Schreiben wie ein Selbsternannter Schriftsteller – Einführung von Nebencharakteren -Teil 2

Beim letzten Mal (das überraschend lang her ist, wie ich gerade festgestellt habe) ging es darum, einen Nebencharakter völlig unabhängig von den Hauptpersonen einzuführen. Dieses Mal wird es ebenfalls um Nebencharaktere gehen, aber diejenigen, die in direkter Verbindung zum Protagonisten stehen. Ich könnte an dieser Stelle jetzt komplett auf das Leben und Treiben auf dem Burghof eingehen, aber das würde vorerst den Rahmen sprengen, also konzentriere ich mich auf eine Figur.

Prinzessin Alisa lag im Bett und drehte sich auf die andere Seite. Die verdammten Fensterläden waren immer noch kaputt und so schien die Sonne jeden Morgen schon früh in ihr Schlafgemach, um sie zu wecken. Sie zog sich die Decke übers Gesicht und versuchte das Licht zu ignorieren. Wie jeden Morgen gelang es ganz und gar nicht. Sie hatte bereits alles versucht, um die Sonne aus ihrem Zimmer fernzuhalten. Ein Laken vor das Fenster gehangen. Die Sonne drang problemlos hindurch. Ein großes Gemälde von der Wand im Flur vor das Fenster gestellt. Dafür hatte sie von ihren Eltern gehörig einen auf die Krone bekommen. Die Gemälde bedeuteten ihren Eltern sehr viel, bildeten sie doch die Vergangenheit des Reichs ab, indem darauf die ehemaligen Herrscher erstrahlten, die das Land zu dem gemacht hatten, was es heute ist. Natürlich waren auf den Gemälden die Kriegsverbrechen nicht abgebildet, die begangen wurden, um das Land groß zu machen und den Pöbel klein zu halten. Alisa konnte das Sonnenlicht nicht weiter ignorieren und stand auf. Ihr Nachthemd schleifte über den kalten Steinboden, als sie zum Fenster ging. Sie ließ die seichte Morgenbrise durch ihr braunes Haar wehen und gähnte. Ein Hämmern erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie schaute herüber zu einem der Fenster auf der gegenüberliegenden Seite des Burghofs. Der Hausmeister und sein Sohn arbeiteten an den Fensterläden vom Speisesaal. Wie hieß der Sohn noch gleich? Paul? Palle? Peter? Ja, das war es. Peter. Alisa kannte ihn schon ihr ganzes Leben lang. Und ihr ganzes Leben lang hatte sie sich von ihm ferngehalten. Prinzessinnen unterhielten sich nicht mit Hausmeistern, wenn es nicht unbedingt nötig war. Alisa hatte das Gefühl, dass heute der richtige Tag war, erstmals ein Wort an ihn zu richten. Sie schaute zu wie Peter ein Hammer aus der Hand rutschte und unten einer Hofwache den Helm zerdellte. Ja, er war genau der richtige Trottel, um ihr behilflich zu sein.

Wie man sieht wird Prinzessin Alisa ihrem Stand gerecht und hat kein wirkliches Interesse daran, sich mit dem Pöbel in Form eines Hausmeisters abzugeben, wenn sie daraus nicht einen Vorteil ziehen kann. Das birgt natürlich eine gute Möglichkeit für Charakterentwicklung im Verlauf der Geschichte. Erstmal will sie jetzt Hausmeistersohn Peter überreden, dass er Fensterläden vor ihrem Fenster anbringt, also quatscht sie ihn auf dem Burghof an:

Der Wachmann entdellte seinen Helm und hielt Peter den Hammer hin. Peter griff nach dem Werkzeug.
„Wenn du noch einmal meinen Helm zerdellst, zerdelle ich dein Gesicht“, sagte er und warf den Hammer über den Hof. „Verschwinde“, schlug er Peter vor.
Peter folgte dem Ratschlag und machte sich auf die Suche nach dem Hammer. Stattdessen fand er ein paar Füße, die sich in Bundschuhen versteckten, die unbequem und eng aussahen.
„Gefallen dir meine Schuhe?“, fragte eine Mädchenstimme.
Peter kannte die Stimme. Er hörte sie täglich, wenn sie Leute herumkommandierte. Ihr ganzer Tag schien daraus zu bestehen, den Menschen auf der Burg Befehle zu geben. Es war ungewohnt, diese Stimme in einem ruhigen und freundlichen Ton zu hören. Peter schaute auf und blickte in ein lächelndes Gesicht. Er hatte die Prinzessin noch nie lächeln sehen. Es war ein Tag voller Überraschungen.
„Willst du meine Schuhsammlung sehen?“
Peter war sich nicht sicher, ob er ihre Schuhsammlung sehen wollte. Aber zu einer schönen Prinzessin sagte man nicht nein und er folgte ihr auf ihr Zimmer. Alisa wühlte in ihrem Schuhschrank herum. Peter wartete geduldig in einer Ecke des Raums und starrte ihr nicht auf den Hintern, den sie ihm entgegenstreckte.
„Weißt du was?“, sagte sie plötzlich und ging zum Fenster. „Das Licht hier drin ist wirklich schlecht. Es ist viel zu hell, um eine Schuhpräsentation zu veranstalten.“
„Ist es?“
„Glaub mir, ich weiß, wovon ich spreche. Jeden Morgen stehe ich vor dem Schuhschrank und kann mich nicht für ein Paar entscheiden, weil in dem hellen Licht alle Schuhe gleich aussehen.“
Peter schielte an Prinzessin vorbei in den Schuhschrank. Ihre Schuhe sahen tatsächlich alle gleich aus. Er hatte nicht das Gefühl, dass das dem Licht geschuldet war. Es gab nur einen Schuhmacher auf der Burg und so trugen alle die gleichen Schuhe.
„Es wäre sicher hilfreich, wenn ich Fensterläden hätte, mit denen ich das Licht dimmen kann.“
„Bestimmt.“
„Vielleicht kannst du mir dabei behilflich sein. Ich habe dich gesehen und du scheinst dich mit Fensterläden auszukennen.“
„Gerne.“ Peter lehnte sich aus dem Fenster, um die Möglichkeiten der Anbringung von Fensterläden zu überprüfen. Er rutschte aus und fiel aus dem Fenster.

Wir haben also ein bisschen was über die Prinzessin erfahren. Sie hat zumindest den Ruf, sich für etwas Besseres zu halten und einen Schuhtick. Ich weiß, sehr klischeehaft, aber ich finde die Idee eines Schuhticks in einer Welt, in der alle Schuhe gleich aussehen, ganz lustig. Außerdem lässt sich damit vielleicht später doch noch was machen, zum Beispiel könnte sie doch ein paar spezielle Schuhe haben, die magisch sind oder sowas. Der Protagonist hat zudem erneut bewiesen, dass er handwerklich unbegabt ist. Aber er wird es natürlich weiter versuchen. Den Wachmann könnte man auch noch nutzen, um ihn immer wieder mit Peter aneinandergeraten zu lassen. Mal schauen, was mir da noch so einfällt.

Stört es euch auch so sehr, wenn euch morgens die Sonne ins Gesicht scheint? Wie handwerklich begabt seid ihr? Und wie viele gleiche paar Schuhe habt ihr?

Schreiben wie ein Selbsternannter Schriftsteller – Einführung von Nebencharakteren -Teil 1

Die Schlangofantenarmee ist auf dem Weg nach Burg Lebingen. Dort leben natürlich einige Menschen, die nicht die Hauptrolle in der Geschichte spielen. Und auch auf dem Weg dahin liegt ein Dorf, das von den Schlangofanten überfallen werden könnte. Also eine große Auswahl an Nebencharakteren. Nebencharaktere sind mindestens genau so wichtig wie die Hauptcharaktere. Nicht nur, weil sie die Welt lebendiger machen, sondern auch, weil sie Vielfalt in die eigentliche Geschichte bringen. Jetzt muss man dazu sagen, dass ich vorzugsweise aus der auktorialen Perspektive schreibe. Das heißt, dass der Erzähler alles weiß und eben die Geschichte aus seiner eigenen Sicht erzählt. Das bietet den Vorteil, dass man eben nicht an einen Charakter und deren Aufenthaltsort gebunden ist, sondern mehr oder weniger wild durch die Gegend springen kann. Wenn man aus der Ich-Perspektive oder der personalen Perspektive schreibt, gestaltet sich das Einführen von Nebencharakteren schwieriger, da man eben immer an eine Person gebunden ist. Das macht natürlich dann Sinn, wenn man zum Beispiel in einem Krimi ohnehin nur dem Protagonisten folgt und die Nebencharaktere nur mit diesem agieren. Aber wenn man eben lieber mit vielen Charakteren jongliert, dann ist die auktoriale Perspektive meiner Meinung nach ein guter Weg. Soviel also dazu. Jetzt sind wir also wieder ganz woanders und gucken mal, was bei einem der Nebencharaktere passiert, den wir damit auch direkt in die Geschichte einführen.

Wachmann Thorben stand auf dem hohen Wachturm am Rand des Dorfes und schielte auf das Naseneisen an seinem Helm. Das Naseneisen zog immer wieder seine Aufmerksamkeit auf sich und lenkte davon ab, den Wald zu beobachten. Er nahm den Helm ab und schüttelte seine Pupillen wieder in die richtige Position. Er hatte nie verstanden, warum ein Helm ein Naseneisen brauchte, wenn die Wahrscheinlichkeit, dass einem beim Kampf ausgerechnet die Nase abgeschnitten wurde, doch sehr gering war. Er hatte noch nie gehört, dass ein Naseneisen einem Mann mal davor bewahrt hatte, seine Nase zu verlieren. Andere Körperteile schienen viel größeren Schutz zu benötigen. Nach einer Schlacht gab es immer unzählige Männer, die auf dem Schlachtfeld ihre Arme oder Beine oder Eingeweide suchten. Aber seine Aufgabe war nicht, die Weiterentwicklung von militärischer Schutzkleidung voranzutreiben. Seine Aufgabe war es, den ganzen Tag auf den Wald zu starren, aus dem nie etwas auftauchte, dass für das Dorf eine Bedrohung darstellte. Hin und wieder zeigte sich mal ein Reh oder ein Hase hoppelte aus einem Gebüsch. Aber zu keinem Zeitpunkt war jemals eine Bedrohung aus dem Wald gekommen. Ja, im hinteren Teil des Waldes, wo die Bäume tot waren und das Leben sich lange aus allen Pflanzen verzogen hatte, trieben bedrohliche Geschöpfe ihr Unwesen. Aber nahe des Dorfes, wo der Wald lebte und gedieh war das Gefährlichste, was man erblicken konnte, ein Fuchs, der die Gänse der Bauern stehlen wollte.

Es soll ja Autoren geben, die ihre Nebencharaktere eher stiefmütterlich behandeln im Vergleich zu den Hauptcharakteren. Ich mache das nicht. Für mich ist jeder Charakter gleich wichtig. Mal abgesehen von Ausnahmen natürlich wie dem üblichen Kanonenfutter, das ohnehin nach drei Sätzen stirbt, oder Leuten, die nur einen ganz kurzen Auftritt in der Geschichte haben. Aber auch da mache ich mir beim Schreiben zumindest ein paar Gedanken, was diese Personen darstellen und wie sie ticken. So hat der Leser – und vor allem auch ich selbst – zumindest direkt ein minimales Bild im Kopf. Nebenbei passiert das bei mir nicht vorausplanend. Ich entwickle das Meiste direkt während dem Schreibprozess.

Jetzt haben wir also gesehen, wie Wachmann Thorben die Welt um sich herum betrachtet. Jetzt schauen wir mal, was sonst noch so in seinem Kopf vorgeht.

Thorben gähnte und stützte sich mit verschränkten Armen auf sein Schwert. Er überlegte, ob er ein kleines Nickerchen machen sollte. Es kam ohnehin nie jemand kontrollieren, ob er seinen Job mit der nötigen Aufmerksamkeit ausübte. Er schaute sich die lange Narbe an, die sich quer über seinen Unterarm erstreckte. Eine alte Kriegsverletzung. Einer der vielen Gründe, warum er sich von der Armee losgesagt und in das kleine Dorf zurückgezogen hatte. Er hatte so einige Schlachten geschlagen und Verletzungen gehörten dazu, wenn man mit seinem Schwert inmitten von gegnerischen Horden stand und überall scharfe Klingen und spitze Pfeile durch die Gegend flogen. Nach der letzten Schlacht hatte Thorben entschieden, dass er genug gekämpft hatte und die grausamen Anblicke und Schreie auf den Schlachtfeldern reichten, um ihn für den Rest seines Lebens mit Albträumen zu versorgen. Ein Nickerchen war vielleicht doch keine so gute Idee.

Wir haben also ein bisschen was über die Weltsicht, das Aussehen und die Vergangenheit des Charakters erfahren. Das reicht dann auch vorerst. Und weil doof rumstehen und in die Gegend starren nicht das Spannendste ist, bauen wir noch schnell eine kleine Handlung ein, um die Szene zu beenden.

Thorben schaute auf. Etwas bewegte sich zwischen den Büschen am Waldesrand. Das Etwas trat aus dem Wald. Thorben schaute genauer hin. Das Schwert fiel um, als er die Arme über dem Kopf zusammenschlug. Eine Armee von Schlangofanten näherte sich dem Dorf. Thorben hob sein Schwert auf und kletterte so schnell es ging die Leiter am Wachturm herunter. Er lief los und übersah einen Stein am Boden. Er stolperte und fiel. Sein Helm kullerte über den Boden. Er stand auf und ließ den Helm liegen. „Die Schlangofanten kommen!“, rief er und lief zu seinem Pferd. „Rette sich wer kann!“ Er stieg auf das Pferd und ritt davon. Aus der Ferne hörte er die Schreie der Dorfbewohner, als die Schlangofanten in das Dorf einfielen. Er schaute sich nicht um.

Thorben hat also Angst vor Schlangofanten. Das kann man später wieder aufgreifen und ermöglicht zudem einen kompletten Nebenhandlungsstrang, bei dem Thorben sich am Ende seiner Angst stellen muss, wenn er zum Beispiel gegen Krump kämpft, oder in eine Schlacht gegen die Schlangofanten zieht. Ich halte mir da gerne ein paar Möglichkeiten offen.

Thorben reitet jetzt Richtung Burg und wer da so wohnt gucken wir uns beim nächsten Mal an.

Wie behandelt ihr eure Nebencharaktere? Stellt ihr die auch gerne gelangweilt auf Wachtürme? Und wie schnell könnt ihr aus einem Dorf flüchten, wenn eine Bedrohung naht?