Livingon – Fire And Water

LIVINGON #3 – FIRE AND WATER – MAR 2020

 

Juana Garcia schlug das Fenster ihres Büros mit einem Stuhl ein. Hinter ihr breiteten sich die Flammen im Polizeirevier von Livingon aus. Nur ein Ausweg. Juana sprang aus dem Fenster.

Cordelia Cove hatte sich ihren ersten Tag bei der Feuerwehr ruhiger vorgestellt. Brände waren keine Seltenheit in Livingon, aber direkt an einem Großeinsatz im Polizeihauptquartier beteiligt zu sein, übertraf ihre Vorstellungen. Sie trank einen Schluck Kaffee und bestaunte das älteste Gebäude der Stadt. Wenn sie und ihre Kollegen das Feuer nicht in den Griff kriegen würden, bedeutet das das Ende des letzten Gebäudes im neogotischen Baustil, das die Modernisierung überstanden hatte.

»Cove, was dauert da so lange?« Feuerwehrausbilder Nathaniel Heading war nicht für seine Geduld bekannt. Das Feuer wartete schließlich auch nicht. »Der Brand löscht sich nicht von alleine.«

Cordelia stellte den Kaffebecher weg und rollte den Schlauch aus. Sie schloss ihn am Hydranten an. Wasser lief ihr in die Handschuhe. »Wasser marsch!«, rief sie und kam sich dämlich vor.

Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine Bewegung in der Gasse hinter dem brennenden Gebäude. Cordelia schaute genauer hin. Aus einem eingeschlagenen Fenster quoll Rauch. Aus einem Müllcontainer unter dem Fenster kroch Juana Garcia. Sie lag auf den dreckigen Pflastersteinen und atmete durch.

»Alles in Ordnung?« Cordelia lief zu Juana.

»Mir geht es gut.« Juana stand auf.

»Wir sollten uns von dem Gebäude entfernen. Das Feuer breitet sich schnell aus.«

Cordelia glich einem Wasserspeier. Wasser lief ihr aus Mund und Nase. Sogar aus den Ohren kamen einige Tropfen. Panisch hielt sie sich die Hände vor den Mund.

»Was zur Hölle ist los mit dir?« Juana wich einen Schritt zurück.

Cordelia lief blau an.

»Du musst atmen. Konzentrier dich aufs Atmen.«

Cordelia fiel auf die Knie.

»Denk nicht über das Wasser nach. Denk an die Luft, die du atmen musst.«

»Zur Hölle damit.« Juana schlug Cordelia mit der Faust ins Gesicht.

Alison Conary joggte über die Laufstrecke der Polizeiakademie. Es war ihr zuvor nie aufgefallen, dass die Strecke nicht 400 Meter lang war, wie angegeben, sondern genau 399,42 Meter. Natürlich war es auch niemandem sonst aufgefallen. Solche Dinge fielen niemandem auf. Alisons Auffassungsgabe glich einem Raum mit unendlich dehnbaren Wänden, die von innen gegen ihre Schädeldecke drückten. Dann musste sie dieses Wissen herauslassen, um den Druck abzubauen. Sie vermutete, dass der Vorfall (siehe Ausgabe #1.1) etwas damit zu tun hatte. Sie schien alles zu verstehen und alles zu wissen. Nur, warum sie alles verstand und wusste, verstand und wusste sie nicht. Es war an der Zeit, an den Ort des Geschehens zurückzukehren.

Cordelia lag bewusstlos in einer Pfütze. Sie atmete. Aber wie lange noch? Begann die Wasserproduktion erneut, wenn sie aufwachte? Juanas Kenntnisse der biologischen Vorgänge in einem mutierenden Körper beschränkten sich auf die gerade erlebten Sekunden, die sie sich nicht erklären konnte.

Jemand fiel aus dem Fenster in den Müllcontainer. Ein Husten. Ein Polizist. Officer Stanley Broshanan. Er schaute den reglosen Körper Cordelias an.

»Was ist passiert?«

»Sonderbare Dinge.«

»Wie sonderbar?«

Juana erinnerte sich an ihn. Sie hatten mal einen Fall gemeinsam bearbeitet. Schon damals hatte er unbeantwortbare Fragen gestellt. »Sonderbar eben. Da gibt es keine Abstufungen.«

»Ich habe viele sonderbare Dinge gesehen und könnte dir auf einer Skala von eins bis zehn alles mögliche erzählen.«

»Auf welcher Skala ist eine Frau, der plötzlich Wasser unaufhörlich aus allen Körperöffnungen fließt?«

»Eine drei«, sagte er unbeeindruckt und untersuchte Cordelias Puls. »Sie ist nicht ertrunken. Das ist gut.« Er hob sie auf seine Schulter. »Komm mit. Ich kenne jemanden, der helfen kann.«

Polizeichef Clifton Blake und Detective Vincent Verity standen vor einem Lagerhaus im Hafen.

»Glauben Sie wirklich, jemand wie Clarence Statterstot würde sich in einem heruntergekommenen Lagerhaus verstecken?« Veritys Skepsis hatte ihm gute Dienste erwiesen. Er wies ein Talent dafür auf, die Gedankengänge von Verbrechern zu durchschauen und ihre Vorgehensweise zu verstehen. Hätten sie es mit einem simplen Taschendieb oder einem illegalen Walfänger zu tun gehabt, wäre ein Lagerhaus am Hafen ein valider Unterschlupf. Jemand wie Statterstot strebte höhere Ziele an und die begannen nicht mit dem Gestank von Fisch.

»Sicher nicht«, stimmte Blake zu. »Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass er die Adresse zufällig ausgewählt hat.« Er zog seine Waffe. »Wir sollten vorsichtig sein.«

Ein Rudel Hunde gefolgt von einem Vogelschwarm kamen vorbei.

»Was ist jetzt los?« Verity schaute den Tieren hinterher.

Daxton Scott mit grüner Haut und Lillian Gillan mit Fell liefen vorbei. Lillian blieb stehen. »Die Polizei. Gut. Wir haben da ein Problem.«

Miss Creston landete auf dem Dach des Lagerhauses und zog ihre Schwanenschwingen ein. Sie riss den Mund auf.

»Was ist das?« Blake schoss.

Animal Mother wand sich wie eine Schlange und wich den Geschossen aus. Ihre gelben Augen schienen zu glühen. »Dasssss war sssssehr unfreundlich. Die Ssssstrafe wird ssssschmerzhaft sein.«

Sie sprang vom Dach auf Blake zu.

Auf der Suche nach dem ersten Blogpost # 15

Zu Teil 14

Der Minotaurus ist so nett, uns durch den Hinterausgang hinauszuschicken, damit wir nicht durch das Labyrinth zurückirren müssen. Ich schätze, er hätte mich gerne zurück in die versiffte Höhle geschickt aber er wollte wohl keinen Ärger mit Fey. Ich glaube, er steht auf sie. Konkurrenz kann ich gerade wenig gebrauchen. Eigentlich kann ich Konkurrenz nie gebrauchen. Wenn es um die Frauen geht erst recht nicht. Mich wundert es ohnehin immer noch, dass sich Fey mit einem Verlierer wie mir eingelassen hat. Sie hüpft wie immer fröhlich neben mir her, als wir den Strand entlang laufen. Sie lächelt fröhlich, als wir zurück ans Festland rudern. Die Fröhlichkeit wird von einer Stimme vertrieben.

»Langsam kriege ich das Gefühl, dass ihr etwas im Schilde führt, dass mir gar nicht gefällt.« Der Sheriff lehnt an einer Mauer und hat die Daumen in seinen Wolfsfellgürtel geschoben, als wäre er ein cooler Highschooldraufgänger aus den Sechzigern.

Wir steigen aus dem Boot. Fey mit einer Leichtigkeit, die vermuten lässt, dass sie Flügel hat. Ich so ungeschickt, dass ich fast im Wasser lande. In letzter Sekunde kann ich aber an Land springen und lege mich da auf die Fresse. Immerhin bin ich nicht nass geworden. Der Sheriff stellt sich vor mir auf und schaut auf mich herab. »Also, was heckt ihr aus?«, fragt er grinsend. Seine Zähne sehen aus, als hätte er schon mehrmals in das ein oder andere Bein gebissen, um einen Flüchtigen zu stoppen. Allerdings tut er das vermutlich nur bei Vollmond, also gehe ich davon aus, dass ich erst mal nichts zu befürchten habe.

Ich stehe auf und schaue ihn an. »Wir suchen ein paar Silberkugeln«, sage ich.

Sein Grinsen verzieht sich zu einem ausdruckslosen Strich. »Witzig«, sagt er und es ist klar, dass er absolut anderer Meinung ist. »Was wolltet ihr auf der Insel?«

Ich will etwas sagen, aber er hebt seinen Zeigefinger vor mein Gesicht. »Und keine dummen Antworten, sonst beiße ich.« Er schnappt mit seinen gelben Zähnen in meine Richtung.

Ich glaube zwar nicht, dass er in dieser Gestalt wirklich Leute beißt, aber ich will kein Risiko eingehen. »Wir brauchten etwas vom Minotaurus.«

»Was?«

»Stahl.«

»Warum?«

»Für einen Käfig.«

»Wofür?«

»Ich will mir einen Wellensittich kaufen.«

»Was habe ich dir wegen den dummen Antworten gesagt?«

»Wir müssen einen Nix einfangen«, sagt Fey und nimmt mir damit mal wieder das Reden ab, worüber ich durchaus glücklich bin. Ich schlage mich ungerne mit den eigenartigen Gestalten rum,die plötzlich überall in der Stadt rumzulaufen scheinen.

»Einen Nix einfangen,« er heult überrascht auf, »da habt ihr euch ja was vorgenommen.« Er scheint augenblicklich das Interesse an dem Thema zu verlieren. »Ihr habt nicht zufällig kürzlich die Frau gesehen, die ich suche?«

»Zu letzten Mal, als du in meiner Wohnung warst. Meine Tischdecke konnte dir offenbar nicht weiterhelfen.«

»Willst du sie wiederhaben?«

»Nein, danke. Ich hab noch genügend anderen Krempel, den ich ankokeln kann.« Ich schaue über seine Schulter. Auf einem Gebäude hinter ihm steht eine vermummte Gestalt.

Der Sheriff dreht sich um und schaut in die gleiche Richtung. Die Gestalt regt sich nicht. Er wird sichtlich nervös. »Ich muss weiter«, sagt er knapp und verschwindet.

Ich schaue Fey fragend an. Dann wieder zu dem Gebäude. Die Gestalt ist verschwunden. Ich schüttele den Kopf. Ich habe genug Dinge, um die ich mir Gedanken machen muss. Seltsame Gestalten, die auf alten Häusern stehen, müssen sich hinten anstellen.

Ein leises Platschen kommt aus dem See. Ich gucke ins Wasser, aber es ist nichts zu sehen. Vermutlich ein Fisch, der etwas auf der Wasseroberfläche gefangen hat. Ich nehme Fey an der Hand und will gehen. Ein weiteres Platschen hält mich davon ab. Im Wasser regt sich nichts. Die Oberfläche ist ebenfalls still. Stille Wasser sind tief, sagte irgendjemand irgendwann. Ich versuche, so tief wie möglich in den See zu schauen. Ich kann nichts erkennen, außer das Licht der Sonne, dass sich im Wasser spiegelt. Aus dem Licht taucht ein Gesicht auf. Etwas springt aus dem Wasser nach oben. Es packt mich, bevor ich überhaupt realisieren kann, was da gerade passiert. Ich werde ins Wasser gezogen und schneller, als es ein Mensch könnte, zieht mich das Wesen durch den See. Da ich nicht mal Zeit hatte, vorher tief einzuatmen, geht mir schnell die Luft aus. Alles wird schwarz. Ich fürchte, das wars. Uh, das reimt sich, denke ich, während ich absaufe.

FORTSETZUNG FOLGT IN TEIL 16