Auf der Suche nach dem ersten Blogpost #11

Zu Teil 10

Ich schaue Fey an. Sie scheint sich so unsicher wie ich zu sein, ob wir wirklich hier im Zirkuszelt stehen sollten, während ein Dompteur eine Horde Tiger durch brennende Reifen springen lässt.

Der Zirkusdirektor und die Rauhaut an seiner Seite kommen mit einigen Büchern angelatscht.

»Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt«, erkennt der Direktor richtig und ist dabei, diesen Umstand zu ändern. »Mein Name ist Rullon. Ich leite diese Manege.«

Er verzichtet darauf, uns einen Händedruck anzubieten, was ihn für mich zumindest ein kleines Stück sympathischer macht. Dieses ständige Fettfingergewurschtel, wenn man jemanden kennen lernt, ging mir schon immer gegen den Strich. Wer weiß, wie oft sich die neue Bekanntschaft gerade am Arsch rumgefummelt hat, kurz bevor er mir seine versiffte Hand hin hält.

»Ich habe erfahren, dass du, liebe Fey, im Entführungsfall recherchierst und ich denke, dass ich äußerst behilflich sein kann.«

»Warum sollte ich dir trauen, Mantikor?« Fey scheint ihn zu kennen. Und nicht zu mögen.

»Liebe Fey, wir sind sicher nicht immer einer Meinung, aber in diesem Fall können wir uns gegenseitig behilflich sein. Betrachte es als eine geschäftliche Vereinbarung.«

»Du weißt genau, dass ich keine Geschäfte mit Leuten wie dir mache. Auch eine Fee hat ihren Stolz.«

»Fey. Es ist ganz einfach.« Rullon schnippt mit den Fingern und der Handlanger haut mir mal wieder eine rein, wobei mir seine Schmiergelpapierhaut die Bartstoppeln von der Wange schleift. »Entweder du hilfst mir, oder dein Freund hier stirbt. Und das ist sicher nicht in deinem Interesse.«

»Das kannst du nicht machen.« Fey ist zum ersten Mal, seit ich sie kenne, nicht die Ruhe in Person. Beunruhigend. »Ich brauche ihn. Wir brauchen ihn.«

»Ich gebe nichts auf die Menschen und das Schicksal und den ganzen Quatsch. Das weißt du genau.«

Ich spucke etwas Blut in den Sand. »Ich übrigens auch nicht«, sage ich und kriege dafür direkt noch eine geschallert. Immerhin auf der anderen Seite des Gesichts, wodurch mein Bartwuchs wieder ausgeglichen sein dürfte. »Vielleicht können wir uns einig werden«, sage ich und versuche mir die Schmerzen in der Visage nicht anmerken zu lassen.

»Vernünftige Entscheidung, mein Freund«, sagt der Direktor und holt ein Buch hervor. Er setzt sich auf einen Hocker, auf dem vor wenigen Minuten noch ein Tiger gesessen hat. »Wie ihr euch sicher schon gedacht habt, geht es um Nick. Nun, ich möchte euch etwas über ihn erzählen.«

Wir setzen uns hin. Nicht weil wir nicht mehr stehen können, sondern weil der Direktor mit einer Handbewegung klar macht, dass stehen bleiben keine Option ist. Seine dicken Finger greifen in die Brusttasche seines hässlichen Jacketts, aus dem er zu platzen droht. Er holt eine Brille hervor deren Bügel sich auseinander dehnen, als er sie über seinen kantigen Schädel schiebt.

»Dieses Buch wurde mir und meinem Bruder geschenkt, als wir Kinder waren.« Er klopft mit der Hand auf den Buchdeckel. »Und die Geschichte darin sorgte immer für, sagen wir, Auseinandersetzungen zwischen ihm und mir.

Wir gehören zu den Wächtern. Ich habe mich schnell damit abgefunden, dass es meine Bestimmung ist, dafür zu sorgen, dass die Welt im Gleichgewicht bleibt. Dass alles seinen geregelten Gang geht. Die Welt und ihre Bewohner zu beschützen ist meine Aufgabe. Und ich nehme diese Aufgabe ernst.« Er schaut Fey an. »Du weißt, dass ich keine Zurückhaltung kenne, wenn es darum geht, meine Aufgabe zu erfüllen.«

»Du wolltest hunderte Unschuldiger töten.«

»Das war notwendig. Sie stellten eine Gefahr dar.«

»Du weißt genau so gut wie ich, dass das nicht wahr ist. Die meisten haben überlebt und die Welt existiert weiterhin.«

»Dann wurden wohl genau die richtigen ins Jenseits befördert.«

»Dir ist wirklich alles recht, um deine Ziele umzusetzen, nicht wahr?«

»Meine liebe Fey, es geht hier nicht um mich. Oder dich. Oder ihn.« Er hebt nicht mal einen Finger, um auf mich zu zeigen. Vermutlich hat er mich schon abgeschrieben. Er könnte recht haben. »Es geht um das Wohle aller. Und dafür ist mir jedes Mittel recht.« Er sieht Fey an, als wollte er ihr den Kopf abbeißen. »Und dir sollte das egal sein. Du weißt, was beim letzten Mal passiert ist, als mir jemand in die Quere kam.«

»Ich werde das Gefühl nicht los, dass ihr euch schon länger kennt«, sage ich und kriege als Antwort eine Reibeisenfaust an den Kopf.

»Aber heute, liebe Fey, können wir uns gegenseitig helfen.«

»Warum sollte ich dir helfen?«

»Weil wir den gleichen Feind haben.«

»Wen?«

»Meinen Bruder. Nick.«

»Nick ist dein Bruder? Ihr seht euch überhaupt nicht ähnlich.« Die Faust schmiergelt mir die Barthaare über die Wange. »Lass mich raten: Du bist adoptiert.«

Rullon hebt die Hand und verhindert so, dass mein Gesicht weiter geschmiergelt wird. »Diese ganze Sache ist viel komplexer, als du dir vorstellen kannst. Die liebe Fey hier hat dir sicher nicht alles erzählt.« Er schaut Fey an. »Ahnte ich doch. Siehst du, es gibt Regeln denen wir alle unterliegen. Für jeden gelten besondere Gesetzmäßigkeiten, an die er sich zu halten hat. Die liebe Fey beispielsweise darf dir nicht alles verraten, was du wissen musst, wenn du es nicht ausdrücklich wünschst. Sie ist eine Fee und kann dir somit zwar jeden Wunsch erfüllen, aber du musst wissen, was du wissen willst. Eine verzwickte Situation, wenn du mich fragst. Ich andererseits könnte dir alles erzählen. Aber ich habe kein Interesse daran, hier den Märchenonkel zu spielen, deshalb beschränke ich mich auf das für mich relevante.

Was ich nicht kann, ist meinen Bruder aufzuspüren und unschädlich zu machen.« Er sucht nach einer bestimmten Seite in dem Buch und hält uns ein Bild vor die Nasen. »Auf diesem Bild seht ihr die Wächter der alten Zeit. Unsere Vorfahren, wenn man es so nennen will. Zu jeder Zeit muss es genügend Wächter geben. Wenn ein Wächter abtritt, muss er durch einen neuen Wächter ersetzt werden. Diese Wächter werden schon in der Kindheit vom Schicksal bestimmt. Ich bin ein Wächter. Mein Bruder ist ein Wächter. Der Drache mit der schuppigen Haut, der dir so gerne ins Gesicht schlägt, wenn du mal wieder etwas dummes gesagt hast, ist ebenfalls ein Wächter. Und auch die liebe Fey hier ist eine Wächterin. Wir alle haben eine Aufgabe. Wir alle wachen über etwas. Die Fee wacht über die Wahrheit. Der Drache wacht über das Feuer. Der Nix wacht über das Wasser. Und so weiter.« Er legt das Buch auf seine Handfläche und balanciert es in der Luft. »Es existiert eine Art Gleichgewicht in der Welt. Wir sorgen dafür, dass dieses Gleichgewicht bestehen bleibt. Wird das Gleichgewicht zu sehr gestört …« Er lässt das Buch fallen. »… wäre das nicht gut. Nick ist dabei, dieses Gleichgewicht zu stören. Er ist von seinem Pfad abgekommen. Und deshalb müsst ihr ihn unschädlich machen.«

»Hör mal, ich bin kein Mörder. Auch wenn ich Nick schon einmal erschlagen habe. Ihr sucht euch also besser jemand anderen.«

»Oh, ihr müsst ihn nicht töten. Ihr sollt ihn nicht töten. Ihr müsst ihn nur aus dem Verkehr ziehen. Leider gibt es niemand anderen. Nick hat sich dir anvertraut. Du bist der Einzige, der ihn aufspüren kann.«

»Und warum sollten wir das tun?« Fey ist noch weniger überzeugt von der Idee als ich.

»Weil er der Mörder ist, den ihr schon die ganze Zeit sucht.«

FORTSETZUNG FOLGT IN TEIL 12

Auf der Suche nach dem ersten Blogpost #9

Zu Teil 8

Ich sitze auf dem Sofa und gucke Nick dabei zu wie er die Wohnung aufräumt. Ich verstehe einfach nicht wie ein so abgewrackter Typ so einen Putzfimmel haben kann. Obwohl ich weiß, dass ich es bereuen werde kann ich meine Neugier nicht zurückhalten und frage Nick nach dem Drachen.

»Ja, mich verfolgt ein Drache«, sagt er und stopft ein Zettelgewirr in einen Müllbeutel.

»Bist du sicher, dass du dir das nicht nur einbildest? Ich meine, ein Drache fällt doch auf. Ich habe hier in der Stadt aber noch nie einen gesehen.«

»Die meiste Zeit ist er im Zirkus.«

»Es ist ein Zirkusdrache?« Mich wundert es weniger, als es sollte. Nick kam mir schon die ganze Zeit wie ein Clown vor, der aus dem Zirkus geflohen ist.

»Es ist kein Drache, der im Zirkus auftritt. Er ist der Handlanger vom Zirkusdirektor.«

»Der Direktor hat mich auch nach dir gefragt. Was will der Typ von dir?«

Nick lässt den Müllbeutel fallen und sieht mich durch seine fettigen Locken an. »Was hast du ihm erzählt?«

»Nichts.«

»Was hast du ihm erzählt?« Nick springt auf mich zu und packt mich am Kragen meines ausgeleierten Shirts. Seine hässliche Kauleiste kommt gefährlich nahe und der Fischgeruch aus seinem Mund beißt in meiner Nase. Zum Glück habe ich meinen Magen schon an der Brücke entleert, sonst hätte ich neben dem eingetrockneten Blutfleck auf dem Teppich eine zusätzliche Sauerei veranstaltet.

»Man, mach mein Shirt nicht kaputt. Das ist das letzte saubere, das ich habe.« Er lässt mich los. »Ich habe ihm nur erzählt, dass du unter einer Brücke lebst. Mehr wusste ich sowieso nicht.«

»Verdammt. Ich kann nicht zur Brücke zurück.«

»Was ist denn mit dem Typen? Was will er?«

»Den Fluss.«

»Den Fluss? Ist der nicht sowieso für alle da?«

»Du verstehst das nicht. Er will ihn für sich, um alles zu regieren. Land, Luft und Wasser. Er darf mich auf keinen Fall finden.«

Mir wird das schon wieder alles zu undurchsichtig. »Hier bist du jedenfalls nicht sicher«, sage ich, in erster Linie, um den Idioten loszuwerden. »Der Wanderzirkus weiß wo ich wohne. Du musst dir ein anderes Versteck suchen.«

»Also gut. Ich werde dir sagen, wo ich mich aufhalte.«

»Toll. Kann es kaum erwarten in deiner Absteige ein Bier mit dir zu trinken.«

Er kapiert Sarkasmus nicht und haut ab.

Wenige Sekunden später steht Fey im Türrahmen. Immerhin erhellt sie etwas diese Momente meiner völligen Verwirrung, die sich in letzter Zeit anhäufen.

»Was wollte der denn von dir?« Sie setzt sich neben mich.

»In erster Linie aufräumen.« Ich gucke mich in der Wohnung um. Das gröbste Chaos hat Nick zumindest beseitigt.

»Du solltest vorsichtig sein. Nick ist gefährlich.«

»Du kennst den Typen?«

»Natürlich. Er ist ein Nix.«

»Für Nichts kommt er mir aber sehr lebendig vor.«

»Nicht Nichts. Ein Nix. Eine männliche Nixe. Ein Flusswächter.«

»Fey«, ich ergreife ihre Hand, »du solltest dir wirklich angewöhnen, mir die Dinge so zu erklären, dass ich sie verstehe. Denn, um ehrlich zu sein, blicke ich immer noch nicht durch, was hier eigentlich abgeht.«

»Später.« Sie steht auf. »Ich wollte dich um einen weiteren Gefallen bitten.«

Ich stehe seufzend auf. »Welchen Irren willst du dieses Mal besuchen?«

FORTSETZUNG FOLGT IN TEIL 10

Auf der Suche nach dem ersten Blogpost #8

Zu Teil 7

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Ich wache auf der Couch auf, da neben ihr kein Platz ist. Fey ist nicht mehr da. Nachdem sie mir etwas von magischen Wesen erzählt hat, die in der Stadt rumturnen schaltete sich mein Gehirn aus Selbstschutz ab, um nicht zu explodieren. Mein Schädel brummt und ich habe Rückenschmerzen von dem unbequemen Sofa. Ich stolpere im Slalom durch das Gerümpel in der Bude und über den Hausflur. Ich klopfe an Feys Tür. Sie öffnet, nur mit einem Handtuch bekleidet, und strahlt noch mehr, als es sonst schon der Fall ist. Jede Frau wäre stolz auf so eine strahlende Haut. Mein erster Gedanke ist, dass das nicht gesund sein kann. Hautkrebs ist in diesem Fall wohl noch das geringste Übel, das entstehen kann. Fey lächelt mich an und strahlt wie ein Engel. Natürlich ist sie kein Engel. Sie behauptet eine Fee zu sein. Fey die Fee. Ich glaube, sie ist einfach geisteskrank. Was soll’s? Wir haben doch alle einen an der Waffel. Sie bittet mich herein. Fee oder nicht, das Angebot schlage ich nicht aus. Sie lässt das Handtuch fallen und zieht mich am Arm ins Badezimmer. Unter die Dusche. Gute Sache. Seit der ganze Wahnsinn angefangen hat, bin ich nicht mehr zum duschen gekommen. Wahrscheinlich stinke ich schon wie Nick nach einer Nacht unter seiner Siffbrücke. Der Gedanke, dass sie mir wenigstens etwas Zeit hätte geben können, um meine Klamotten auszuziehen, wird von einem Kuss verdrängt. Immerhin wird meine Jeans so gleich mit gewaschen.

Fey muss arbeiten. Ich schleppe die nassen Klamotten über den Hausflur in meine Wohnung und werfe sie zum Trocknen in eine Ecke. Auf dem Couchtisch steht der Laptop. Der Blog-In-Progress ist seit Tagen geöffnet, aber kein Wort geschrieben. Ich setze mich hin und versuche, etwas in den ersten Post zu tippen. Meine Gedanken schwirren um Engel, Feen, Models und andere hübsche Gestalten. Was soll ich damit anfangen? Die Tür gegenüber fällt ins Schloss. Fey ist schon wieder zu Hause. Ich glotze durch den Türspion. Fey verlässt wieder ihre Wohnung. Ich öffne meine Tür und kann gerade so verhindern, dass sie Fey auf den Kopf fällt, als die Angeln nachgeben. Ich lege die Tür in den Flur und frage, warum Fey nicht arbeiten ist, wie sie gesagt hat. Ich klinge wahrscheinlich wie ein eifersüchtiger Ehemann. Da findet man ein mal ein Mädchen, dass einen nicht beim ersten Treffen in den Wind schießt und schon erhebt man Besitzansprüche. Ich hasse mich selbst für die Frage. Fey hat etwas Wichtiges vergessen, das sie auf der Arbeit braucht. Ich kann mich davon abhalten, zu fragen was es ist. Sie soll nicht denken, dass ich ein eifersüchtiger und neugieriger Arsch bin. Eins der beiden reicht erst mal. Da ich eh nichts im Blog zustande bringen werde, biete ich an sie zur Arbeit zu bringen und dann ein paar Erledigungen in der Stadt zu machen. Auch wenn ich selbst nicht den blassesten Schimmer habe, was für Erledigungen das sein sollen. Sie freut sich über das Angebot, schlägt aber vor, dass ich mir zumindest eine Hose anziehen soll. Eine gute Idee. In der Küche finde ich eine Jogginghose, die noch nicht vor Dreck zu Stein erstarrt ist und ein fleckenloses Shirt.

Sie hat es offenbar nicht sonderlich eilig in die Redaktion zu kommen und schlendert langsam neben mir durch die Stadt. Sie ist verhältnismäßig ruhig. Zugegeben, sie ist sowieso keine, die dauernd rumlabert, aber zumindest ein oder zwei Worte könnte sie schon sagen. Zum Beispiel darüber, wie das Leben als Fee denn so ist. Ich überlege, ob ich sie einfach fragen soll, aber entscheide mich dagegen. Vielleicht will sie das Thema lieber vermeiden und ich will nicht riskieren, alles kaputt zu machen, was bis hier hin recht gut funktioniert hat. Ich werde die Sache mit ihr ohnehin noch versauen, aber das muss ja nicht ausgerechnet jetzt sein.

Wir erreichen das Büro. Sie bleibt vor der Tür stehen.

»Das war nett von dir«, sagt sie und drückt mir einen Kuss auf die Wange.

Ich täusche einen Hustenanfall vor, damit sie nicht sieht, wie ich wegen dem Kuss rot anlaufe. Wahrscheinlich glaubt sie jetzt, dass ich denke, sie hat die Pest, oder sowas.

Ich gehe weiter und wühle in meinen Taschen nach Geld, um mir mal ein paar lebensnotwendige Dinge zu kaufen. Das Kleingeld reicht gerade noch für Zigaretten. Das sollte für den Anfang reichen. Eventuell ist auch noch eine Dose Bier drin.

Auf dem Weg zum Kiosk überquere ich eine Brücke. Ich könnte auch zu einem anderen Kiosk gehen, aber der von Kyra ist mir am liebsten. Liegt vielleicht daran, dass sie nicht viel redet. Um ehrlich zu sein, habe ich sie noch nie ein Wort sprechen gehört. Dass sie die Kapuze ihres Pullovers immer so weit über den Kopf gezogen hat, dass man nichts von ihrem Gesicht sehen kann, würde anderen wohl komisch erscheinen. Aber wer kann es ihr verdenken? Es laufen viele Irre herum, die nur darauf warten, eine hübsche Kioskbesitzerin zu missbrauchen.

Während ich so über Irre nachdenke, klettert einer davon am rostigen Geländer der Brücke hoch, über die ich gerade laufe. Ich sehe ihn schon abschmieren und unten im Fluss landen, aber er schafft es irgendwie, sich über das Brückengeländer zu hangeln und vor mir auf dem Gehsteig zu landen.

Es ist Nick. Und ich dachte schon, der ekelhafte Fischgestank käme vom Hafen rübergeweht. Zu meinem Glück hat er keinen Schreibratgeber in der Hand, mit dem er mich erschlagen könnte.

»Ich brauche deine Hilfe«, sagt er, ohne den Mordversuch zu erwähnen.

»Glaube ich gerne«, sage ich und wühle in der Tasche nach meinem Kleingeld.

Er sieht sich nervös um, packt mich am Arm und schleift mich von der Brücke runter hinter einen Müllcotainer am Straßenrand. Ich wäre lieber auf der Brücke geblieben.

»Ich werde verfolgt«, stinkt er mir ins Gesicht.

Ich unterdrücke den Würgreiz, den sein Atem verursacht und versuche mich auf etwas anderes zu konzentrieren, was dummerweise seine grünen Zähne sind, die mich dann doch zum kotzen bringen.

»Bist du krank?«, fragt er.

Vollidiot. Ich hätte einen größeren Schreibratgeber nehmen sollen. »Was willst du, Nick?«

»Du musst mich verstecken. Ein Drache verfolgt mich.«

Mich beschleicht langsam das Gefühl, dass alle in der Stadt völlig bekloppt sind. Oder nur ich selber. Ich weiß was folgt und lade ihn zu mir nach Hause ein, damit er meine Bude aufräumen kann, während er mich mit einer weiteren abstrusen Geschichte nervt.

FORTSETZUNG FOLGT IN TEIL 9

Auf der Suche nach dem ersten Blogpost #2

Zu Teil 1

Suche nach Blogpost

Selbst wenn man niemals Besuch kriegt, kann man sich auf eine Sache ganz sicher verlassen: Wenn eine Leiche im Wohnzimmer liegt, kommt jemand vorbei.
Hinter der Tür steht Fey. Eine junge Frau, die vor wenigen Tagen in die Wohnung gegenüber eingezogen ist. Unsere Bekanntschaft beschränkt sich auf ein Aufeinanderprallen im Treppenhaus, bei der ich ihr auf den Fuß getreten bin. Sicher, dass sie mich für immer hassen wird, verschwand ich in meiner Wohnung und sah ihr durch den Türspion zu, bei dem mehrminütigen Versuch, ihre Wohnungstür aufzuschließen. Nach etwas Gefluche, das wohl nicht nur der Tür galt, sondern auch dem schmerzenden Fuß und dem Vollidioten, der gegenüber wohnt, gelang es ihr, in ihre Wohnung zu humpeln.
Um so überraschter bin ich, sie jetzt vor mir zu sehen. Ich stelle mich auf eine wütende Rede, oder eine Ohrfeige ein. Zu meiner Überraschung bleiben die vermuteten Aggressionen aus. Sie lächelt mich an. Ein Strahlen geht von ihr aus. Ich schiele an ihr vorbei zu dem Fenster im Flur, um zu kontrollieren, ob sie von der Sonne angestrahlt wird und deshalb zu glänzen scheint. Draußen hängen schwarze Wolken am Himmel und lassen kaum Licht durch. Ich schaue sie fragend an.
»Du fragst dich sicher, warum ich hier bin«, sagt sie.
»Auch«, antworte ich wahrheitsgemäß und suche weiter nach der Quelle des Schimmerns.
»Ich kenne niemanden hier«, sagt sie.
Ich verzichte auf weitere Untersuchungen der Erhellung und konzentriere mich darauf, ihr zuzuhören, da mir schon bei ihrem zweiten Satz droht, dass ich den Faden verliere.
»Hm«, sage ich, da mir gerade nichts besseres einfällt. Ich fühle mich direkt wie ein Trottel. So ist es immer, wenn ich mich mit hübschen Mädchen unterhalte. Mein Gehirn schaltet sich plötzlich ab und ich stammel vor mich hin, auf der Suche nach einem intelligenten Satz. Mir fiel bis heute nie einer ein, egal wie lange das Gespräch gedauert hat.
Sie starrt mich an und denkt bestimmt daran, schnell wieder zu gehen und mit jemandem zu reden, der kein Idiot ist. In völliger Verzweiflung bitte ich sie herein. In die Wohnung mit der Leiche auf dem Teppich, die ich für einen Moment komplett vergessen habe. Mein Gehirn hat beim Abschalten ganze Arbeit geleistet. Sie lehnt das Angebot glücklicherweise ab und erzählt mir, dass sie Reporterin ist und später einen Zeugen in einer interessanten Story, an der sie gerade arbeitet, aufsuchen will. Sie sucht jemanden, der sie zum Schutz begleitet. Und da sie niemanden sonst hier kennt, fragt sie mich.
Mich auf meine Ehre als Beschützer aller Frauen berufend, sage ich zu. Um genau zu sein, sage ich nur zu, weil sie ein hübsches, nettes Mädchen ist, aber etwas Ehre ist vielleicht trotzdem unterbewusst im Spiel.
Sie geht zurück in ihre Wohnung. Das Strahlen verschwindet mit ihr. Ich sehe mich noch mal im Flur um, dann schüttele ich den Kopf und denke nicht weiter darüber nach. Manche Dinge überfordern meinen Verstand einfach, also warum Zeit damit verschwenden.
Ich gehe zurück in meine Bruchbude. Wie das Strahlen im Flur, ist auch die Leiche im Wohnzimmer verschwunden. Nur ein roter Fleck auf dem Teppich ist zurückgeblieben. Ich suche die Wohnung ab. Nick ist nicht auffindbar. Und auch kein Teppichreiniger.

FORTSETZUNG FOLGT IN TEIL 3