Auf der Suche nach dem ersten Blogpost # 15

Zu Teil 14

Der Minotaurus ist so nett, uns durch den Hinterausgang hinauszuschicken, damit wir nicht durch das Labyrinth zurückirren müssen. Ich schätze, er hätte mich gerne zurück in die versiffte Höhle geschickt aber er wollte wohl keinen Ärger mit Fey. Ich glaube, er steht auf sie. Konkurrenz kann ich gerade wenig gebrauchen. Eigentlich kann ich Konkurrenz nie gebrauchen. Wenn es um die Frauen geht erst recht nicht. Mich wundert es ohnehin immer noch, dass sich Fey mit einem Verlierer wie mir eingelassen hat. Sie hüpft wie immer fröhlich neben mir her, als wir den Strand entlang laufen. Sie lächelt fröhlich, als wir zurück ans Festland rudern. Die Fröhlichkeit wird von einer Stimme vertrieben.

»Langsam kriege ich das Gefühl, dass ihr etwas im Schilde führt, dass mir gar nicht gefällt.« Der Sheriff lehnt an einer Mauer und hat die Daumen in seinen Wolfsfellgürtel geschoben, als wäre er ein cooler Highschooldraufgänger aus den Sechzigern.

Wir steigen aus dem Boot. Fey mit einer Leichtigkeit, die vermuten lässt, dass sie Flügel hat. Ich so ungeschickt, dass ich fast im Wasser lande. In letzter Sekunde kann ich aber an Land springen und lege mich da auf die Fresse. Immerhin bin ich nicht nass geworden. Der Sheriff stellt sich vor mir auf und schaut auf mich herab. »Also, was heckt ihr aus?«, fragt er grinsend. Seine Zähne sehen aus, als hätte er schon mehrmals in das ein oder andere Bein gebissen, um einen Flüchtigen zu stoppen. Allerdings tut er das vermutlich nur bei Vollmond, also gehe ich davon aus, dass ich erst mal nichts zu befürchten habe.

Ich stehe auf und schaue ihn an. »Wir suchen ein paar Silberkugeln«, sage ich.

Sein Grinsen verzieht sich zu einem ausdruckslosen Strich. »Witzig«, sagt er und es ist klar, dass er absolut anderer Meinung ist. »Was wolltet ihr auf der Insel?«

Ich will etwas sagen, aber er hebt seinen Zeigefinger vor mein Gesicht. »Und keine dummen Antworten, sonst beiße ich.« Er schnappt mit seinen gelben Zähnen in meine Richtung.

Ich glaube zwar nicht, dass er in dieser Gestalt wirklich Leute beißt, aber ich will kein Risiko eingehen. »Wir brauchten etwas vom Minotaurus.«

»Was?«

»Stahl.«

»Warum?«

»Für einen Käfig.«

»Wofür?«

»Ich will mir einen Wellensittich kaufen.«

»Was habe ich dir wegen den dummen Antworten gesagt?«

»Wir müssen einen Nix einfangen«, sagt Fey und nimmt mir damit mal wieder das Reden ab, worüber ich durchaus glücklich bin. Ich schlage mich ungerne mit den eigenartigen Gestalten rum,die plötzlich überall in der Stadt rumzulaufen scheinen.

»Einen Nix einfangen,« er heult überrascht auf, »da habt ihr euch ja was vorgenommen.« Er scheint augenblicklich das Interesse an dem Thema zu verlieren. »Ihr habt nicht zufällig kürzlich die Frau gesehen, die ich suche?«

»Zu letzten Mal, als du in meiner Wohnung warst. Meine Tischdecke konnte dir offenbar nicht weiterhelfen.«

»Willst du sie wiederhaben?«

»Nein, danke. Ich hab noch genügend anderen Krempel, den ich ankokeln kann.« Ich schaue über seine Schulter. Auf einem Gebäude hinter ihm steht eine vermummte Gestalt.

Der Sheriff dreht sich um und schaut in die gleiche Richtung. Die Gestalt regt sich nicht. Er wird sichtlich nervös. »Ich muss weiter«, sagt er knapp und verschwindet.

Ich schaue Fey fragend an. Dann wieder zu dem Gebäude. Die Gestalt ist verschwunden. Ich schüttele den Kopf. Ich habe genug Dinge, um die ich mir Gedanken machen muss. Seltsame Gestalten, die auf alten Häusern stehen, müssen sich hinten anstellen.

Ein leises Platschen kommt aus dem See. Ich gucke ins Wasser, aber es ist nichts zu sehen. Vermutlich ein Fisch, der etwas auf der Wasseroberfläche gefangen hat. Ich nehme Fey an der Hand und will gehen. Ein weiteres Platschen hält mich davon ab. Im Wasser regt sich nichts. Die Oberfläche ist ebenfalls still. Stille Wasser sind tief, sagte irgendjemand irgendwann. Ich versuche, so tief wie möglich in den See zu schauen. Ich kann nichts erkennen, außer das Licht der Sonne, dass sich im Wasser spiegelt. Aus dem Licht taucht ein Gesicht auf. Etwas springt aus dem Wasser nach oben. Es packt mich, bevor ich überhaupt realisieren kann, was da gerade passiert. Ich werde ins Wasser gezogen und schneller, als es ein Mensch könnte, zieht mich das Wesen durch den See. Da ich nicht mal Zeit hatte, vorher tief einzuatmen, geht mir schnell die Luft aus. Alles wird schwarz. Ich fürchte, das wars. Uh, das reimt sich, denke ich, während ich absaufe.

FORTSETZUNG FOLGT IN TEIL 16

„Mach was!“ – Mit Halloween

Normalerweise poste ich hier ja immer Freitags meinen neuen Quark. Aber dieses Mal muss ich eine Ausnahme machen. Erstens, weil es ohnehin keine Sau interessiert, wann ich meinen Quatsch online stelle. Und zweitens, weil das Thema von Pö und Herbas „Mach was“ dieses Mal HALLOWEEN lautet. Und da macht es ja wohl nur Sinn, meine Halloween Geschichte auch an Halloween zu posten. So, ich denke, ich habe das Keyword Halloween jetzt oft genug untergebracht, um allen zu beweisen, dass ich voll den Plan von SEO habe. Hier also meine Halloween Geschichte.

Lilith saß gelangweilt an der Theke des Kostümverleihs und blätterte in einer Zeitschrift, für die sie eigentlich viel zu alt war. Vielleicht war das der Grund, dass sie als Geschäftsbesitzerin gescheitert war. Sie hätte lieber in Tageszeitungen blättern sollen. Relevante Informationen über die Welt, Finanzen und die Region hätten ihr wahrscheinlich im Leben weitergeholfen, als die Erkenntnis, dass ihre Hassmusiker mal wieder miteinander in der Kiste waren. Sie las ihr Horoskop. Natürlich prophezeite es spannende Erlebnisse und eine große Veränderung. Jede Woche die gleichen Bausteine, die nur unter den Sternzeichen ausgetauscht wurden, damit jeder mal angeblich seine große Liebe fand. Sie schob die Zeitschrift zur Seite und schaute auf die Uhr. Nur noch eine Stunde, bevor sie den Laden schließen musste. Zum letzten Mal. Die Halloweenpartys starteten bald und sie hatte nicht ein einziges Kostüm verliehen. Ihr blieb keine Wahl als den Laden zu schließen und sich nach einem Job umzusehen. Einer Arbeit, bei der sie nicht ihr eigener Chef war. Wo sie für irgendeinen reichen Arsch auf Kommando springen musste. Sie würde jede einzelne Sekunde davon hassen, das war klar. Sie hatte überlegt, ob sie den Laden einfach abfackeln sollte, um die Versicherung zu bescheißen. Aber sie war sich ziemlich sicher, dass das nur im Film wirklich funktionierte ohne aufzufliegen.

Eine Frau schrie. Lilith sah auf. Der Schrei war schon lange nicht mehr durch den Laden geschallt. Sie hatte die Türklingel durch den Schrei ersetzt, da schreiende Frauen ein weniger nervender Ton war.

Eine Mumie stürmte in den Laden. Ihr folgte ein Werwolf mit einem Beutel in der Hand. Lilith wartete auf Frankenstein, um das Monsterklassentreffen zu vervollständigen. Die Mumie schlug die Tür zu und zog das Rollo daran herunter. Ein Verbandsfetzen der Mumie verfing sich im Rollo. Sie wedelte wild mit dem Arm, um ihn von dem Rollo zu lösen. Der Werwolf versuchte ihr zu helfen. Lilith schaute einen Moment zu, wie sich die beiden Gestalten gegenseitig am Arm zogen und beleidigten.

Lilith verlor die Geduld und hielt den Zeitpunkt für gekommen auf sich aufmerksam zu machen. »Ihr seid im falschen Laden. Ihr habt doch bereits Kostüme.«

Die Gestalten erstarrten. Als hätten die Monster noch nie zuvor eine menschliche Stimme gehört. Mumie und Werwolf drehten sich um. »Wrmpflmpf«, sagte der Werwolf. Er öffnete sein Maul mit seinen Händen und versuchte erneut, sich verständlich zu machen: »Wer bist du?«

Lilith pustete sich eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht. »Mir gehört dieser Laden. Ich könnte der Mumie helfen, ihren Arm zu ersetzen.«

Die Mumie hörte damit auf, ihren verhedderten Verband vom Rollo zu lösen und um ihren Arm zu wickeln. Sie seufzte. Sie riss den Verband ab und zog mit ihrem freigelegten Arm ein Messer hervor. Lilith verschwendete keinen Gedanken daran, wo die Mumie das Messer wohl versteckt gehalten hatte. Sie wusste wo ihres sich befand. Das war wichtiger.

Die Mumie kam zu ihrem Tresen rüber geschwankt als wäre sie direkt aus einem Horrorfilm der 1950er Jahre entsprungen. Lilith griff unter den Tresen und präsentierte ihr Messer, das das der Mumie in Länge, Breite und Schärfe überragte. Die Mumie blieb stehen. Der Werwolf ging an der Mumie vorbei und stellte sich vor den Tresen. »Ganz ruhig«, sagte er. »Wir sind nicht für einen Messerkampf hier.«

»Warum seid ihr hier?«

Draußen ertönten Polizeisirenen. Sie wurden lauter. Die Mumie steckte das Messer weg und lief zurück zur Tür um sie mit einem Kleiderständer zu versperren.

»Wir wollen uns nur für einen Moment hier verstecken«, erklärte der Werwolf. Die Sirenen verstummten. Er ging zur Tür und schob das Rollo ein Stück zur Seite. Nach einem kurzen Blick auf die Straße vor dem Kostümverleih kam er zurück an den Tresen. »Könnte etwas länger dauern«, sagte er. Er legte den Beutel auf den Tresen. »Lass die Finger von meinem Beutel«, warnte er Lilith mit einem haarigen Finger.

Der Werwolf und die Mumie standen an der Tür und flüsterten miteinander. Lilith saß weiterhin auf ihrem Hocker und betrachtete die beiden Gestalten und den Beutel vor ihr.

Von draußen erklang die Stimme eines alten Mannes, die durch ein Megaphon verstärkt wurde. Sie erklärte, dass die Monster mit erhobenen Händen rauskommen sollten, damit niemandem etwas passiert.

»Pah«, kommentierte der Werwolf die Lage, »der glaubt doch wohl nicht ernsthaft, dass wir auf den Trick reinfallen. Die knallen uns ab, sobald wir da rausgehen.«

»Wenn sie keine Silberkugeln haben, hast du nichts zu befürchten«, sagte Lilith.

»Lustig«, kommentierte der Werwolf. »Vielleicht sollten wir dich rausschicken und schauen, was passiert.«

»Könnt ihr tun, aber vielleicht bin ich für euch hier drin hilfreicher.«

»Du meinst als Geisel?«

»Nein, als die hilflose Jungfrau, die von Monstern belästigt wird und von dem Helden gerettet werden muss.«

»Hast du den Polizisten da draußen gesehen? Der sieht nicht aus wie ein Held. Eher, als hätte er gerade widerwillig seinen Donut weggelegt.« Der Werwolf stellte sich an den Tresen. »Und wie eine hilflose Jungfrau siehst du nun wirklich nicht aus.«

»Nun, ich schätze, ich kann auf mich selbst aufpassen«, sagte Lilith und griff ihr Messer fester. »Keine Sorge, dir passiert nichts. Wir sind freundliche Monster.«

»Die Polizei scheint anderer Meinung zu sein.«

»Gegen Monster gibt es nun mal einige Vorurteile.«

Der Werwolf ging zurück zur Tür. Lilith konzentrierte sich weiter auf den Beutel. Der Inhalt eines Beutels konnte viel über eine Person aussagen. Lilith schaute zu den Monstern hinüber, die damit beschäftigt waren, sich mit der Situation vor dem Laden auseinanderzusetzen. Sie schaute in den Beutel.

Lilith schreckte hoch, als sich die Krallen einer Werwolfpfote neben dem Beutel in den Tresen bohrten. »Ich habe doch gesagt, du sollst nicht in den Beutel schauen.« Der Werwolf sah nicht erfreut aus. Zugegeben, der tote Blick der Werwolfmaske sah zu keiner Zeit erfreut aus. Aber Lilith spürte, dass sich die Gefühlslage des Mannes hinter der Maske gerade veränderte. Sicher nicht zu Lilith‘ Vorteil. Es schien Zeit zum Handeln zu sein.

Lilith riss das Messer hoch und rammte es in die Pfote des Werwolfs. »Bist du irre?«, sagte das Monster und schaute sich seine Pfote an. »Ich habe meine Hand da drin.« Er zog das Messer aus der Pfote. An der Spitze hing ein kleiner Tropfen Blut. »Zum Glück ist mir das Kostüm zu groß und meine Hand hat sehr viel Platz.«

»Wenn hier jemand irre ist, dann ihr!«, rief Lilith und lief in den Hinterraum des Ladens, wo sie sich im Kostümlager einschloss, um sich vor den Monstern in Sicherheit zu bringen.

Lilith presste sich an die Tür und atmete mehrmals tief ein. Ruhig bleiben war jetzt wichtig. In ihrem Laden waren zwei irre Mörder, die als Monster verkleidet Körperteile in einem Beutel sammeln. Lilith schaute sich um. Sie hatte den denkbar blödesten Raum gewählt, um sich vor den Monstern zu verstecken. Es gab keinen Ausgang. Keine Fenster. Nur Kostüme. Wäre sie doch ins Büro geflüchtet. Oder zumindest in den Pausenraum. Da stand zwar nur eine Kaffeemaschine, die seit Jahren braunes Wasser ausspuckte, selbst wenn man kein Kaffeepulver hineinfüllte. Aber immerhin hätte sie durch das kleine Fenster fliehen können.

Lilith überlegte, was sie stattdessen tun konnte. Der Werwolf redete hinter der Tür auf sie ein. Sie ignorierte seine Ausreden und Erklärungsversuche. In der Ecke stand ein Schrank mit mehren Schubladen und Türen. Lilith durchsuchte jede einzelne. Das einzige was sie fand war ein Buch. Sie schaute sich den Umschlag an, auf dem eigenartige Zeichen abgebildet waren. Lilith kannte diese Zeichen. Wenn sie keine billigen Zeitschriften vom Kiosk las, beschäftigte sie sich gerne mit dem Okkulten. Wenn man sie fragte, war es die perfekte Mischung aus nutzlosem Wissen und halbwahren Neuigkeiten. Beides half einem nur geringfügig weiter. Aber in diesem Fall könnte sich das nutzlose Wissen tatsächlich mal auszahlen. Sie schlug das Buch auf und fand schnell wonach sie suchte. Sie brauchte nur wenige Utensilien. Der Raum bot nicht viel, aber in der Not half Improvisation oft weiter, als man annehmen sollte. Fledermausflügel. Der Umhang eines Draculakostüms kam dem nah genug. Froschaugen. Die weißen Stoffbälle auf eine Froschmaske genäht sollten reichen. Stierhoden. Hatte das Kuhkostüm nicht ein dickes Euter? Lilith legte weitere »Zutaten« zurecht und las aus dem Buch vor.

Melvin nahm den Werwolfskopf ab und wischte sich mit einer Pfote den Schweiß aus dem Gesicht. Unter dem Kostüm war es unerträglich warm. Er hielt den Kopf unterm Arm und schaute auf die verschlossene Tür. »Ich glaube nicht, dass sie wieder rauskommt«, sagte er.

»Vergiss sie«, schlug Toni vor und wickelte an seinem Arm herum, damit sich nicht noch mehr seiner Bandagen lösten. »Überleg lieber, wie es jetzt weitergeht. Wir sind umzingelt.« Er schaute ununterbrochen durch den kleinen Spalt hinter dem Rollo auf die Straße.

»Ich schätze, es gibt einen Hinterausgang. Aber dazu müssen wir vermutlich durch diese Tür.«

Toni ließ das Rollo zurückschnappen und wandte erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit den Blick von der Straße ab. »Ich kriege die schon auf«, sagte er und ging so entschlossen es seine überall an seinen Giedern umher wedelnden Bandagen zuließen auf die Tür zu. Als er an dem Beutel auf dem Tresen vorbeiging bewegte dieser sich. Toni blieb stehen. »Hast du das gesehen?«

»Was?«

»Der Beutel hat sich bewegt.«

»Quatsch. Du bist nur nervös. Deine Nerven spielen dir einen Streich.«

»Ich bin nie nervös.«

»Und warum hast du dann den Penis fallen lassen?«

»Weil es ein Penis ist.«

»Weißt du eigentlich, wie viel Geld der uns eingebracht hätte?«

Toni antwortete nicht. Eine andere Stimme kam ihm zuvor.

»Wisst ihr Jungs, es ist schon eine selten dämliche Idee, eine Ausstellung voller Körperteile auszurauben«, sagte der Beutel, »aber wenn ihr schon meinen Kopf mitnehmen müsst, lasst mich wenigstens im Licht. Ich habe Angst im Dunkeln.«

Melvin und Toni sahen sich verwirrt an. Eine Hand krabbelte aus dem Beutel und griff nach dem Messer, das Lilith dort hatte liegen lassen. Sie schnitt den Beutel in Stücke und legte den darin befindlichen Kopf und frei. Der schaute die Diebe an. »Jetzt steckt ihr wirklich in Schwierigkeiten«, sagte er und lachte finster.

Ein Knurren kam von irgendwoher. Melvin sah sich nach der Quelle um. Er fand sie, als ihm der Werwolfkopf den Arm abbiss.

Melvin fiel zu Boden und schaute sich die Stelle genauer an, an der zuvor eine Gliedmaße mehr gewesen war. Er schaute Toni an, der in Schockstarre den Kopf auf dem Tresen anschaute. Und dann explodierte der Laden. Zumindest kam es Melvin so vor. Glassplitter, Holzsplitter, Metallsplitter, Stofffetzen und andere Kleinteile flogen umher, als die Tür zu Lilith‘ Versteck aus den Angeln flog und eine Rauchwolke hinter sich herzog, die den Laden in einen Nebel hüllte, der einen die Hand vor Augen nicht sehen ließ. Melvins Hand lag ohnehin zu weit entfernt, um damit etwas anstellen zu können, also wartete er darauf, dass sich der Nebel verzog.

Der schwarze Rauch verzog sich durch die aufgesprengte Tür. Die Kostüme um Lilith herum waren zum Leben erwacht. Geister schwebten umher. Vogelscheuchen stapften unbeholfen durch den Raum. Dracula suchte seinen Umhang. Lilith folgte einer Horde Zombies aus dem Raum und fand den Werwolf, der seinen Kopf und einen Arm verloren hatte.

»Wir sind nur gewöhnliche Diebe«, erklärte er und spuckte etwas Blut.

»Das konnte ich ja nicht wissen.« Lilith kniete sich neben ihn. »Was machen gewöhnliche Diebe mit einem Beutel voller Körperteile?«

Der Werwolf erklärte es ihr.

»Das tut mir leid. Aber vielleicht tröstet es dich, dass du mir sehr geholfen hast.«

»Ach ja? Wie?«

»Vorhin wusste ich nicht, was ich nach heute mit meinem Leben anfangen sollte.«

»Und jetzt weißt du es?«

»Natürlich. Ich habe ein Hexenbuch und eine Armee von Zombies und anderen Horrorgestalten. Ich werde zusehen, wie die Menschheit zerfleischt wird.« Lilith lachte irre. Es fiel ihr selbst auf. Sie stellte das Lachen ein und überlegte. Dann begann sie wieder zu lachen. Noch lauter und irrer als zuvor.

Der Werwolf knurrte ein letztes Mal. Lilith setzte ihm seinen Kopf auf und verließ den Laden. Sie betrachtete ihr Werk. Sie presste das Buch an ihre Brust und lachte irrer als je zuvor, während um sie herum die Apokalypse ausbrach.