Livingon – Guns and Carpets

LIVINGON #4 – GUNS & CARPETS – APR 2020

 

Elin Parker schaute aus dem Fenster. »Gerard, sagtest du nicht, dass dies die friedlichste Stadt der Welt sei?«

Gerard Barrow fummelte mit einer Zange an einer Steckdose herum. »So stand es in der Zeitung. Warum fragst du?«

»Das Auto unserer Nachbarn wird gerade gestohlen, jemand versucht eine Person vom Dach gegenüber zu werfen und vorhin wurde ein Teppich, aus dem zwei Füße herausschauten, im Müllcontainer unten im Hof entsorgt. Amateurhaft, wenn ich das anmerken darf.«

»Ich schätze, auch die friedlichste Stadt hat mal einen schlechten Tag.« Gerard zog an einem Kabel in der Steckdose. »Welcher Trottel hat diese Kabel verlegt?« Ein letzter Ruck lockerte das Kabel.

Ein seltsames Geräusch aus der Nachbarwohnung. Als würde etwas fallen.

»Was war das?« Gerard legte ein Ohr an die Wand.

»Du weißt genau, was es war.« Elin schüttelte den Kopf. »Du holst den Teppich, ich hole die Schaufel.«

Animal Mother schlug mit ihrer Tigerpranke zu und schleuderte Polizeichef Clifton Blake gegen marode Fässer. Er blieb in einem Haufen Holz liegen.

Detective Vincent Verity eröffnete das Feuer auf die animalistische Gefahr. Animal Mother drehte sich um. Die Kugeln prallten an ihrem Gürteltierpanzer ab.

»Was zur Hölle ist das für ein Viech?« Verity schaute Daxton Scott und Lillian Gillan an, die mit grüner Haut und Fell am gesamten Körper neben ihm standen. »Und was zur Hölle seid ihr für Viecher?«

»Es ist eine lange Geschichte«, sagte Daxton.

»Es ist eine sehr kurze Geschichte«, sagte Lillian. »Du hast Kaffee mitgebracht und dann ging alles vor die Hunde.«

»Kaffee?« Verity nahm Animal Mother erneut unter Beschuss. »Das bringt nichts«, erkannte er richtig. »Wir brauchen einen anderen Plan.« Er schaute sich um. »Wo seid ihr?«

Daxton und Lillian liefen zum Ladekran. An dem langen Stahlseil hing ein schwerer Container. Genau das richtige, um Animal Mother loszuwerden.

»Ich lenke die Hafenarbeiter ab und du kletterst auf den Kran«, schlug Lillian vor.

»Kein Problem. Ich nutze einfach meine neuen Tarnfähigkeiten.« Er färbte sich knallrot.

»Nimm lieber eine Farbe, die nicht so auffällig ist.«

Daxtons Haut wurde blau. Er ließ den Kopf sinken und seufzte. »Mir fehlt eindeutig die Übung.«

»Beim nächsten Außeneinsatz nehme ich einen Raketenwerfer mit.« Verity wich einem Schlag der Tigerpranke aus. Er rollte neben einen Kistenstapel und feuerte seine Waffe ab. Die Kugeln gingen ihm aus.

Gelbe Schlangenaugen starrten ihn an. »Dassss isssst dein Ende«, zischte Animal Mother und holte zum entscheidenden Hieb aus.

»Später vielleicht«, sagte Verity, presste sein Gesicht auf den Boden und hielt sich die Arme über den Kopf.

Ein vorbei rauschender Container fegte Animal Mother davon und versank mit ihr im Hafenbecken.

Der One Armed Gun Man zielte mit seinem Revolver auf Alison Conarys Kopf. Alison erkannte ihn. Es war der Verbrecher, den sie und Frank verfolgt hatten.

Die Explosion hatte Wayne Hill einen Arm gekostet und er suchte jemanden, den er dafür verantwortlich machen konnte.

»Du denkst darüber nach, wegzulaufen, nicht wahr?« Wayne wedelte mit der Pistole. »Denkst, dass ich dich ohnehin nicht treffen würde.« Er zielte an Alison vorbei und feuerte die Waffe ab.

Die Kugel prallte von einem Stein ab, flog zwischen Alisons Beinen hindurch, streifte ein Abflussrohr, änderte die Richtung und tötete eine Fliege, die auf Waynes Schulter saß. »An deiner Stelle, würde ich genau dort stehen bleiben. Wir müssen uns unterhalten.«

»Von einem Ventilator erschlagen.« Elin pustete in ihren Kaffeebecher. »Unglaublich. Du bist wirklich ein Naturtalent.«

Gerard grub mit der Schaufel ein Loch im Wald. »Du weißt, dass es keine Absicht ist.«

»Du könntest trotzdem vorsichtiger sein. Wenn man so viele Leichen hinter sich gelassen hat, sollte man sich mal Gedanken machen.« Elin stellte ihren zu heißen Kaffebecher auf einen Baumstumpf. Der Becher fiel um. Der Kaffee ergoss sich über den Waldboden und sickerte in die Erde.

Der dumpfe Hall von Stimmen. Die ersten Geräusche, die Tanaya Woods seit Tagen hörte. Sie wusste nicht, wie lange sie schon gelähmt in totaler Finsternis lag. Ihre letzte Erinnerung war ein heranrasendes Auto auf der Straße im Wald, als sie von der Demonstration gegen die Abholzung kam. Vor unbestimmter Zeit wachte sie in dieser Dunkelheit auf. Bewegungsunfähig. Vom Kopf abwärts gelähmt. Ein Luftloch über ihrem Gesicht hielt sie am Leben. Aber wie lange noch? Um Hilfe rufen. Nicht möglich. Nur ein Krächzen aus der trockenen Kehle. Tränen. Die Erkenntnis, dass Rettung unwahrscheinlich war. Tropfen auf ihr Gesicht. Aus der Erde über ihr. Der Geschmack von Kaffee. Seltsam.

Gerard steckte die Schaufel in den Boden. »Das sollte tief genug sein.« Er schaute in das Loch. »Glaubst du, wenn in vielen Jahren jemand die Leichen hier findet, wird man hier einen Friedhof eröffnen, weil es zu viel Aufwand wäre, die ganzen Leichen auszubuddeln?«

»Manchmal habe ich das Gefühl, dass du Spaß am versehentlichen Töten hast.«

»Nein, nein. Aber wir wissen beide, dass sich hier schon bald einige Körper ansammeln werden.«

Die Erde wackelte. Laub wirbelte auf. Der Boden riss auf. Wurzeln und Ranken schossen in die Luft. Äste legten das Gesicht von Tanaya Woods frei. Eine Ranke goss den Rest des Kaffes in Tanayas Mund.

»Ah, das tat gut.« Sie bäumte sich auf. Überall aus ihrem Körper sprossen Gewächse. »Danke für den Kaffee. Der hat wirklich geholfen. Habt ihr zufällig meine Mörder gesehen?«

Livingon – Investigations

LIVINGON #2 – INVESTIGATIONS – FEB 2020

 

Im Polizeihauptquartier von Livingon zitterte Polizeichef Clifton Blake hinter seinem Schreibtisch und ignorierte den Umstand, das die Heizung defekt war. Jemand klopfte an die Tür. Detective Vincent Verity wartete nicht auf eine Antwort und betrat das Büro in einen dicken Pelzmantel gehüllt. Er warf eine Akte auf den Schreibtisch.

»Clarence Statterstot«, begann er, »hat für die Polizei gearbeitet. Ein Statistiker wie er im Buche steht. Angeblich konnte er jede Kriminalstatistik auswendig im Detail vortragen. Eine echte Bereicherung.«

Blake las in der Akte. »Klingt bisher nicht kriminell. Eher im Gegenteil. Was ist geschehen?«

»Er drehte durch. Die Statistiken gefielen ihm nicht, also begann er selbst, Verbrechen zu begehen, um sie nach seinen Vorstellungen zu verändern.«

»Klingt völlig irre.«

»Aber erfolgreich. Er begann mit ein paar Einbrüchen und steigerte sich bis hin zum Mord.«

Blake legte die Akte weg. »Und das?« Er zeigte hinter sich, wo ein Fenster einen Blick auf die Stadt bot. »Wie hat er es bewerkstelligt, alle Verbrecher gleichzeitig aus dem Knast zu holen?«

»Um ehrlich zu sein«, Verity stand auf, »würde ich mir davon selber gerne ein Bild machen.«

»Eine Vermutung?«

»Sagen wir, ich habe Ideen. Aber ich würde mich gerne mit dem Gefängnispersonal unterhalten, bevor ich endgültige Schlüsse ziehe.«

»Diese Gelegenheit, aus der Kälte zu kommen, lasse ich mir nict entgehen.« Blake holte seine Waffe aus der Schublade. »Ich fahre.«

Eine Stunde später standen Blake und Verity in einer leeren Gefängniszelle und starrten in ein Loch.

»Und niemand hat etwas gehört?« Verity befragte das Personal. Er kannte die Antworten bereits, aber suchte nach der Bestätigung seiner Theorie.

Das Personal schüttelte den Kopf.

»Wie ich dachte.« Verity nickte.

Blake wurde ungeduldig. »Wollen Sie uns vielleicht erluchten oder sollen wir noch eine Weile in das dunkle Loch glotzen?«

»Vor einiger Zeit war ich an einem Fall beteiligt, bei dem eine Gruppe von Bankräubern mit der Hilfe einer neuen Lasertechnologie Löcher unter die Tresorräume von Banken gebohrt hat. Die Banken bemerkten es erst, als die Tresore bereits leergeräumt waren. Die Laser sind völlig lautlos.«

»Woher kamen diese Laser?« Blake vermutete, die Antwort bereits zu kennen.

»Die Ermittlungen endeten in einer Sackgasse.«

»Natürlich taten sie das.« Blakes Vermutung war richtig.

»Aber über unseren Ausbrechergehilfen haben wir vielleicht eine neue Spur. Wenn wir Statterstot finden, finden wir die Laser und dann finden wir die Bankräuber.«

»Sie sagen das, als würde Statterstot in der nächsten Kneipe auf uns warten. Wir haben nicht die geringste Spur von dem Mann. Er könnte die Stadt bereits verlassen haben.«

»Das halte ich für unwahrscheinlich. Er wird sich sein Werk aus der Nähe betrachten wollen.«

»Ihr Bullen seid wirklich nicht die Hellsten, oder?« Eine Frauenstimme kam aus einer der Zellen.

Felicia Fenix galt als die größte Ausbrecherkönigin der Welt. Die Ironie, dass sie zur Zeit die einzige Insassin des Gefängnisses von Livingon war, blieb den Polizsiten verborgen. Sie lag gemütlich auf ihrem Bett und wedelte mit einem Brief.

»Wenn ihr Breibirnen euren Job gescheit machen würdet, hätte der Ausbruch gar nicht stattgefunden.« Sie hielt Blake den Brief hin. »Statterstot hat allen Insassen bereits vor Wochen einen Brief geschrieben, in dem er den Ausbruch ankündigte.«

Blake nahm den Brief aus dem Umschlag. Er war handgeschrieben. Statterstot machte sich offensichtlich keine Sorgen darum, erwischt zu werden. Sogar eine Absendeadresse stand darauf. Blake überflog den Brief. Er handelte von einem Ausflug ans Meer. »Ich kann hier nichts von einem Ausbruchsplan finden.«

»Meine Fresse, seid ihr Streifenhörnchen dämlich. Die Botschaft ist natürlich etwas versteckt. Von oben nach unten gelesen ergeben die erste und letzte Reihe den Plan. Und bevor ihr Siplisten fragt: Das Datum ist die Absendeadresse.«

»Hausnummer 111«, las Blake. »Also ist die Adresse gefälscht und existiert überhaupt nicht?«

»Was denkst du, Meisterdetektiv?«

Blake steckte den Brief ein. »Darf ich den behalten?«

»Klar. Ich hatte nicht vor, ihm zu antworten.«

»Danke für die Hilfe, Miss …?«

»Fenix. Felicia Fenix.«

»Darf ich fragen, warum Sie noch hier sind, Miss Fenix?« Blake betrachtete das zugeschaufelte Loch in ihrer Zelle.

»Bitte, nenn mich Felicia. Sonst fühle ich mich nur alt.« Felicia setzte sich auf. »Wenn ich hier raus will, gehe ich hier raus. Ich benötige keine Hilfe von irgendeinem Wahnsinnigen, der die Stadt ins Chaos stürzen will. Hier drin ist es momentan wundervoll ruhig und entspannend. Ich haue ab, wenn die ganzen Möchtegernkriminellen mir hier drin wieder auf die Nerven gehen. Bis dahin ist es hier wie im Urlaub. Nur ohne kühle Cocktails und heiße Schnitten im Bikini.«

Blake und Verity kehrten zum Auto zurück. »Eine interessante Person«, bemerkte Blake.

»Völlig irre, wenn Sie mich fragen.« Verity schaute zu den Gefängnistürmen hoch. »Als ob sie einfach so aus dem Knast marschieren könnte, wann es ihr passt.«

»Allen anderen ist es offensichtlich gelungen.« Blake stieg ein.

Verity schüttelte den Kopf und setzte sich auf den Beifahrersitz. »Ja, aber nur mit der Hilfe von Statterstot. Von dem wir immer noch keine Spur haben.«

»Wir sollten die Adresse auf dem Brief überprüfen. Vermutlich ist sie erfunden, aber sicher ist sicher.«

»Einen anderen Anhaltspunkt haben wir ohnehin nicht.« Verity schnallte sich an.

»Gibt es etwas neues zum Brandstifter?« Blake graute es bereits davor, wenn sich schon bald die Fälle stapeln würden und hoffte die vorhandenen so schnell wie möglich abschließen zu können.

»Bisher nicht. Ich habe Garcia den Fall übertragen. Vielleicht hat sie schon erste Ergebnisse, wenn wir zurück sind.«

Juana Garcia war weit von Ergebnissen entfernt. Sie stand in ihrem Mantel an einer Magnettafel mit zwei Fotos. Eins zeigte Commandant Whiskers, den ehemaligen Leiter der Polizeiakademie, dessen verkohlte Leiche in diesem Moment obduziert wurde. Das zweite Foto zeigte Alison Conary, Rekrutin an der Polizeiakademie, die ein Aufeinandertreffen mit dem Brandstifter überlebt hatte. Polizeichef Blake überlebte ebenfalls und war laut eigener Aussage das Hauptziel des Flammenwerfers. Garcia zitterte. Die Kälte lenkte vom Denken ab und erschwerte die Lösung des Falls. Bisher hatte sich Garcia zusammengesetzt, dass es der Feuerleger auf Polizisten abgesehen hatte. Aber warum? Wo kam er her? Wieso nutzte er ausgerechnet Feuer? Garcia hatte keine Antworten auf diese Fragen. Vielleicht konnte ihr Alison ein paar beantworten. Und sie konnte sich in der Polizeiakademie etwas aufwärmen.

Eine Flasche flog durch die Eingangstür.

Sie zerbrach in der Vorhalle.

Ein Feuerkreis setzte Tische und Vorhänge in Brand. Es wurde schlagartig warm im Polizeihauptquartier.

Livingon – Day One 3

LIVINGON #1.3 – DAY ONE PART 3 – JAN 2020

Polizeichef Carlton Blake wich der Flammenwerferattacke aus und eröffnete das Feuer auf Free Fire.

Die Kugeln prallten von der Rüstung ab. Blake trug keinen Schutz gegen die heiße Feuerwand, die auf ihn zurollte. Er sprang hinter das Auto. Die Flammen rauschten über ihn hinweg und versengten seine grauen Haare.

Mit seiner Pistole würde er hier nicht weit kommen. Er brauchte einen anderen Plan.

Alison Conary hatte einen Plan und trat aufs Gaspedal. Free Fire richtete die Waffe auf den heranrollenden Wagen. Die heiße Welle folgte dem vorbeirauschenden Auto. Alison schaute in den Rückspiegel. Free Fire widmete sich wieder dem Polizeichef.

Blake schaute wie ein Reh in die Mündung des Flammenwerfers. Der nächste Stoß würde mehr versengen, als nur seinen Haaransatz. Free Fire betätigte den Abzug.

Die Mündung spuckte eine winzige Stichflamme aus. Es folgte schwarzer Rauch. Das Auto raste heran. Free Fire drehte sich um und konnte noch die Arme vors Gesicht heben, bevor der Aufprall einige Dellen in die Rüstung schlug.

Alison hielt an und kurbelte das Fenster runter.

»Kein Benzin mehr.«

Blake schaute sie mit offenem Mund an. »Was?«

»Das Flammenwerfermodell verbrennt bei dieser Benzinmischung genau drei Flammenstöße, dann muss der Tank aufgefüllt werden.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Ich glaube, ich kriege gleich einen Herzinfarkt.« Blake lehnte sich an die Karosserie und atmete tief durch.

Hinter ihm setzte sich Free Fire auf wie ein Cyborg.

»Wir sollten jetzt los.« Alison stieß die Beifahrertür auf.

Free Fire hielt eine Flasche mit einem Tuch im Hals in der Hand.

»Einverstanden.« Blake sprang auf den Sitz.

Mit quietschenden Reifen fuhr der Wagen davon. Im Rückspiegel sahen sie die Straße in Flammen aufgehen.

Die Farbe entfernte sich aus Daxtons Haut. Es handelte sich nicht um einen Nebeneffekt der übertragenen Chamäleonfähigkeiten. Es war schlichte Todesangst.

Dogtooth knurrte. Lillian verbrachte jeden Tag mit Hunden. Sie wusste, was zu tun war. Sie zog einen Knochen aus ihrer Tasche und warf ihn aus dem Fenster. Dogtooth sprang hinterher. Einen uralten Instinkt legte auch ein mutierter Hund nicht ab.

»Was zum Geier passiert hier?« Lillian strich über ihr Fell.

»Ich habe nicht den blassesten Schimmer.« Die Blässe wich aus Daxtons Haut und sie nahm einen Grünton an. »Irgendwie haben sich die Eigenschaften der Tiere auf uns übertragen.« Daxton betrachtete seinen Arm. »Ich habe offensichtlich die Fähigkeiten von Carl gekriegt.« Er schaute Lillian an. »Und du die vom Lama.«

»Ich wusste, dass es keine gute Idee war, das Lama aufzunehmen.«

»Es könnte schlimmer sein.«

»Wie?«

Daxton zeigte zum Fenster, durch das Dogtooth verschwunden war. »Du könntest das da sein.«

Fest entschlossen ihr kriminelles Leben hinter sich zu lassen, fuhren Gerard Barrow und Elin Parker durch den Wald. Livingon versprach Möglichkeiten für einen Neuanfang. Eine neue Stadt. Ein neues Leben. Gute Vorsätze, die in diesem Moment zerschmettert wurden.

Die Frau lag leblos auf dem Asphalt. Neben ihr ein Schild. Darauf stand

Auf den ersten Blick war klar, dass diese Frau keinen Wald mehr retten würde.

»Du hast die Frau überfahren!« Elin schlug Gerard gegen die Schulter. »Weil du nie auf die Straße achtest.«

»Sie stand plötzlich auf der Straße.«

»Niemand steht einfach plötzlich auf der Straße.«

»Ich glaube, im Kofferraum ist eine Schaufel.«

»Was willst du mit einer Schaufel?«

»Was glaubst du? Eine Leiche macht sich nicht gut beim Neuanfang.«

»Ich sollte dich mit vergraben, dann hätte ich weniger Sorgen.« Elin stieg aus. »Ich trage die Schaufel.«

Alison ließ sich aufs Bett fallen. Sie hatte die Polizeiakademie erreicht und hoffte darauf, dass der Rest des Tages ruhig verlief.

Dieses Dröhnen. Ihre Kopfschmerzen verstärkten sich. Ungewöhnlich. Sie hatte nie Kopfschmerzen.

Die Tür flog auf und eine Blondine eilte zum Bett. Sie umarmte Alison mit einem Druck, der ihr die Luft abschnürte. Vielleicht würde die fehlende Sauerstoffzufuhr zum Gehirn ihre Kopfschmerzen lindern. Nein, das war es nicht wert.

»Penny, du drückst mir die Luft ab«, röchelte Alison.

»Ich habe gerade erst von deinem Unfall erfahren. Geht es dir gut?«

Penny Pearl. Das bekannteste Model der Stadt. Alisons beste Freundin. Sie hatte immer eine Kopfschmerztablette in ihrer Handtasche.

»Ich habe dir ja gesagt, dass dieser Job nichts für dich ist. Du hättest Model werden sollen.«

»Penny, ich habe bei weitem nicht dein Aussehen, deine Ausstrahlung und dein Selbstbewusstsein.«

»Man ist immer so schön, wie man sich fühlt.«

»Alt.«

»Wer ist alt?«

»Es heißt, ›man ist so alt, wie man sich fühlt‹.«

»Nun, wir fühlen uns jung, also sind wir wunderschön, nicht wahr?«

Gegen Pennys optimistische Grundeinstellung fehlten Alison die Argumente. Außerdem hinderten ihre Kopfschmerzen sie daran, klar zu denken. Sie schaute auf Pennys Handtasche, in der sich vermutlich Aspirin befand. Beim Gedanken daran hatte sie das Gefühl, dass ihr Gehirn explodierte. »Aspirin heißt eigentlich Acetylsalicylsäure und wird bereits seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts von Pharmaherstellern vertrieben.« Alison ratterte den Satz runter, als würde sie einen Lexikonartikel auswendig aufsagen.

»Warum erzählst du mir das?«

Alison sprang auf und hielt sich den Kopf. »Ich weiß es nicht.«

»Ist alles in Ordnung mit dir?«

»Deine Handtasche wiegt 4,3874295 Kilogramm. Das wird für ungefähr eine Zehntelsekunde einen Abdruck auf dem Teppich hinterlassen.«

»Du machst mir Angst, Alison.«

»Angst ist ein Grundgefühl und entsteht, wenn man sich bedroht fühlt. Sie schärft die Sinne und aktiviert den Überlebensinstinkt. Die Ausschüttung von Adrenalin, Noradrenalin, Kortisol und Kortison bewirkt « Alison blieb sie still stehen. Sie blinzelte und schüttelte den Kopf. »Die Kopfschmerzen sind weg.«

»Ähm … gut?«

Alison setzte sich auf ihr Bett. »Ich habe das Gefühl, dass sich mein Kopf mit jeder Menge Wissen füllt. Als würde jemand mit einem Druckluftreiniger Fakten in meinen Kopf schießen.«

»Du hattest einen anstrengenden und aufregenden Tag. Du brauchst Ruhe. Schlaf dich aus. Ich komme dich morgen wieder besuchen.«

Penny stand auf und ging. Vermutlich hatte sie recht. Trotzdem hätte sich Alison besser gefühlt, wenn sie ihr Acetylsalicylsäure dagelassen hätte.

Daxton Scott rieb sich über die schuppige Haut. »Es ist unglaublich.« Er konzentrierte sich. Seine Haut färbte sich blau. »Verdammt. Ich wollte grün.«

»Kannst du mal mit dem Quatsch aufhören und mit mir nach einer Lösung für unser Problem suchen?« Lillian Gillan spuckte an die Wand und schnitt mit einer Schere das Fell an ihren Beinen.

»Ich weiß nicht, was geschehen ist. Wir müssen mit irgendetwas in Kontakt gekommen sein, das unsere DNA mit der von den Tieren vermischt hat.«

Lillian starrte Daxton stumm an.

»Oder so«, fügte er hinzu und schaute zu Boden, um dem Blick auszuweichen. Ein brauner Fleck zog seine Aufmerksamkeit auf sich. »Der Kaffee!«

»Was ist mit dem Kaffee?«

»Du hast davon getrunken. Ich habe davon getrunken. Und Dogtooth hat ihn aufgeleckt.« Daxton dachte nach. »Und die Frau war auch noch da.«

»Welche Frau?«

Die Tür flog auf.

»Diese Frau.«

»Wer ist das?«

»Die Besitzerin des Tierheims.«

Miss Creston stand in der Tür, starrte Daxton durch gelbe Augen an.

Eine gespaltene Zunge schob sich durch ihre ledrigen Lippen. »Wasssss hasssst du mit mir angesssstellt?«

Gerard Barrow hielt den Wagen an. Von dem Hügel vor der Stadt hatte man einen guten Blick auf Livingon. Er legte die Hand um Elin.

»Unser neues Zuhause. Eine ungewisse Zukunft, aber eine ehrliche und verbrechenslose erwartet uns.«

Hinter den Gebäuden ging die Sonne unter. Aus einem Schornstein in der Mitte der Stadt stieg grüner Rauch auf. In der Ferne verstummten die Sirenen. Die Verbrecher und Gesetzeshüter erholten sich von einem aufregenden Tag.

Elin lächelte und legte den Kopf auf Gerards Schulter. »Sieht aus, als könnte man hier ein wundervolles Leben führen.«

Livingon – Day One 2

LIVINGON #1.2 – DAY ONE PART 2 – JAN 2020

 

Ein lautes Dröhnen. Ein heller Lichtschein. Umherfliegender Beton. Alison Conarys Erinnerung beschränkte sich auf diese Fetzen, deren Überreste um sie herum lagen. Staub. Steine. Stille.

Eine Hand streckte sich ihr entgegen. Sie zog Alison aus den Trümmern. Eine warme Decke. Wasser. Ausruhen. Sich erinnern. So viele Fragen …

 

Der Besuch beim Bäcker gehörte für Daxton Scott zu einem gelungenen Morgen, wie ein Blick auf die See, die vom Sonnenaufgang in einen roten Schimmer getaucht wurde. Er riss sich von dem Anblick los und betrat die Bäckerei.

Die Frau, mit der er zusammenstieß, ging wortlos weiter.

»Der junge Stiff Baker«, krächzte eine alte Frau über ihre Kaffeetasse hinweg und wedelte mit ihrem Gehstock in die Richtung des jungen Bäckers hinter der Theke.

»Ich heiße Steve.«

»Hätte nie gedacht, dass ich das noch erlebe. Als Kind war er immer so tollpatschig.«

Daxton nickte und beeilte sich, seine Bestellung aufzugeben, bevor er die Lebensgeschichte von Steve Baker anhören musste. Er kannte sie auswendig. Die Frau erzählte sie jeden Morgen. Vermutlich stimmte weniger als die Hälfte davon. Steve hatte es sich abgewöhnt, sie zu korrigieren.

Es grenzte an ein Wunder, dass Alison die Explosion unversehrt überstanden hatte. Die anderen Beteiligten hatten weniger Glück gehabt.

»Von Frank Hennigan fehlt jede Spur«, erklärte Polizeichef Carlton Blake. »Auf dem Dach gegenüber wurde ein Arm gefunden. Wir konnten noch nicht feststellen, ob er Frank gehörte.« Er holte einen Notizblock hervor. »Also, was ist passiert?«

»Das Gebäude ist explodiert.« Alison wusste nicht, was Blake von ihr erwartete. Woher sollte sie wissen, was genau geschehen war. Sie war nur zufällig auf dem Dach eines explodierenden Gebäudes gewesen. Im Nachhinein hätte sie sich lieber woanders aufgehalten.

»Sehen Sie, das ist seltsam, Miss Conary. Das Gebäude stand leer. Ich frage mich also, was die Exposion verursacht haben könnte. Erinnern sie sich an gar nichts? Keine Details? Etwas außergewöhnliches? Geräusche? Gerüche? Irgendetwas, das uns weiterbrigen könnte?«

Alison schüttelte den Kopf. Blake steckte den Notizblock weg, ohne etwas aufgeschrieben zu haben.

»Ich kann Sie zurück zur Akademie fahren, wenn sie wollen. Vielleicht fällt Ihnen unterwegs doch noch etwas ein.«

Alison schaute sich die Überreste des Gebäudes an und nickte.

 

Die Hunde begrüßten Daxton mit fröhlichem Schwanzwedeln im Tierheim. Vögel zwitscherten und flogen eine Ehrenrunde. Der Leguan ignorierte ihn. Lillian Gillan begrüßte ihn mit einem Chamäleon auf dem Arm.

»Da bist du ja endlich.« Lillian stellte sich Schulter an Schulter mit Daxton. »Carl ist heute sehr anhänglich und ich muss draußen das Lama füttern.«

Das Chamäleon kletterte auf Daxtons Schulter und schielte auf die Kaffebecher. Lillian schnappte sich einen davon, bevor ihr das Chamäleon oder ein anderes Tier ihr Frühstück wegschnappte und verschwand durch die Hintertür.

Daxton schlürfte seinen Kaffee. Er taumelte durch das wedelnde Hunderudel und wich Vogelkot von oben aus. Dabei übersah er die Frau, die das Tierheim betrat und verschüttete seinen Kaffee über ihre Bluse. Die Hunde eilten neugierig herbei.

Miss Creston trat mit ihren Schlangenlederstiefeln nach dem Hund mit der Zahnlücke, der ihr den Kaffee von den Stiefeln leckte. »Verschwinde, du Misttöle!«

»Es tut mir sehr leid.« Daxton eilte mit dem saubersten Tuch herbei, das er hatte finden können und tupfte die Kaffeflecken von Miss Crestons Mantel aus Robbenfell. Sie scheuchte ihn weg und lutschte den Kaffe von ihren Koalabärhandschuhen. »Trottel. Behandelt ihr so auch die Kunden?« Sie rümpfte die Nase. »Was ist das hier überhaupt für ein Saustall? Kein Wunder, dass der Laden den Bach runter geht.«

»In einem Tierheim ist es schon mal unordentlich.«

»Nicht in meinem Tierheim.«

»Ihrem Tierheim?«

»Ich habe die Bruchbude gekauft. Ich bin dein neuer Boss, Schätzchen. Und zuerst mal räumst du hier auf. Und dann überlege ich mir, ob du weiterhin hier angestellt bleibst.« Miss Creston machte auf der Stelle kehrt und verließ das Tierheim.

»Ihr habt sie gehört, Jungs«, Daxton streichelte Tooth, den Hund mit der Zahnlücke, »ich muss hier aufräumen.« Er brachte das Hunderudel ins Hinterzimmer und schloss die Tür.

Lillian kehrte zurück von der Lamafütterung und erstarrte beim Anblick von Daxton. »Warum bist du grün?«

Daxton schaute sich seinen Arm an, der einen grünlichen Farbton angenommen hatte. »Was zum Geier?«

Lillian veränderte sich ebenfalls.

»Warum wächst dir Fell?«

»Warum schielst du?«

»Warum läuft dir der Speichel das Kinn runter?«

»Was war das?«

Eine Pfote, so groß wie Daxtons Kopf, zersplitterte die Holztür. Eine Hundeschnauze schob sich durch das Loch. Die spitzen Zähne waren so groß wie Finger. Einer fehlte.

Daxton packte Lillian an der felligen Hand und zog sie hinter sich her zum Ausgang.

Tooth sprang durch die Holzreste der Tür und versperrte ihnen den Weg. Er bäumte sich auf und stand auf zwei Beinen vor ihnen. Seine Größe überragte Daxton um mehrere Köpfe. Geifer tropfte durch seine Zahnlücke.

»Braver Hund?« Daxton schluckte.

Die Fahrt verlief schweigsam. Alison dachte über die Ereignisse des Tages nach. Blake dachte über die Welle von Verbrechen nach, die über Livingon hereinbrechen würde. Beide waren sich einig, dass die Stadt nie wieder so sein würde wie zuvor. Eine Gestalt mitten auf der Straße zur Polizeiakademie riss beide aus ihren Gedanken. Sie glich einem modernen Ritter in einer metallenen Rüstung. Ein Schweißerhelm verbarg das Gesicht.

Blake trat auf die Bremse und schaute die Person an. Sie stand regungslos da. Blake starrte. Alison starrte.

»Ich schlage vor, wir fahren weiter«, sagte Alison.

»Ich frage mal nach, was los ist.« Blake öffnete die Fahrertür.

»Das halte ich für keine gute Idee.«

»Keine Sorge«, Blake lud seine Waffe durch, »ich bin immer abgesichert.« Er stieg aus.

Dann rollte eine Feuerfontäne über das Auto hinweg.

Livingon – Day One 1

LIVINGON #1.1 – DAY ONE PART 1 – JAN 2020

Eine Menschenmenge hatte sich vor dem Rathaus von Livingon versammelt. Bürgermeister William Kind näherte sich dem Ende seiner Rede.

»Zum fünften Mal in Folge ist unsere Heimatstadt Livingon die Stadt mit der niedrigsten Kriminalitätsrate weltweit. Die Statistik wird von Jahr zu Jahr besser. Und wir werden hoffentlich auch in einem Jahr wieder hier stehen und diese Urkunde für die Stadtsicherheit an Polizeichef Carlton Blake überreichen. Denn Livingon steht wie keine andere Stadt für eine sichere Zukunft.«

Wie erwartet jubelten die Menschen. Bürgermeister Kind wusste, wie er die Leute auf seine Seite ziehen konnte. Bescheidenheit war der Schlüssel zum Erfolg. Seine unaufdringliche Wahlkampagne mit dem Slogan »Vote for Kind. Would you be so kind?« hatte voll eingeschlagen. Livingon war bevölkert von zurückhaltenden Menschen und Bürgermeister Kind hatte bescheidene Leute in die höchsten Ämter befördert.

Einer dieser bescheidenen Menschen schüttelte in diesem Moment die Hand des Bürgermeisters und nahm die Urkunde entgegen. Blitzlichter hielten diesen Moment für die Zeitungen fest. Es war ein Kampf um das beste Bild und er wurde mit allen Waffen geschlagen, die der Fotojournalismus hergab. Rempler, Gedrängel, Ellbogenstöße … die Fotografen nahmen ein paar blaue Flecken in Kauf, um den perfekten Schnappschuss mitzunehmen. Aufgrund seiner geringen Körpergröße trug Robert Bloom auch mal eine Platzwunde an der Stirn davon. Für ein gutes Bild mussten Opfer gebracht werden.

Polizeichef Carlton Blake bedankte sich beim Bürgermeister. Für die Fotografen hielt er die Urkunde hoch und lächelte durch seinen Drei-Tage-Bart.

»Dank der gutmütigen Menschen von Livingon, findet in dieser Stadt jeder ein sicheres Zuhause. Und dank der hervorragenden Statistik können wir in eine sichere Zukunft blicken.«

Schüsse in die Luft. Ein Mann mit einer zackigen Narbe unterm Auge zog die Aufmerksamkeit auf sich. »Statistiken sind faszinierend, nicht wahr?« Clarence Statterstot, kurz Stats genannt, stand in der Menschenmenge, die sich auf dem Boden zusammengerollt hatte. »Manche sind für die Ewigkeit. Andere lassen sich leicht beeinflussen. Zum positiven. Und zum negativen.« Er betrat das Podium und wedelte mit der Waffe in seiner Hand zum Polizeichef herüber. Blake wich zurück. Mehrere maskierte Männer mit Schrotflinten stellten sicher, dass Polizei und Staatsgewalt sich jede Bewegung gut überlegten. Stats sprach in das Mikrofon. »Sie können jetzt wieder aufstehen.« Die Menge traute sich zögerlich auf die zittrigen Beine. »Keine Angst. Ich werde Ihnen nichts tun. Es lauern größere Gefahren in der Stadt als ich. Sehen Sie, diese Stadt ist nicht so sicher, wie es den Anschein macht. Statistiken können täuschen. Nur eine kleine Änderung reicht aus, um Statistiken zu beeinflussen. Ein Beispiel: In einer Stadt mit einer niedrigen Kriminalitätsrate, können die Zahlen rapide steigen, wenn jemand einen Massenausbruch aus dem Gefängnis inszeniert.«

Sirenen. Aus allen Richtungen. An unterschiedlichen Orten der Stadt. Unzählige Verbrechen, die gleichzeitig begangen wurden.

Stats grinste und breitete die Arme aus. »Ich wünsche Ihnen einen sicheren Heimweg.«

Der Unterricht in der Polizeiakademie hatte sich als langweiliger herausgestellt, als es Frank Hennigan vermutet hätte. Er hatte sich darauf vorbereitet, Verfolgungsjagden zu üben und Motorhaubenrutschen zu trainieren. Stattdessen saß er an einem kleinen Holztisch und notierte sich langweilige Statistiken, die angeblich wichtig waren, um das Verbrechen in der Stadt so gering wie möglich zu halten. Frank hatte eine eigene Vorstellung davon, wie man das Verbrechen bekämpfen sollte und ein Kugelschreiber spielte dabei keine Rolle.

Neben ihm schrieb Alison Conary eifrig mit. Sie liebte die Theorie und war der festen Überzeugung, dass sich jedes Problem ohne Gewalt lösen ließ. Frank bewunderte diese Naivität und auf gewisse Art mochte er Alison für ihre positive Grundeinstellung. Vielleicht, weil sie das genaue Gegenteil zu seinem Pessimismus darstellte. Nichts konnte Alison die Laune verderben. Frank hingegen war von Natur aus negativ geladen und entlud seine Aggressionen regelmäßig am Sandsack oder auf dem Schießstand. Natürlich nicht dem der Polizeiakademie. Bisher hatten die angehenden Kadetten noch nicht mal eine Waffe zu Gesicht bekommen. Geschweige denn abgefeuert. Bis auf Frank hatte vermutlich niemand der Anwesenden jemals eine Pistole in der Hand gehalten. Es war ihm ein Rätsel, wie diese Truppe mit dieser Ausbildung die Sicherheit der Stadt gewährleisten sollte.

Feueralarm. Vermutlich nur ein Fehlalarm. Immerhin verkürzte er den Unterricht. Frank knüllte seine Notizen in die Hosentasche und verließ das Klassenzimmer.

Polizeichef Blake kommandierte seine Truppen. Er wusste, dass es ausweglos war. Ein Mann wie Statterstot ließ sich nicht verfolgen und verhaften. Trotzdem mussten sie es versuchen. Die Polizeiautos fuhren in alle Richtungen davon. Blake erwartete keine Ergebnisse.

»Jemand hat Commandant Whiskers Büro in Brand gesteckt?« Alison schaute zu den Fenstern hinüber, aus denen der letzte Rauch verkohlter Inneneinrichtung aus Mahagoni aufstieg.

»Während er drin war«, ergänzte Frank.

»Schrecklich.«

»Ja.« Frank legte ihr die Hand auf die Schulter. »Hast du Lust mit zum Schießstand zu gehen? Das bringt auf andere Gedanken.«

»Ich fasse keine Waffe an.«

»Musst du nicht. Du kannst zuschauen und dir Notizen machen. Vielleicht hilft es dir eines Tages, wenn du mit einer Waffe bedroht wirst.«

Wayne Hill war kein talentierter Verbrecher. Den Großteil seines Lebens hatte er im Knast verbracht. Die Freude über seine vorzeitige Entlassung, gemeinsam mit allen anderen Insassen, wurde durch die Erkenntnis getrübt, dass er keine Aussicht auf einen Job und ein ruhiges Leben hatte. Frisch bewaffnet betrat er eine Tankstelle, um sich Kleingeld und Zigaretten zu besorgen.

Ein ungewöhnlicher Lärm beherrschte die Stadt. Livingon war immer etwas lauter als die Gegend außerhalb der Stadt, wo sich die Akademie befand. Heute heulten Sirenen und dröhnten Hupen und quietschten Reifen. Ein schwerer Unfall? Frank und Alison hätten sich die Lage genauer angeschaut, aber …

Ein Schuss. Eine zersplitternde Glasscheibe. Ein Mann ergriff die Flucht.

»Ein flüchtiger Verbrecher!« Frank konnte sein Glück kaum fassen. »Komm, den schnappen wir uns.«

Aus einem Reflex heraus lief Alison hinter Frank her. »Wir sind keine Polizisten.«

»Noch nicht.«

Sie bogen in eine Gasse ab.

»Wir haben keine Befehlsgewalt.«

»Das weiß der Verbrecher nicht.«

Sie kletterten eine Feuerleiter hoch.

»Wir sind nicht für eine Verhaftung ausgebildet.«

»Wenn wir ihn geschnappt haben, improvisieren wir.«

»Bleibt zurück oder ich schieße.« Wayne stand auf dem Dach des Gebäudes gegenüber und zielte auf die Polizeikadetten.

Frank und Alison blieben stehen. Wayne schoss.

Die Kugeln rauschten meterweit an Frank und Alison vorbei. Wayne ging hinter einer Kiste in Deckung und lud nach. Er war nie ein talentierter Schütze gewesen. Er hoffte, dass die Verfolger das nicht bemerkten.

»Das ist so aufregend.« Frank kauerte hinter einem Betonblock neben Alison und knöpfte sein Hemd auf.

»Stimmt etwas mit deinem Hemd nicht?«

»Nein, alles wunderbar. Spannung und Action erfordern ein aufgeknöpftes Hemd. Das sieht cooler aus. So einen Moment habe ich mir immer gewünscht.«

»Du hast dir gewünscht, dass man auf dich schießt?«

»Nicht direkt. Aber ich wollte immer Verbrecher jagen und das Böse bekämpfen. Wie ein Superheld. Und dann würden mich die Leute mit meinem Superheldennamen anreden.«

»Und wie lautet der?«

Frank dachte nach.

»ACTION MAN!«, verkündete er strahlend.

»Was Besseres fällt dir nicht ein?«

»Was ist verkehrt daran? Kurz und einprägsam. Und die Bösewichte wissen direkt, was sie erwartet.« Frank stand auf.

»Was hast du vor?«

»Ich fasse den Verbrecher und zeige dir, wie Action Man die Dinge regelt.«

»Er ist bewaffnet.«

»Hast du ihn nicht schießen sehen? Der würde keine Zielscheibe aus einem Meter Entfernung treffen.« Frank grinste. »Mach dir keine Sorgen. Halte dich bereit, ihm seine Rechte vorzulesen. Im Gegensatz zu mir hast du sie bestimmt auswendig gelernt.«

Frank lief los.

Wayne kam aus der Deckung.

Alison spähte vorsichtig um die Ecke.

Frank erreichte die Lücke zwischen den Gebäuden. Er sprang ab.

Wayne schoss.

Die Kugeln rauschten in alle Richtungen um Frank herum davon und verfehlten ihn ausnahmslos.

Alison hielt den Atem an.

Dann explodierte das Gebäude unter ihr.