein wirklich beliebtes Geschäft, aber wie haltet ihr das? Nur Buch, nur Film, am liebsten beides und wenn ja, was zuerst? Ich bin Buchadaptionen gegenüber erstmal nicht abgeneigt. Aber ich bevorzuge es tatsächlich, wenn man sich nicht ganz explizit an die Vorlage hält. Wenn ich ein Buch gelesen habe, ist mir die Geschichte ohnehin schon vertraut und dann mag ich es, wenn man daraus etwas Neues macht, anstatt das Gleiche nochmal zu erzählen. Im Normalfall lese ich auch erst das Buch, bevor ich den Film gucke, denn das visuelle Medium beeinflusst mir zu sehr die Bilder in meinem Kopf, die beim Lesen entstehen. Gerade das macht das Lesen ja so interessant: Man schafft sich anhand der Worte eine eigene Welt, die niemals so aussieht, wie es dann im Film der Fall ist.

5. In Sachen Literatur hat es mir im Moment das Genre Fantasy wahnsinnig angetan, was aber eigentlich immer der Fall ist. Trotzdem wühle ich mich gerne durch alle möglichen Genres, denn es gibt bei allem gute Sachen, die absolut lesenswert sind.

6. Nichts liegt ganz weit oben auf meinem SuB (Stapel ungelesener Bücher), denn ich habe da absolut keinen Überblick, was ich so alles auf der Liste habe. Was ich mir schon seit Jahren vorgenommen habe, ist Stephen Kings DER DUNKLE TURM. Aber irgendwie kann ich mich nie aufraffen, das mal anzufangen.

7. Zuletzt habe ich erfahren, dass mein bester Kumpel, den ich seit fast 30 Jahren kenne, im Alter von gerade mal 36 einen Herzinfarkt hatte und das war scheiße, weil keine Begründung notwendig. Immerhin habe ich mittlerweile erfahren, dass es ihm schon wieder besser geht. Aber meine Fresse, was für ein Abend aus der Hölle.

Der Teufel im Detail und Gott in der Maschine

Ich bin ja nicht sehr anspruchsvoll, wenn es um die Auswahl von Literatur geht. Um genau zu sein reicht es mir schon fast, wenn der Autor Rechtschreibung einigermaßen beherrscht, sodass ich mich nicht durch einen Urwald von Fehlern kämpfen muss. Da wird das Lesen dann einfach zu anstrengend. Aber ansonsten gibt es kaum etwas, dem ich nicht zumindest eine Chance einräume. Okay, wenn der Protagonist – wie in dem Buch, das ich neulich angefangen habe – auf Seite 3 einem Typen mit einem Hammer die Hoden zermatscht, während er sich selbst als Opfer darstellt, bin ich raus aus der Nummer. Nicht, dass ich empfindlich wäre, aber das ist mir einfach zu doof und offensichtlich darauf getrimmt, mit sinnloser Gewalt eine gewisse Leserschaft abzuholen. Aber ansonsten gibt es kaum etwas, das mich wirklich abschreckt.

Abgesehen von zwei Dingen, die ich nicht wirklich mag.

DETAILS

Das heißt jetzt nicht, dass Details unwichtig sind. Aber weniger ist eben mehr. Ich finde nichts langweiliger als unendlich ausschweifende Beschreibungen. Sowas hier zum Beispiel:

Sie gingen an einer Blumenwiese vorbei. Die Wiese war grün mit bunten Blüten. Sie bot alle Farben des Regenbogens. Rote Rosen blühten am Wegesrand. Blaue Violen ließen ihre Köpfe hängen. Gelbe Sonnenblumen streckte ihre Blüten Richtung Sonne. Weiße Margeriten streckten ihre Blüten von sich. Violette Immergrüns blühten interessanterweise nicht grün, sondern violett, was die Frage aufwarf, warum sie Immergrün hießen. Ein Bienenschwarrm summte über die Wiese. Die Bienen tauchten ab in die Blüten und machten sich an die Arbeit. Schmetterlinge drehten Kreise über der bunten Wiese. Ihre flatternden Flügel waren so bunt wie die Blumenblüten unter ihnen. Weiße Apollofalter mit schwarzen Punkten auf den Flügeln jagten sich gegenseitig. Blaue Morphofalter ruhten sich auf grünen Blättern aus. Bräunliche Perlmutterfalter spielten im Wind. Gelbe Zitronenfalter suchten nach Zitronen zum Falten, aber fanden keine.

Und so weiter. Nun wissen wir also einiges über diese wunderschöne Blumenwiese. Und wir wissen, dass der Autor offensichtlich Botaniker und Lepidopterologe ist. Aber was hat es denn jetzt mit dieser Wiese auf sich?

Sie gingen an der Wiese vorbei und betraten einen Wald. In dem Wald zwitscherten Vögel. Die Bäume standen dicht beieinander …

Hallo? Das wars? Was ist denn jetzt mit der Wiese? Lauert darin zufällig ein gefährlicher Wolf, der die Helden angreift? Nein? Nichts? Und dafür musste ich mir jetzt diesen ganzen langweiligen Quatsch über diese Kackwiese durchlesen? Leute, meine Lebens- und Lesezeit ist begrenzt. Was interessiert mich da diese Wiese, die für die Handlung, die Figuren, die Welt und absolut alles andere nicht die geringste Rolle spielt? Da lese ich nicht weiter.

Und wo wir gerade bei Figuren sind. Auch immer unglaublich spannend ist sowas hier:

Hans-Peter trug eine Jeans, einen roten Pullover und eine Sonnenbrille. An den Händen trug er Handschuhe gegen die Kälte. Seine Schuhe sahen noch neu aus. Er hatte sie erst kürzlich im Schuhladen gekauft. Seine Frisur war kurz geschnitten. Er wog 80 Kilo und war 1,86 Meter groß.

Wow. Toller Typ. Aber: Mir egal. Es interessiert mich nicht die Bohne, wie groß der Vogel ist und auch nicht, was er für eine Hose trägt. Wenn er mit seinen neuen Schuhen nicht jemandem in den Arsch tritt, ist es mir schlicht egal.

Das soll jetzt nicht heißen, dass mich Details prinzipiell nerven. Aber die Kunst liegt nun mal darin, dem Leser die Informationen zu geben, die er benötigt und die wichtig sind. Wenn Hans-Peter im Winter eine Sonnenbrille trägt, ist das ganz wunderbar. Aber dann sollte man auch erklären, warum er das tut. Hält er sich für ganz besonders cool? Hat er empfindliche Augen? Ist er gar blind? Nein? Na gut, dann hat die Sonnenbrille für ihn einen besonderen Wert, oder? Sie wurde ihm von seiner sterbenden Mutter geschenkt. Nein? Dann braucht er auch keine verdammte Sonnenbrille. Und wenn er keine Sonnenbrille trägt, kommt mir nicht mit dem Ersatz Er hatte stahlblaue Augen. Ich will es nicht wissen. Und stahlblau schon mal gar nicht.

Der Punkt ist: Wenn ich lese, formt sich in meinem Kopf direkt ein eigenes Bild von Figuren und der Welt. Natürlich braucht es ein paar Beschreibungen, um dieses Bild zu formen, aber zu viele Details zerstören dieses Bild letztlich. In meinem Kopf trägt Hans-Peter ein grünes Shirt und ist nur 1,78 groß. Und wenn in der Geschichte nicht irgendwas passiert, wodurch dieses Bild in eine andere Richtung gelenkt werden muss (zum Beispiel, dass er mit dem langen Ärmel seines roten Pullovers erwürgt wird, was mit dem Ärmel eines Shirts nicht geht), dann kann es weg. Denn es verwischt nur das Bild in meinem Kopf und am Ende habe ich dann einen Brei aus Figuren, mit tausend Klamotten, von denen ich mir keine merken kann. Zwei oder drei herausstechende Merkmale pro Person sind völlig ausreichend. Der Rest ergibt sich von selbst.

So viel dazu. Wenn dann jetzt die Welt und die Figuren nicht mehr seitenweise beschrieben werden, hat man gut Platz geschaffen, um auch mein zweites Hassobjekt des Erzählens zu vernichten.

DER RETTENDE ZUFALL

Man kennt das ja. Die Helden haben sich durch die Geschichte geschlagen, allen Gefahren widersetzt und jetzt stehen sie kurz vor der Lösung des großen Problems. Der große Showdown steht bevor. Das Ende, auf das man so lange hingefiebert hat. Uh, was ist das spannend.

Hans-Peter stand ihm gegenüber. Seinem Widersacher. Dem Mann, der für das alles verantwortlich war. Der ihn belogen, betrogen, verraten und ihm die Freundin ausgespannt hatte. Hans-Peter hielt die Waffe in seiner behandschuhten Hand und richtete sie auf Rolf. Rolf schaute Hans-Peter ernst an: „Du wirst nicht schießen. Das hast du nicht in dir. Du bist kein Mörder.“ Hans-Peter wusste, das er es tun sollte. Dass er den Mann umbringen sollte, der ihm all das Leid und den Schmerz der letzten Zeit zugefügt hatte. Sein Finger zuckte am Abzug. Er konnte es nicht. Er konnte den Abzug nicht betätigen. Rolf hatte recht. Er war kein Mörder. Er konnte ihn nicht erschießen. Hans-Peter ließ die Waffe sinken. Rolf ergriff die Gelegenheit und stürzte sich auf Hans-Peter. Sie rangelten um die Waffe und rollten über den Boden. Dann löste sich ein Schuss …

Hui, was für ein glücklicher Zufall. Hans-Peter kann selbst nicht den Abzug betätigen, aber in einem wilden Gerangel kann sich ja schnell mal ein Schuss lösen. Und es sollte klar sein, wer getroffen wurde. Mal davon abgesehen, dass diese Szene komplett ausgelutscht ist, bringt sie dem Protagonisten auch nicht so wirklich das Ende, dass er haben sollte. Er sollte über sich hinauswachsen. Das bedeutet natürlich nicht, dass er zum Mörder werden muss, aber dann muss man die Szene eben anders angehen. Aber gut, Rolf muss von dem Schuss ja nicht tödlich verletzt worden sein. Also kann die Szene ja noch weiter gehen und Hans-Peter kriegt noch eine Chance, sich endgültig gegen seinen Peiniger zu behaupten:

Rolf schrie auf. Er rollte von Hans-Peter herunter und hielt sich den blutenden Arm. Die Kugel war direkt durch seine Schulter gegangen und hatte sie auf der Rückseite wieder verlassen. Rolf stand mühsam auf und stand taumelnd vor Hans-Peter. Hans-Peter schaute die Waffe in seiner Hand an. Er warf sie weg. Sie landete direkt vor Rolfs Füßen. „Du hast auf mich geschossen“, stöhnte Rolf. „Das wirst du bereuen. Du hättest den Job richtig erledigen sollen.“ Er hob die Waffe auf und richtete sie auf Hans-Peter. Es gab keine Fluchtmöglichkeit. Hans-Peter machte sich auf das Ende gefasst. Rolf machte sich bereit, den Abzug zu drücken. Dann wurde er von einer Flugzeugturbine erschlagen.

Na, das war ja noch mal knapp, was? Zum Glück gibt es die Luftfahrt mit all ihren Fehlern, die dann auch mal für einen Flugzeugabsturz sorgen, bei dem sich eine Turbine verselbstständigen kann, die den Antagonisten zermatscht, kurz bevor er den Protagonisten umbringt.

Nun muss Hans-Peter ja nicht mal zu einem gewalttätigen Typen werden, der seinen Gegner tötet, oder ihm die Fresse poliert. Wenn man das nicht will, gibt es auch andere Möglichkeiten. Er könnte ihm eine Falle stellen, oder Beweise gegen ihn sammeln, die ihn in den Knast bringen, oder was auch immer. Aber unter gar keinen Umständen sollte dabei eine Flugzeugturbine eine Rolle spielen.

Ebenfalls gerne genommen, ist die Kavalerie, die genau zum richtigen Zeitpunkt eintrifft. Im Sinne von „Bei Sonnenaufgang sind wir da.“ Und kurz vor Sonnenaufgang scheint die Schlacht für die Helden natürlich verloren, aber dann kommt die Rettung genau zum richtigen Zeitpunkt angeritten und wendet das Blatt. Auch das ist einfach ausgelutscht und nicht mehr wirklich spannend. Man weiß ja ohnehin, dass es so kommen wird.

Das soll jetzt auch nicht bedeuten, dass man so einen Deus Ex Machina Moment nicht hin und wieder mal nutzen kann. Ich tue das auch durchaus mal. Aber es sollte sich dann eher um kleinere Dinge handeln und nicht unbedingt um das große Finale. Aber vor allem sollte man es damit nicht übertreiben. Wenn die Helden nichts selbst auf die Reihe kriegen, ist das schlecht für die Geschichte und der Leser fühlt sich irgendwann einfach verarscht. Dann kann man auch gleich „Das große Buch der Zufälle“ schreiben.

Normalerweise folgt an dieser Stelle ein abschließendes Fazit wie „macht das nicht“ oder „lasst das besser sein“ wie es bei Schreibtipps üblich ist. Aber da ich bekanntlich keine Schreibtipps gebe, spare ich mir das und komme zum Clou der ganzen Sache. Denn interessanterweise sind diese Dinge, die mich beim Lesen anderer Geschichten so stören, auch oft Teil meiner eigenen Geschichten. Ganz unbewusst bediene ich mich beim Schreiben genau dieser Mittel, um die Story voranzutreiben. Und wenn es mir dann später auffällt, stört es mich nicht mal so sehr, wie es das eigentlich sollte. Also sind Details und Zufälle am Ende vielleicht doch gar nicht so verkehrt, sofern man sie in Maßen einsetzt. Oder bin ich einfach nur von den ganzen anderen Geschichten versaut, die diese nutzen, sodass es mir selbst nicht mehr auffällt?

Wie seht ihr das? Mögt ihr ausschweifende Beschreibungen? Und Zufälle, die den Helden immer wieder den Arsch retten? Oder versucht ihr auch, das auf einem möglichst geringen Level zu halten? Und seit ihr eher Hans-Peter oder mehr so der Rolf-Typ?

Montagsfrage: Kopfkino

Es ist schon wieder Montag. Fürchterlich, ich weiß. Ich würde jetzt auch lieber noch im Bett liegen und mir in meinem Kopf wilde Fantasien mit leichtbekleideten Engeln, blutrünstigen Froschmutanten und mir als coolem Helden, der im Bett liegt und dadurch Verbrechen löst, ausmalen. Aber immerhin geht es in der Montagsfrage vom Buchfresserchen heute auch um Kopfkino:

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Wenn du liest, stellst du dir dann bewusst alles vor oder passiert das eher automatisch? Oder liest du einfach ohne Kopfkino?

Ohne Kopfkino zu lesen kann ich mir schon mal so gar nicht vorstellen. Denn genau das ist doch das schöne am Lesen. Jeder baut sich seine eigene Welt aus den Worten zusammen. Das ist nebenbei auch der Grund warum für mich die Reihenfolge erst Film dann Buch nicht in Frage kommt. Wenn man ein mal die Bilder des Films im Kopf hat, zerstört es das Leseerlebnis, aber das ist ein anderes Thema.

Jedenfalls entsteht in meinem Kopf beim Lesen immer eine Welt mit den Figuren und den Umgebungen und den Geräuschen; eben alles was dazu gehört. Dabei brauche ich auch keine detaillierten Beschreibungen. Sobald eine Person in der Geschichte auftaucht, habe ich sie vor Augen. Eine kurze Beschreibung macht das Bild dann noch etwas klarer, aber eine ewig ausschweifende Beschreibung ermüdet mich nur und ändert auch nicht mehr viel an dem Bild, dass ich ohnehin im Kopf habe. Deshalb hier ein Plädoyer gegen unnötig lange Beschreibungen in Büchern. Es langweilt nur. Looking at you Tolkien …