Schreiben wie ein selbsternannter Schriftsteller – Einführung des Antagonisten

Heute kommt der – für mich – wirklich spaßige Teil am Anfang einer Geschichte. Die Einführung des Antagonisten. Jeder gute Antagonist hat natürlich eine Antagonistenbehausung, die direkt zeigt, dass mit ihm nicht zu spaßen ist:

In der Mitte des Finsterwalds gab es eine Lichtung. Es war keine natürliche Lichtung. Diese Lichtung war künstlich angelegt worden. Bäume waren gefällt und verbrannt worden, um hier eine Lichtung entstehen zu lassen. Jeder wusste, dass Menschen, die einfach so Bäume fällen und verbrennen lassen, ohne an die Umwelt zu denken, oder zumindest das Holz zum heizen und kochen zu nutzen, keine guten Menschen waren. Und der unguteste von allen war eindeutig Lord Edgar. Und er lebte selbstverständlich auf dieser Lichtung. In einem Schloss, gebaut aus schwarzem Stein. Mit hohen Türmen, die von Raben umkreist wurden. Umgeben von einem Graben, in dessen dunklem Wasser Alligatoren, Piranhas, Nilpferde und andere tödliche Kreaturen badeten.

Ganz schön unheimlicher Ort, was? Absolut passend für einen Antagonisten. Für das pure Böse. Dann schauen wir doch mal, wer da so lebt:

Wie jedes Schloss, das etwas auf sich hält, hatte auch dieses einen Thronsaal. In diesem Thronsaal saß Lord Edgar in seinem Thron aus Gold. Nur die Wenigsten wussten, dass der Thron nicht wirklich aus Gold bestand, sondern aus Aluminium, das täglich mit Goldfarbe bepinselt wurde, damit er schön glänzte und sich dadurch wunderbar vom schwarzen Stein des Schlosses abhob. Der Thronsaal war lang. Lord Edgar konnte noch so gerade die große Flügeltur sehen, die sich in diesem Moment öffnete. Er strich seinen langen Bart glatt und wartete die Minuten ab, die die Person braucht, um den Thron zu erreichen. Lord Edgar wusste bereits, wer auf ihn zu kam. Nur Krump lief so euphorisch durch den Thronsaal. Denn er hatte immer gute Nachrichten. Oder zumindest dachte er immer, dass er gute Nachrichten hat.
„Guten Morgen, mein Lord“, sabberte Krump und ließ seine lange Zunge kurz hervorschnellen. Krump war ein Schlangofant und Schlangofanten sabberten immer, da sie Probleme hatten, ihre lange Zunge und den Rüssel in Einklang zu bringen. Gleichzeitig durch den Rüssel zu atmen und sich dabei nicht auf die Zunge zu beißen, die ständig aus dem Mund hing, bedurfte jahrelanger Übung. Leider lag die Lebenserwartung eines Schlangofanten bei höchstens einem Jahr. Dann fielen sie gewöhnlich in der Schlacht oder starben an einer Zungenentzündung.
Lord Edgar beschränkte sich wie üblich auf ein kurzes Kopfnicken, um Krump zu verstehen zu geben, dass es weiter reden sollte.
„Operation Wildausrottung war ein voller Erfolg, mein Lord. So schnell wird sich kein Hirsch mehr in diese Gegend trauen.“
Lord Edgar hatte den Hirsch bereits vergessen. Er hatte Krump nur den Auftrag gegeben, sich um das „Problem“ zu kümmern, damit er beschäftigt war und ihn nicht ständig mit neuen Dingen nervte. Immerhin hatte er Krump für einen Moment zufrieden gestellt und seine Ruhe gehabt. Diese Ruhe war jetzt natürlich vorbei, denn Krump brauchte einen neuen Auftrag.

So haben wir dann neben dem Antagonisten auch schon mal einen Handlanger eingeführt. Ich habe übrigens den Hang dazu, Antagonisten immer dämliche Handlanger an die Seite zu stellen. Keine Ahnung, warum. Vielleicht, weil ein Antagonist eben auch etwas Lockerheit mitbringen sollte. Und wie sich schon herausliest, ist eine Sache ganz besonders wichtig: Ein Charakter braucht eine Aufgabe. Etwas, das ihn im Verlauf der Handlung beschäftigt. Und gerade der Antagonist und seine Sippschaft sind da natürlich nicht unwichtig, denn wenn sie nichts machen, hat auch der Protagonist keinen Grund, irgendwas zu tun.

Lord Edgar dachte nach. Momentan fiel ihm nicht viel ein, was er Krump hätte auftragen können. Es waren ekelhaft ruhige Zeiten. Friedenszeiten. Nicht, dass Lord Edgar eine generelle Abneigung gegen den Frieden hatte. Aber es war so langweilig, wenn sich die Leute nicht gegenseitig abschlachteten. Vielleicht war es an der richtigen Zeit, eine alte Rechnung zu begleichen.
„“Ich denke, du solltest meinem alten Freund dem König einen Besuch abstatten“, trug er Krump auf. „Und nimm ein paar Fackeln mit, damit du sein Schloss leichter niederbrennen kannst.“

Ganz schöne Widerlinge, nicht wahr? Das soll dann auch erstmal reichen. Der Antagonist ist eingeführt und eine erste Handlung ist vollbracht. Jetzt sind die „Guten“ am Zug. Da es hier mit den Schlangofanten schon angeteast wurde, entwickeln wir beim nächsten Mal aber zuerst ein eigenes Wesen.

Wie führt ihr eure Antagonisten ein? Wie sieht euer Schloss aus? Und hättet ihr nicht auch gerne einen Schlangofanten als Haustier?

Schreiben wie ein selbsternannter Schriftsteller – Der Anfang

Letztes Mal habe ich an dieser Stelle die Sage um Hausmeistersohn Peter und Lord Edgar abgeschlossen. Aber wie bereits angekündigt birgt jedes Ende auch einen Anfang. In diesem Fall sogar den Anfang der Geschichte, die ich seit Monaten fortführe, um euch dabei zu zeigen, wie wenig Ahnung ich tatsächlich von dem ganzen Quark, den ich hier treibe, habe.

Im Idealfall ist das mit dem Anfang bei mir so: Ich habe vorher ein Ende im Kopf und weiß dadurch relativ genau, welche Entwicklung die Figuren durchmachen müssen und was der beste Status Quo für den Beginn ist. Im Fall von Hausmeistersohn Peter und Lord Edgar ist das Ende ja sogar schon geschrieben. Dadurch weiß ich ziemlich klar, wie die Figuren am Anfang ticken sollten.

Bei Hausmeistersohn Peter ist es ziemlich einfach. Für ihn wird die Geschichte ja eine mehr oder weniger gewöhnliche „über sich selbst hinauswachsen“ Geschichte werden. Das heißt, er muss am Anfang ein ziemlicher Lappen sein.

Peter schaute sich interessiert im Kerker um. Er war noch nie hier unten gewesen. Bisher hatte sein Vater es für keine gute Idee gehalten, ihn mit hier runter zu nehmen. Sein Vater hatte ihm versprochen, ihn mitzunehmen, sobald er nachts nicht mehr ins Bett machte. An seinem zwölften Geburtstag war es Peter endlich gelungen, diese Herausforderung zu meistern. Und jetzt stand er hier und schaute seinem Vater zu, wie er ein Gitter reparierte, das beim letzten Ausbruchversuch eines der Gefolterten und Gepeinigten Schaden genommen hatte. Natürlich nicht so viel Schaden, wie der Ausbrecher, dessen Kopf draußen vor der Burg auf einem Pfahl aufgespießt worden war. Peter ließ seinen Vater an dem Gitter rumschrauben und spielte mit einer der rostigen Ketten an der Wand. Viele Handgelenke hatten die Ketten schon wund gescheuert. Peter zog an der Kette. Sie saß fest an der Wand. Er legte die Schelle an sein Handgelenk. Er stellte sich vor, wie grausam es sein musste, hier unten in der Dunkelheit zwischen Ratten und anderen Gefangenen festzuhängen und zu wissen, dass man nie wieder das Tageslicht erblicken würde. Er beschloss, niemals in so eine Situation zu geraten. Er versuchte die Schelle von seinem Handgelenk zu lösen. Sie saß fest. Er zog fest daran. Die Ketten rasselten. Er zog erneut. Risse entstanden in der Wand. Die Kette löste sich und Peter fiel zu Boden. Die Schelle fiel von seinem Handgelenk. Ein Backstein fiel aus der Wand. Peter schob die Schelle in die Wand und den Backstein davor. Pfeifend schlenderte er zu Vater zurück.

Erinnert ihr euch noch an das Foreshadowing? Das hier ist so ein Moment, wo ich mir zumindest eine Notiz mache. Denn eventuell ergibt sich im Verlauf der Geschichte ja eine Situation, in der Peter in Gefangenschaft geraten könnte. Und vielleicht würde es ihm dann sogar helfen, dass er sich hier schon mit den Ketten und Handschellen befasst hat, um zu entkommen. Das müsste dann aber später ausgebaut werden, wenn es denn wirklich so kommen sollte.

„Leuchte mir mal“, sagte Vater und hielt Peter eine Fackel hin.
Peter ergriff die Fackel und spendete seinem Vater Licht, während der sich an dem Gitter zu schaffen macht. Als Hausmeister hatte er ständig mit Reperaturarbeiten zu tun. Neben dem König und der Königin war er der einzige, der zutritt zu allen Räumlichkeiten der Burg hatte. Egal ob die Schlafräume, der Kerker oder der Drachenzwinger, Vater hatte überall die Türen repariert und Fackeln ausgetauscht. Und er hatte es mit einem ständigen Lächeln auf dem Gesicht getan. Sicher, viele würden sagen, dass der Beruf des Hausmeisters nicht der Ehrenwerteste ist. Aber Vater sah das so: „Lieber eine Tätigkeit, bei der man auch mal in der Scheiße steht, als eine, bei der man sich vor Angst in die Hosen scheißt.“ Er hatte keine Lust, seinen Kopf auf dem Schlachtfeld zu verlieren, für eine Königsfamilie die nicht mal seinen Namen kannte.

So hat man auch schon mal einen Eindruck von Peters Vater, der zumindest am Anfang der Geschichte sicher nicht unwichtig sein wird. Jetzt muss Peter nur noch kurz beweisen, dass er ein absoluter Trottel ist.

„Fertig“, verkündete Vater und packte sein Werkzeug zusammen. Er stand auf und testete das neue Scharnier an der Gittertür ein letztes Mal. Zufrieden schaute er Peter an. „Frühstückspause?“ Peter lächelte. Vater ging voraus. Peter folgte ihm. Er schlug das Gitter zu, das laut schallernd ins Schloss fiel. Und anschließend zu Boden. Und die restlichen Gitter der Zelle mit sich riss. Und die Mauern, die es umgaben. Vater schaute sich die Zerstörung an. „Ich schätze, das Frühstück verschieben wir“, sagte er und packte sein Werkzeug aus.

Da das jetzt schon recht lang war, teilen wir den Anfang besser in zwei Teile auf. Beim nächsten Mal zeige ich euch dann, wie ich einen Antagonisten einführe.

Wie beginnt ihr eure Geschichten? Habt ihr euch schon mal für einen Job in einem Kerker beworben? Und mit wie vielen Hausmeistern seit ihr eigentlich befreundet?