„Mach was!“ – Mit Blitz und Donner

Nach langer Zeit bin ich mal wieder bei diesem kleinen Mitmachprojekt von Herba und Pö dabei. Zuletzt waren die Themen nichts für mich und ich habe deshalb ausgesetzt. Naja, und weil ich nicht wirklich Zeit hatte, mir mal wieder eine unfassbar passende Geschichte aus den Fingern zu saugen, die ständig Gefahr droht, das Thema komplett zu verfehlen. Der heutige Beitrag lässt da allerdings keine Wünsche offen.

Das Thema lautet passend zum Sommerwetter „Blitz und Donner“.

»Man beginnt nicht mit dem Wetter.« Das war der erste Rat den Yvonnes Mutter ihr gegeben hatte, als sie auf ihre erste gemeinsamen Dinnerparty gegangen waren. Yvonnes Mutter hatte einen ausgeprägten Hass gegen Smalltalk entwickelt. Wenn jemand in ihrer Nähe über banale Dinge wie das Wetter, das Mittagessen, oder die neuesten Modetrends zu reden begann, verdrehte sie die Augen und entfernte sich kommentarlos so weit wie möglich von ihrem Gesprächspartner. Yvonne hatte sich immer gefragt, warum ihre Mutter überhaupt auf diese Partys ging. Sie war keine gesellige Frau gewesen. Aber es ging um Bekanntschaften. Zumindest hatte sie das immer gesagt. In ihrer Tätigkeit als Autorin war es offenbar wichtig, die richtigen Leute zu kennen.

Yvonne sah das anders. Sie war introvertierter, als es ihre Mutter jemals hätte sein können. Sie ging jedem menschlichen Kontakt aus dem Weg. Die meiste Zeit saß sie in dem kleinen selbst eingerichteten Büro in ihrer Dachgeschosswohnung und tippte laut auf den Tasten ihrer alten Schreibmaschine herum.

»Man schreibt nicht am Computer.« Das war der erste Rat den Yvonnes Mutter ihr gegeben hatte, als sie stolz verkündete, dass sie in ihre Fußstapfen treten und Schriftstellerin werden will. Yvonnes Mutter hatte eine eigene Art gehabt, Freude zum Ausdruck zu bringen. Sie drückte die Zigarette im überfüllten Aschenbecher aus und zündete sich einen Joint an, den sie immer neben der Schreibmaschine liegen gehabt hatte, um bei möglichen Schreibblockaden gewappnet zu sein. Sie behauptete, der Joint ordne ihre Gedanken. Und Yvonne hatte oft erlebt, dass ihre Mutter nach dem Rauchen besonders viel zu Papier brachte. Allerdings quoll einige Tage später der Mülleimer meistens über von den vielen Papierfetzen, die ihre Mutter fabriziert hatte, nachdem die Leseprobe im nüchternen Zustand wohl nicht sehr erfolgreich gewesen war. Es war immer der gleiche Ablauf. Yvonne hatte sich oft gefragt, wovon ihre Mutter ihren Lebensunterhalt bewerkstelligte. Als Schriftstellerin hatte sie nie einen Cent verdient. Sie hatte niemals etwas veröffentlicht.

»Man muss immer selbstkritisch sein.« Das war der erste Rat, den Yvonnes Mutter ihr gegeben hatte, als sie ihr ihre erste eigene Schreibmaschine geschenkt hatte. Es war ein altes Modell und Yvonne war sich absolut sicher, dass sie die Schreibmaschine für einen Euro auf dem Flohmarkt erstanden hatte. Nach genauerem Überlegen war es sogar möglich, dass ihre Mutter die Schreibmaschine geklaut hatte. Denn woher hätte sie den Euro haben sollen?

Yvonne hatte schnell die Entscheidung getroffen, nicht so werden zu wollen wie ihre Mutter. Sie wollte eine Geschichte veröffentlichen. Nein, sie wollte viele Geschichten veröffentlichen. Sie wollte ihre Gedanken mit der Welt teilen. Und gab es einen besseren Zeitpunkt als jetzt? Sie trug noch das schwarze Kleid, das sie auf der Beerdigung ihrer Mutter getragen hatte. Sie wollte die Gefühle, die sie über den Tag gequält hatten, so schnell wie möglich zu Papier bringen. Und womit begann sie? Mit dem Wetter. »Donner grollte, als der Sarg meiner Mutter in das Loch hinab gelassen wurde.« Was für ein dämlicher erster Satz. Oder doch nicht? Konnte die Wahrheit überhaupt dämlich sein? War Yvonne doch zu selbstkritisch? Sollte sie einfach weiterschreiben? »Ein Blitz zuckte vom Himmel und ließ den Friedhof für den Bruchteil einer Sekunde hell aufleuchten.« Wahr. Aber spannend? Würde jemand das lesen wollen? Wen interessierte es überhaupt, was sie zu sagen hatte? Und wen interessierte ihre Mutter? Niemand kannte ihren Namen. Niemand hatte jemals etwas von ihr gelesen. »Die Grabsteine schienen sich für einen Moment zu bewegen. Sich zu verschieben.« Den Grabstein für ihre Mutter auszusuchen, war recht einfach gewesen. Yvonnes Mutter war eine bescheidene Person gewesen. Also hatte sie auch einen bescheidenen Grabstein bekommen. Eine simple Tafel mit ihrem Namen darauf. Darunter das Geburtsjahr und das des Ablebens. Auf irgendwelche schlauen Sprüche hatte Yvonne bewusst verzichtet. Ihre Mutter hätte er ohnehin nicht gefallen. Yvonne hatte sich zuvor einige Gedanken gemacht, aber keiner der Sätze schien ihr gut genug. Sie kramte in einem Zettelgewirr auf ihrem Schreibtisch herum und zog ein Blatt Papier hervor. Darauf standen mit Bleistift geschrieben und teilweise durchgestrichen mehrere Grabsteinsprüche, die in die engere Auswahl gekommen wären, wenn sich Yvonne doch noch umentschieden hätte.

Das Licht flackerte in dem kleinen Büro. Yvonne betrachtete die Glühbirne, die über ihrem Kopf baumelte. Der Draht schien kurz vorm Verglühen zu sein. Er leuchtete ein letztes Mal hell auf, wie eine Wunderkerze, kurz bevor sie erlischt. Statt zu erlöschen leuchtete der Draht immer heller. Yvonne musste sich die Hand vor die Augen halten, um nicht geblendet zu werden. Zusätzlich schützte die Hand vor den umherfliegenden Glassplittern, als die Glühbirne explodierte. Yvonne öffnete die Augen und sah nichts als völlige Dunkelheit. Sie stand auf und tastete sich vorsichtig am Schreibtisch entlang, um zur Tür zu gelangen, hinter der das Licht aus dem Flur wartete. Bevor sie die Tür erreichte, wurde der Raum durch anderes Licht erhellt, das in Blitzen von der Bürodecke zu Boden zuckte. Yvonne hob die Hand wieder vors Gesicht. Weniger, weil das Licht so grell war, sondern weil Blitze von der Zimmerdecke ein eher ungewöhnliches Phänomen darstellten.

»An diese Hitze werde ich mich nie gewöhnen«, sagte eine Frauenstimme, die Yvonne sehr bekannt vorkam.

Yvonne nahm die Hand runter und blickte auf ihre Mutter, die leuchtend mitten im Zimmer stand und eine kleine Flamme an ihrem Kleid ausklopfte. Yvonne fand keine Worte. Ihre Mutter fand den Zettel mit den Grabsteinsprüchen. Sie hob ihn auf und las.

»›Liebende Mutter, noch liebendere Buchautorin‹. Ernsthaft?«

»Es war nur ein Entwurf.«

»Du hättest ihn wegwerfen sollen.«

»Mama?«

»Ja?«

»Was machst du hier?«

»Oh, ja, stimmt. Das muss ein kleiner Schock für dich sein. Und ich sollte auch eigentlich nicht hier sein. Aber ich konnte dich doch nicht einfach so zurücklassen, ohne dir die Erkenntnisse zu überliefern, die ich erlangt habe, nachdem ich gestorben bin.«

»Du scheinst dich jedenfalls stark verändert zu haben.«

»Danke. Das will ich doch hoffen. Immerhin bin ich jetzt eine Wettergöttin. Entschuldige übrigens die Blitze. Ich bin noch nicht gut darin, meine Kraft zu kontrollieren. Es könnte also unter Umständen gleich anfangen, hier drin zu schneien.«

»Es ist Sommer.«

»Pfft … als Wettergöttin interessiert mich das doch nicht. Wenn ich Schlittschuhlaufen will, kann ich das ganz schnell einrichten.«

»Also gut«, sagte Yvonne und setzte sich, mit dem unguten Gefühl, dass die Veränderung ihre Mutter weitaus anstrengender im Umgang gemacht hatte, als es zu Lebzeiten ohnehin schon der Fall gewesen war, auf ihren Stuhl, »warum bist du eine Wettergöttin geworden?«

»Nun, wenn man stirbt ist das noch lange nicht das Ende. Jeder hat eine Aufgabe und sie hängt damit zusammen, wie du gestorben bist. Wenn du zum Beispiel vom Bus überfahren wirst, ist dein Job höchstwahrscheinlich Seelenbusfahrer. Du weißt schon, ein Bus, der die Seelen an ihren Bestimmungsort bringt. Kann ja nicht jede Seele weiter hier rumhängen. Manche müssen weit weg, um dort ihre Jobs zu erledigen. Erinnerst du dich noch an Kathrin von nebenan, die vor ein paar Jahren von der Reklametafel für Hawaiiurlaub erschlagen wurde? Die ist jetzt Hulagirl auf der Todseeinsel. Soll ein echtes Urlaubsparadies sein. Hoffentlich komme ich da auch mal hin.« Sie schaute ihre Tochter an, die sich nicht rührte in ihrem Stuhl. Sie fasste das als verstehendes Schweigen auf. »Nun, da ich in meinem Skiurlaub vom Blitz erschlagen, anschließend von einer Lawine begraben und dann von Wölfen gefressen wurde, hatte ich die Wahl zwischen Wettergöttin, Todesbergführerin und Werwolfbändigerin. Die Entscheidung fiel mir ziemlich leicht.«

»Das ist doch völlig verrückt. Was ist, wenn ein Bus voller Nonnen von einer Klippe fällt? Wie viele Seelenbusfahrer kann man im Jenseits schon brauchen?«

»Was glaubst du, wie viele Seelen täglich da ankommen?«

Sie schwiegen beide für einen Moment.

»Du überlegst gerade, wie du am liebsten sterben würdest, oder?«

»Wie kriege ich im Jenseits einen Job, der etwas mit Katzen zu tun hat?«

»Am besten stirbst du im Urlaub in Ägypten, indem du von einer Sphinxkatze zu Tode erschreckt wirst. Aber ich glaube, das kommt eher selten vor. Katzen sind nicht gruselig genug. Wenn man von einem Löwen gefressen wird, hat man zumindest mit Raubkatzen zu tun.«

Yvonne sah ihrer Mutter zu, wie sie durch das Zimmer schlich und sich umsah. Sie hatte Yvonnes Zimmer zu Lebzeiten selten aufgesucht und in ihrer Wohnung hatte sie Yvonne nur ein einziges Mal besucht. Den Tag vor ihrem Skiurlaub. Yvonne überlegte, wie ihre Mutter den Urlaub wohl hatte finanzieren können.

»Du solltest nicht zu viel darüber nachdenken«, sagte ihre Mutter.

Yvonne dachte kurz darüber nach, ob Tote wohl Gedanken lesen können.

»Komm mit. Ich will dir etwas zeigen.« Yvonnes Mutter öffnete die Zimmertür und ging auf den Flur hinaus.

Yvonne stand auf und folgte ihr.

Sie standen vor einem Garagentor. Yvonne war nie zuvor in der Gegend gewesen. Sie war nicht traurig darüber. Die Umgebung machte den Eindruck, als würde sie sich am liebsten selbst zerstören und als ob mit diesem Prozess bereits begonnen worden war.

»Warum führst du mich in diese Gegend? Willst du, dass ich von irgendeinem Irren abgestochen werde? Ist das, wie ich sterbe? Oh nein, ich werde Messerschärferin im Jenseits, nicht wahr? Oder Skimaskenwascherin.«

»Beruhige dich. Ich war hunderte Mal hier und ich habe es überlebt. Halte dich aus den Skigebieten fern, dann droht keine Gefahr.«

»Also, was wollen wir hier?« Yvonne blickte sich nervös um. Ihre Mutter war natürlich die Ruhe selbst. Sie hatte auch nichts mehr zu befürchten. Selbst wenn sie angegriffen würde, könnte sie ein paar Blitze um sich schießen. Und sterben konnte sie ohnehin nur ein Mal. Zumindest vermutete Yvonne das.

»Ich will dir mein Leben zeigen.« Mutter öffnete das Garagentor.

Yvonne schaute in die Garage. Darin stapelten sich Kartons, beschriftet mit Filzstift. Simple Worte standen darauf. »Jugend«. »Kindheit«. »Blitz und Donner«. »Mutter«. »Allein«.

»Was ist das?«

»Das sind all meine Manuskripte.« Mutter öffnete einen der Kartons und holte einen Stapel beschriebenes Papier daraus hervor. Sie blätterte durch die Seiten. »Alles, was ich jemals geschrieben habe, steht hier.« Sie legte die Seiten zurück in den Karton. »Geschichten von meiner Kindheit. Aus meiner Jugend. Vom Mutter sein. Vom allein sein.« Sie schaute einen bestimmten Karton an. »Oh, guck mal. Geschichten von meiner Angst vor Gewittern. Irgendwie ironisch, dass ich eine Wettergöttin bin, nicht wahr.« Sie rückte etwas näher an Yvonne heran. »Unter uns: Es wird hier nicht mehr viele Gewitter geben. Nur so ein oder zwei im Jahr, damit es nicht auffällt. Aber du kannst dich auf viel Sonnenschein einstellen.« Mutter lächelte.

»Das müssen hunderte Geschichten sein.«

»Ich habe viel geschrieben, schätze ich.«

»Warum hast du sie alle hier gelagert?«

»Weil ich ein Idiot war.« Sie setzte sich auf eine der Kisten und seufzte. »Mein ganzes Leben lang habe ich nur einen Gedanken gehabt: ›Ich bin nicht gut genug‹. Immer wieder habe ich mir das eingeredet. All die Zeit, die ich verschwendet habe, um diese Geschichten zu schreiben. Und nichts habe ich daraus gemacht. Es war alles umsonst.«

»Es ist nicht zu spät. Ich könnte sie für dich veröffentlichen.«

»Nein danke. Ich will keinen posthumen Erfolg. Ich habe die Gelegenheit verpasst und damit muss ich jetzt leben … du weißt schon wie ich das meine.« Mutter stand auf und verließ die Garage. »Komm«, sagte sie. »Lass uns gehen.«

Yvonne folgte ihrer Mutter nach draußen.

»Der Tod hat mir die Augen geöffnet.« Mutter lächelte. »Erinnerst du dich noch an die Ratschläge, die ich dir gegeben habe?« Sie hob die Hand und schnippte mit den Fingern.

Ein Blitz bahnte sich einen Weg vom Himmel. Wie ein betrunkener Autofahrer, glitt er im Zickzack hinab. Wie ein betrunkener Autofahrer, der im letzten Moment einem Baum ausweicht, bog der Blitz knapp über den Köpfen von Mutter und Tochter ab und schlug in das Innere der Garage ein. Die Kartons mit den Manuskripten fingen Feuer. Für die Flammen war das trockene Papier wie eine Partymeile. Es besuchte jede Ecke, um nichts zu verpassen. Schnell stand die ganze Garage in Flammen.

»Vergiss alles, was ich gesagt habe.« Mutter packte Yvonne an den Schultern und sah ihr in die Augen. »Du bist gut genug.« Sie lächelte. »Erfülle dir deine Träume.«

Yvonne wischte sich eine Träne aus dem Auge.

»Ich muss weiter«, sagte Mutter. »Der Wetterbericht hat drei Tage Regen in der Nachbarstadt angekündigt. Ich muss dafür sorgen, dass sie nach drei Wochen mal wieder richtig lagen. Ist vertraglich so festgelegt. Ich glaube, Petrus hat irgendeinen Deal mit denen.«

Sie verschwand in einer Wolke, die sich langsam vor Yvonnes Augen auflöste. Yvonne ging nach Hause und setzte sich an ihre Schreibmaschine. Sie starrte das Blatt Papier darin an. Dann schrieb sie weiter über Blitz und Donner.

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8 Gedanken zu “„Mach was!“ – Mit Blitz und Donner

  1. Sehr schön! Wenn sie nicht so bissig und selbstironisch wäre, wäre die Geschichte verdammt kitschig, aber so ist sie richtig unterhaltsam (gut, schließt sich nicht gegenseitig aus…) und vor allem inspirierend 😉

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